Die Nachricht ist zunächst eine gute. Rund 90 Prozent der Kinder mit Leukämie überleben heute ihre Erkrankung. Doch viele zahlen einen hohen Preis für ihr Leben. Herzprobleme, Wachstumsstörungen und Schwierigkeiten beim Lernen begleiten sie oft jahrzehntelang. Die aggressive Chemotherapie rettet zwar Leben, doch sie hinterlässt Narben. Forschende in Dresden arbeiten daran, dass künftige Generationen diese Belastungen nicht mehr erdulden müssen.
„Unser Ziel ist es, Kinder mit Leukämie wirksam zu heilen, ohne sie langfristig durch hochtoxische Therapien zu schädigen", sagt Prof. Denis Schewe, Leiter des Kinderonkologischen Zentrums am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen Dresden. Anlässlich des Internationalen Kinderkrebstages am 15. Februar stellt das NCT/UCC Dresden seine Forschungsschwerpunkte vor. Leukämien machen fast 30 Prozent aller Krebserkrankungen bei Kindern aus. Jährlich kommen rund 100 Kinder und Jugendliche mit neuen Krebsdiagnosen ans Zentrum.
Molekulare Schalter gegen Krebs
Die Forschenden setzen auf präzisionsmedizinische Ansätze. Statt den gesamten Körper mit aggressiver Chemotherapie zu behandeln, suchen sie nach spezifischen Schwachstellen der Krebszellen. Mit funktioneller Genomik und CRISPR-basierten Screenings identifizieren sie molekulare Angriffspunkte. Diese moderne Genschere-Technologie ermöglicht es, gezielt einzelne Gene auszuschalten und so herauszufinden, welche für das Überleben der Krebszellen entscheidend sind.
Besonders bei akuter lymphoblastischer Leukämie konzentrieren sich die Wissenschaftler auf antikörperbasierte Therapien und zielgerichtete Medikamentenkombinationen. Sie untersuchen auch, warum manche Kinder Rückfälle erleiden und Resistenzen gegen Behandlungen entwickeln. „Ich würde mir wünschen, dass Kinder mit Leukämien in zehn Jahren im Vergleich zu heute nur noch halb so viel Chemotherapie bekommen müssen", sagt Schewe. Die neuen Therapieoptionen sollen auch für andere Krebserkrankungen bei Kindern anwendbar sein.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit als Schlüssel
„Fortschritte in der Kinderonkologie sind ohne eine starke, interdisziplinäre Forschung nicht denkbar", betont Prof. Esther Troost, Dekanin der Medizinischen Fakultät der TU Dresden. Als Radioonkologin hat sie regelmäßig Kontakt zu krebskranken Kindern, vor allem im Zusammenhang mit der in Dresden angebotenen Protonentherapie. Diese spezielle Strahlentherapie ermöglicht eine präzisere Behandlung von Tumoren. „Es ist wichtig, Therapien weiterzuentwickeln, die nicht nur wirksam sind, sondern junge Patientinnen und Patienten langfristig möglichst wenig belasten", sagt sie.
Prof. Uwe Platzbecker, Medizinischer Vorstand des Universitätsklinikums Dresden, unterstreicht die Bedeutung des Standorts. „Gerade bei Leukämien im Kindesalter haben wissenschaftliche Innovationen in den vergangenen Jahrzehnten enorme Fortschritte ermöglicht", sagt der Experte für hämatologische Erkrankungen. Entscheidend sei nun, neue, zielgerichtete Therapieansätze konsequent in die klinische Anwendung zu überführen.
Neben der Therapieforschung startet das NCT/UCC Dresden zwei Projekte, die den Alltag betroffener Familien spürbar erleichtern sollen. Mit Ped-Onko-SAX entsteht eine digitale Plattform, die Telemedizin, Heimdiagnostik sowie ein kontinuierliches medizinisches und neuropsychologisches Monitoring ermöglicht. Ziel ist es, Kindern und Jugendlichen unabhängig vom Wohnort Zugang zu universitärer Spitzenmedizin zu bieten und lange Fahrten zu vermeiden. Ergänzend entwickelt das Team mit KOMNET-SAX ein mobiles Versorgungsnetzwerk. Speziell qualifizierte Pflegekräfte sollen einen Teil ambulanter Klinikbesuche durch Hausbesuche ersetzen. So wollen die Forschenden die Lebensqualität der jungen Patientinnen und Patienten verbessern und Familien gezielt entlasten.