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Ein Jahr Impfkampagne: Welcher Weg für höhere Impfquote?

Thomas Grünewald spricht. / Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild
Thomas Grünewald spricht. / Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild

Als «Weihnachtsgeschenk» wurde der Start der Corona-Impfungen vor knapp einem Jahr gefeiert. Doch die Impfkampagne lief keineswegs immer rund und etliche Skeptiker wurden bis heute nicht überzeugt. Die Folge: Sachsen ist Schlusslicht im bundesweiten Vergleich.

Knapp ein Jahr nach dem Start der Impfkampagne ist Sachsen bei der Impfquote bundesweites Schlusslicht - nur knapp 60 Prozent der Menschen sind vollständig gegen das Coronavirus geschützt. Dabei brauche es eine Durchimpfungsrate von deutlich mehr als 90 Prozent, um die Pandemie zu begrenzen, sagte der Chef der Sächsischen Impfkommission (Siko), Thomas Grünewald, der Deutschen Presse-Agentur dpa. Eine Impfpflicht nur in der Pflege reiche daher nicht aus - man müsse auch über eine allgemeine Pflicht diskutieren.

In Sachsen war am 27. Dezember vor einem Jahr die Impfkampagne gestartet. Die ersten Spritzen wurden in Pflegeheimen in Lichtentanne (Landkreis Zwickau) und Radeberg (Landkreis Bautzen) sowie am Klinikum Chemnitz verabreicht. Von einem «Weihnachtsgeschenk» sprach damals Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD).

Nachdem das Interesse an dem zunächst knappen Impfstoff groß war, ebbte es spätestens im Sommer ab. Die Impfzentren wurden schließlich wieder geschlossen - kurz vor dem Start der Booster-Kampagne. Im Herbst waren Impftermine in Sachsen daher wieder ein rares Gut und Menschen harrten stundenlang in der Kälte vor Impfstellen aus, um ihre Auffrischimpfung zu erhalten. Mancher fuhr deswegen sogar über die Landesgrenze nach Bayern.

Im Bundesvergleich trägt Sachsen seit langem die rote Laterne beim Impfen. Nach Zahlen des Robert Koch-Instituts sind nur knapp 60 Prozent der Bevölkerung im Freistaat vollständig geimpft. Zum Vergleich: In Bremen sind es über 82 Prozent, im Saarland fast 77 Prozent. Per Auffrischimpfung ist bisher jeder vierte Sachse immunisiert - auch hier ist das Bundesland Schlusslicht.

Während ein Teil der Bevölkerung stundenlang anstand, um eine Spritze zu erhalten, entscheiden sich andere gegen die Impfung. Von nicht wenigen Impfskeptikern ist zu hören, sie warteten auf einen konventionellen Impfstoff, der nicht auf die mRNA-Technologie beruhe.

Der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen, Klaus Heckemann, setzt deshalb auch auf proteinbasierte Impfstoffe, um der Impfkampagne neuen Schwung zu verleihen. «Ich denke, dass zwei Drittel derjenigen, die bislang bewusst ungeimpft sind, sich damit behandeln lassen würden», sagte er der dpa. Als Beispiel nannte er den Impfstoff des US-Herstellers Novavax, für den die EU-Arzneimittelbehörde EMA am Montag grünes Licht gegeben hat. Nun steht dafür noch die Zustimmung der EU-Kommission aus.

Die Impfung hinauszuzögern, weil man auf einen konventionellen Impfstoff wartet, davon rät Siko-Chef Grünewald ab. Das große Problem sei, dass sie - wenn diese Impfstoffe verabreicht werden könnten - nicht auf die dann wohl vorherrschende Omikron-Variante geprüft und ihre Wirksamkeit dagegen nur sehr eingeschränkt sei.

Dass mehrere Impfungen notwendig sind, um eine Grundimmunisierung zu erreichen, sei nicht ungewöhnlich, betonte Grünewald mit Blick auf die aktuelle Booster-Kampagne. Er verwies etwa auf Tetanus und Kinderlähmung. Viele Menschen hätten das jedoch vergessen, weil diese Grundimmunisierung schon im Kindesalter erfolgt und später nur noch im Abstand von mehreren Jahren aufgefrischt werden muss. «Und wenn Omikron bei uns so kommt, wie es in anderen Ländern der Fall ist, dann brauchen wir noch eine vierte Impfung.» Es werde an Impfstoffen mit der mRNA-Technologie gearbeitet, die daran angepasst seien.

Am Klinikum Chemnitz, wo er die Klinik für Infektions- und Tropenmedizin leitet, habe man mit speziellen Sprechstunden für Unentschlossene gute Erfahrungen gemacht, erklärte Grünewald. Nach dem unverbindlichen Beratungsgespräch habe sich etwa die Hälfte der Ratsuchenden für eine Impfung entschieden.

Auch Heckemann plädiert für neutrale Informationsangebote, die Bürgern alle wichtigen Informationen an die Hand geben sollten, auf deren Basis sie ihre eigenen Entscheidungen treffen könnten. «Die Impfkampagne kommt oft oberlehrerhaft rüber», kritisierte er. Den Bürgern werde nicht das Gefühl vermittelt, dass sie für mündig gehalten würden und eine eigene Entscheidung treffen könnten. «Besonders Ostdeutsche reagieren darauf allergisch.»

Deshalb sei er gegen weitere Plakatkampagnen für eine Corona-Impfung. Heckemann warb noch einmal für einen Vorschlag, den er am Freitag bei einem Corona-Briefing mit der Landesregierung gemacht hatte. Alle über 60-Jährigen sollten einen Brief mit Informationen zu Vorteilen und Angeboten einer Booster-Impfung bekommen. «Die eigene Willensbildung der Menschen in den Vordergrund zu stellen, ist wichtig.» Man müsse sich in diejenigen hineinversetzen, die man erreichen wolle. Deshalb sei es auch ein Problem, dass nicht genug Informationen über die Motive der Ungeimpften gesammelt worden seien.

Als Lehre aus der Corona-Impfkampagne mahnte auch Grünewald eine bessere Kommunikation und Aufklärung der Menschen an. Es sei falsch gewesen, einzelne Maßnahmen - etwa eine Impfpflicht - auszuschließen. «Die Zeit und der Verlauf der Pandemie lehren uns, welche Maßnahmen effektiv sind und welche nicht.» Es sei bisher offensichtlich nicht allen klar geworden, dass eine solche Pandemie in Wellen verlaufe. «Wir hecheln immer noch den Wellen hinterher. Wir müssen lernen, vor der Welle zu sein statt von ihr überrollt zu werden», betonte er.

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