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Sänger Clueso: «Die Peace-Flagge reicht heute nicht mehr»

Der Sänger Clueso steht während eines Konzerts auf der Bühne. / Foto: Sebastian Kahnert/dpa
Der Sänger Clueso steht während eines Konzerts auf der Bühne. / Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Für Singer-Songwriter Clueso hat der Krieg Russlands gegen die Ukraine den Blick auf politische Realitäten geschärft. «Die Peace-Flagge reicht heute nicht mehr aus. Das ist mir zu wenig», sagte der 42-Jährige der Deutschen Presse-Agentur in Dresden. Er sei durch das Geschehen emotional berührt. «Stoppt Putin» sei für ihn die einzige Botschaft in diesen Tagen, wobei Putin nicht mit Russland gleichgesetzt werden dürfe. «Die Menschen in der Ukraine haben noch im Januar «Spiderman» geguckt und sich überlegt, wohin sie in den Urlaub fahren. Und jetzt können sie nicht einmal mehr nach Hause, weil Krieg ist.»

Die Lage in der Ukraine habe etwas in ihm ausgelöst, bekannte der Musiker. «Die Songs, die ich schreibe, sind jetzt etwas dunkler.» Er spüre aber das gleiche Problem wie viele andere Künstler. «Versierte politische Songs zu schreiben, ist sehr schwierig. Das Rad dreht sich weiter, es passieren immer neue Sachen. Und die Bewertung mancher Vorgänge ändert sich.» Als Künstler wolle man aber «Songs für die Ewigkeit» schreiben. «Ich war schon immer ein Mensch, der im Jetzt lebt. Ich sehe aber an meinen Eltern, dass sie Dinge anders betrachten als früher. Ihnen ist durch die Corona-Pandemie und den Krieg ihre Planungssicherheit verloren gegangen.»

Er habe in seiner Erfurter Wohnung eine aus der Ukraine geflüchtete Mutter mit ihren Kindern aufgenommen, erzählt Clueso. Er selbst lebe jetzt in zwei kleinen Zimmern, die Küche teilt er sich mit den Geflüchteten. «Ich versuche, ihnen das Leben zu erleichtern und sie ein wenig abzulenken.» Gerade die Kinder würden unheimlich schnell Deutsch lernen. Man bange nun gemeinsam, dass die Familie ihren Vater wiedersehen könne, der in der Ukraine geblieben sei. Clueso sieht die Aufnahme der Familie aber auch als Bereicherung für sich selbst. Er sei jemand, der seine Bedürfnisse gut den Umständen anpassen könne und fühle sich an seine Zeit in einer Wohngemeinschaft erinnert.

Zugleich legte Clueso ein Liebesbekenntnis zu seiner Heimatstadt Erfurt ab. «Ich bin an Erfurt kleben geblieben und Erfurt auch an mir. Ich liebe Erfurt, ich finde es cool da, auch wenn es mich manchmal nervt.» Inzwischen laufe er wegen seiner Bekanntheit wie ein bunter Hund durch die Stadt. Sein Beruf habe es zugelassen, dass er in Erfurt bleiben konnte. «Ich kenne viele Leute, die sind weggezogen. Sie sind weggegangen auch wegen der Jobs. Ich frage mich eigentlich jedes Jahr, ob ich nicht auch in einer anderen Stadt leben könnte und bin immer am Überlegen, ob ich das wirklich brauche für mein Seelenheil. Doch am Ende findet das nicht statt.»

«Natürlich bin ich oft anderswo, ob nun in Köln oder Berlin. Doch ich finde es immer sehr beruhigend, wenn ich nach Erfurt zurückkomme», sagte der Sänger. In die Stadt Hamburg habe er sich freilich ziemlich verliebt und sei zuletzt oft dort gewesen. Das sei eine Stadt, die er sich als Wohnort durchaus vorstellen könne. «In Hamburg kann man so richtig endstufenmäßig essen, aber auch in der Millerntor Gallery spazieren gehen. Hamburg hat eine geile Mischung zwischen Straßenkatze und Deluxe.» Leider seien in der Hansestadt die Mietpreise ziemlich «durchgeknallt». Erfurt sei da nicht ganz so abgedreht.

Das Thema Ost-West existiert für Clueso mehr als 30 Jahre nach dem Mauerfall nicht mehr. «Ich hatte kein Problem, mich als ostdeutscher Künstler im Musikbetrieb besonders beweisen zu müssen.» Zu seinen Konzerten in Erfurt seien auch viele Fans aus den alten Bundesländern gekommen. «Sie waren überrascht, wie geil der Osten ist.» Vielleicht sollten die Leute viel mehr in andere Bundesländer fahren und sich begegnen, überlegt Clueso. Er selbst habe das durch seinen Job zur Genüge gemacht. «Nach der Wende waren viele im Osten gefrustet, weil ihre Jobs wegfielen. Ich kannte keine Familie, in der nicht irgendwer seine Arbeit verlor. Das hat viele mitgenommen. Doch inzwischen haben viele wieder Fuß gefasst.»

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