Wie erleben Menschen staatliche Behörden und spielt ihre Herkunft dabei eine Rolle? Dieser Frage ist die Studie „Institutionen und Rassismus“ (InRa) nachgegangen. Drei Jahre lang, von 2021 bis 2024, untersuchten Forschende an zehn Standorten unter anderem Jobcenter, Ausländerbehörden, Polizei, Justiz, Jugendämter und Einrichtungen im Gesundheitswesen. Geleitet wurde der Forschungsverbund von Prof. Dr. Gert Pickel an der Universität Leipzig. Die Ergebnisse sind nun öffentlich zugänglich.
„Erstmals haben wir als unabhängiger Forschungsverbund Zugang zu staatlichen Institutionen erhalten, um Rassismus umfassend wissenschaftlich zu untersuchen“, sagt Pickel. Dafür nutzte das Team Umfragen, Interviews, Beobachtungen und die Analyse von Dokumenten.
Diskriminierung zeigt sich oft im Alltag
Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass es in allen untersuchten Behörden Formen rassistischer Diskriminierung gibt, allerdings unterschiedlich stark und nicht überall gleich. Offene Beleidigungen sind selten. Häufiger zeigt sich Diskriminierung im Alltag, etwa darin, wie Entscheidungen getroffen oder Anträge bearbeitet werden. Ein Beispiel sind Sprachbarrieren. Menschen mit schlechten Deutschkenntnissen erhalten in manchen Behörden viel Unterstützung, in anderen deutlich weniger. Wenn es keine klaren Regeln für Hilfestellung gibt, hängt vieles vom Verhalten einzelner Mitarbeitender ab. Die Forschenden weisen außerdem auf eine rechtliche Besonderheit hin. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz schützt Bürger bislang nicht ausdrücklich im direkten Kontakt mit staatlichen Behörden.
Parallel dazu wurden knapp 13.000 Mitarbeitende aus vier Bundesbehörden befragt. Die Ergebnisse zeigen: Insgesamt unterscheiden sich die Behörden in ihren Einstellungen nur gering voneinander. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung weisen sie kein durchgängig höheres Maß an diskriminierenden Einstellungen auf. Gleichzeitig berichteten – je nach Behörde – zwischen 18 und 26 Prozent der Beschäftigten, sich selbst im Beruf benachteiligt gefühlt zu haben. Mitarbeitende mit Migrationsgeschichte waren davon häufiger betroffen.
Erfahrungen von Betroffenen
In einer Onlinebefragung unter muslimischem Menschen gaben 80 Prozent der Teilnehmenden an, in Behörden Diskriminierung erlebt zu haben. Die Befragung ist nicht repräsentativ, zeigt aber, dass viele Betroffene entsprechende Erfahrungen als belastend empfinden. Ein Teil berichtete von langfristigen Folgen wie Selbstzweifeln oder Angstzuständen. Nur 17 Prozent wandten sich an eine Beschwerdestelle. Viele gaben an, sie erwarteten keine Veränderung durch eine Beschwerde.
Aus den Ergebnissen leitet das Forschungsteam mehrere Vorschläge ab. Dazu gehören unabhängige Beschwerdestellen, mehr Transparenz bei Entscheidungen sowie Fortbildungen für Mitarbeitende. Ziel sei es, mögliche Benachteiligungen zu verringern und das Vertrauen in staatliche Institutionen zu stärken. Die Studie wurde vom Bund mit sechs Millionen Euro gefördert. An der Universität Leipzig waren sechs der 23 Teilprojekte angesiedelt.
Originalpublikation:
Der vollständige Abschlussbericht der Studie "Institutionen und Rassismus“, die Ergebnisse der Teilprojekte sowie der Beschäftigtenbefragung sind hier abrufbar.