Nicht jedes Krebsmedikament wirkt bei jedem Patienten gleich gut. Manche Tumore tragen bestimmte Strukturen auf ihrer Oberfläche, andere nicht. Fehlt diese Struktur, bleibt die Therapie wirkungslos. Forscher am Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf haben nun einen Weg gefunden, diese Strukturen sichtbar zu machen. Ihr Molekülmarker NECT-224 könnte Ärzten künftig dabei helfen, die richtige Behandlung für Blasenkrebs-Patienten auszuwählen.
Das Team entwickelte einen sogenannten Radiotracer. Das ist ein Molekül, das mit einer schwach radioaktiven Substanz markiert wird. Es dockt gezielt an Krebszellen an, die ein bestimmtes Protein namens Nectin-4 auf ihrer Oberfläche tragen. Mit einer speziellen Bildgebung, der Positronen-Emissions-Tomographie, lässt sich dann erkennen, wo im Körper sich diese Zellen befinden. „Mit NECT-224 können wir ans Licht bringen, ob ein Tumor tatsächlich Nectin-4 trägt, um zu beurteilen, ob der betroffene Patient auf gezielte Therapien ansprechen wird", erklärt Dr. Robert Wodtke vom HZDR-Institut für Radiopharmazeutische Krebsforschung.
Erster Einsatz am Dresdner Uniklinikum erfolgreich
Besonders bei Urothelkarzinomen, einer häufigen Form von Blasenkrebs, spielt Nectin-4 eine wichtige Rolle. Moderne Medikamente nutzen dieses Protein als Angriffspunkt. Sie docken daran an und schalten die Tumorzellen gezielt aus. Das Problem: Nicht jeder Tumor bildet Nectin-4 in ausreichender Menge. Tochtergeschwülste können das Protein sogar verlieren. Bisher gab es keine zuverlässige Methode, um ohne Operation festzustellen, ob und wo im Körper das Protein vorhanden ist.
Die Dresdner Wissenschaftler veränderten ein bereits bekanntes Wirkstoffmolekül chemisch so, dass es sich für die Diagnostik eignet. Sie nutzten dafür ein bizyklisches Peptid. Diese Moleküle sind im Körper stabil und finden ihr Ziel sehr genau. Nach umfangreichen Tests in Zellkulturen und Tiermodellen kam NECT-224 im Sommer 2025 erstmals bei einem Patienten am Universitätsklinikum Dresden zum Einsatz. Die Aufnahmen zeigten die Tumorerkrankung deutlich.
Von der Diagnose zur Therapie
Das Forschungsteam arbeitet bereits an Verbesserungen. Der Marker soll künftig länger im Tumorgewebe bleiben. Außerdem prüfen die Wissenschaftler, ob sich NECT-224 auch für neue Behandlungsstrategien eignet, die Diagnose und Therapie verbinden.
Die Entwicklung entstand im EU-Forschungsprojekt UroNec. Beteiligt sind neben dem HZDR und dem Dresdner Universitätsklinikum auch die Unternehmen ROTOP Pharmaka aus Dresden-Rossendorf und CUP Laboratorien Dr. Freitag aus Radeberg. „Der erfolgreiche erste Einsatz beim Menschen war für uns ein wichtiger Meilenstein und ein starkes Zeichen dafür, dass dieser Tracer einen echten klinischen Mehrwert bieten kann“, sagt Wodtke. Das Projekt ist Teil des Radiopharmazie-Netzwerks nukliD, das Dresden als führendes Zentrum auf diesem Gebiet etablieren will.