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Lithiumabbau im Erzgebirge: Zwei Projekte, viele Hürden

Aus dem Festgestein unter dem Altenberger Ortsteil Zinnwald will das Unternehmen Zinnwald Lithium die seltene Erde für Smartphones und E-Autos gewinnen. (Archivbild) / Foto: Sebastian Kahnert/dpa
Aus dem Festgestein unter dem Altenberger Ortsteil Zinnwald will das Unternehmen Zinnwald Lithium die seltene Erde für Smartphones und E-Autos gewinnen. (Archivbild) / Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Tschechien setzt beim Lithiumabbau auf staatliche Förderung, Sachsen wartet noch auf ein klares Signal aus Brüssel. Welche Hürden und Chancen gibt es für die Projekte in der Region?

Die heimische Rohstoffgewinnung rückt in Deutschland stärker in den Fokus. Aus keinem Land in der EU hat es in diesem Januar mehr Bewerbungen um den Status eines kritischen Rohstoffprojekts bei der EU-Kommission gegeben, sagte Matthias Koehler, Ministerialdirigent im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, bei der Sächsischen Rohstoffkonferenz in Freiberg. Ein solcher Status verspricht gemäß EU-Verordnung eine bevorzugte Behandlung für schnellere Genehmigungsverfahren. 

Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) betonte, Rohstoffe seien «Grundlage für unseren Wohlstand» und für die Zukunft des Industrie- und Autolands Sachsen entscheidend. Seit rund zehn Jahren reifen Pläne, Lithium aus Gestein unter dem Erzgebirge zu beiden Seiten der sächsischen Landesgrenze zu gewinnen. Während das Projekt in Tschechien mit politischem Rückenwind und Staatsgeld rechnen kann, kämpft die sächsische Seite weiter um ein klares Signal aus Brüssel.

Was plant Tschechien in Cínovec – und wie weit ist das Projekt?

In Cínovec (deutsch: Zinnwald) will die Firma Geomet jährlich rund 3,2 Millionen Tonnen Erz fördern und daraus 37.000 Tonnen Lithiumkarbonat gewinnen – genug für Batterien von bis zu 1,3 Millionen E‑Autos, heißt es in einer Machbarkeitsstudie des Unternehmens. Unmittelbar könnten demnach 2.000 Jobs entstehen. Es gebe keine «technischen Hindernisse» für Bau und Betrieb der Anlage, heißt es aus dem Unternehmen. 

Nun sollen die Aktionäre über Umsetzung und Finanzierung entscheiden. Das Vorhaben steht bereits seit vergangenem Jahr auf der EU-Liste strategischer Rohstoffprojekte. Die frühere tschechische Regierung hatte Subventionen in Höhe von 8,8 Milliarden Kronen (rund 361 Millionen Euro) zugesagt. Bewilligt wurden zudem knapp 33 Millionen Euro EU-Fördergelder. 

Bevor der Abbau starten kann, steht eine Umweltverträglichkeitsprüfung beim Umweltministerium an. Umweltschützer und Bürgerinitiativen warnen mit Blick auf das Unesco-Welterbe Montanregion Erzgebirge vor Folgen für Natur, Wasserhaushalt und Tourismus.

Wo steht das Lithiumprojekt in Zinnwald – und warum hakt es?

Zinnwald Lithium blieb der Status eines EU-Projekts für kritische Rohstoffe im vergangenen Jahr im Gegensatz zum tschechischen Projekt verwehrt. Zwar gab es bereits mehrfach hochrangigen politischen Besuch. Eine finanzielle Unterstützung, wie sie der tschechische Staat für den Lithiumabbau zugesagt hat, gibt es für das Lithium-Vorhaben in Sachsen aber bislang nicht.

Jährlich könnten laut Unternehmen etwa 1,5 Millionen Tonnen Lithium-Erz abgebaut werden. Insbesondere die in Rede stehenden Standorte einer Aufbereitungsanlage und einer Abraumhalde sorgen bei Bürgerinitiativen für Widerstand. 

Mitte Januar hat sich Zinnwald Lithium erneut um den Status eines kritischen EU-Rohstoffprojekts beworben, sagte Geschäftsführer Marko Uhlig. Für Investoren sei der Status «ein wichtiges Signal», so der Manager sinngemäß – ohne erkennbare Fortschritte würden die Geldgeber «irgendwann skeptisch».

Uhlig wünscht sich auch in Sachsen finanzielle Beteiligung durch den Staat. Der Freistaat könne so «sehr starke Einflussmöglichkeiten» gewinnen. Der Bund unterstützt kritische Rohstoffvorhaben seit 2024 über den Rohstofffonds der Förderbank KfW. Doch das Instrument setze «am völlig falschen Ansatzpunkt» an, kritisierte Uhlig. Vorausgesetzt seien eine fertige Machbarkeitsstudie und Lieferverträge. Zu diesem Zeitpunkt sei zusätzliches Geld meist überflüssig.

Was sagt die EU-Kommission?

Eine Sprecherin der EU-Kommission verwies darauf, dass alle Projekte die nötigen Kriterien erfüllen müssen. Dabei gehe es neben einem bedeutenden Beitrag zur Versorgungssicherheit, technischer Durchführbarkeit und nachhaltiger Umsetzung in Bezug auf Umwelt und Soziales auch um «grenzüberschreitende Vorteile». 

Grundsätzlich sei es «theoretisch» möglich, dass zwei getrennte Projekte am selben geologischen Lagerstättenkomplex – wie Cínovec und Zinnwald – gleichzeitig den Strategiestatus erhalten. Zu konkreten Anträgen äußert sich Brüssel allerdings nicht. Für die Prüfung der Mitte Januar eingegangenen Bewerbungen hat die Kommission nun 90 bis 180 Tage Zeit, heißt es weiter. 

Würde der EU-Status die Genehmigung in Sachsen beschleunigen?

Für das sächsische Oberbergamt wäre ein als kritisches EU-Projekt eingestuftes Vorhaben formal «erstmal gar nicht» anders zu behandeln als andere Bergwerke, wie Präsident Bernhard Cramer erläuterte. Umwelt- und Sicherheitsstandards dürften nicht aufgeweicht werden. «Bergbau, der nicht nach unseren Wertesystemen genehmigungsfähig ist, darf ich nicht einfach durchpeitschen», so Sachsens oberster Bergmann. 

Praktisch sieht Cramer aber politischen Druck: Ein kritisches Rohstoffprojekt wäre «hochpolitisch, hoch öffentlich wirksam», der Freistaat könne sich nicht leisten, dass die eigene Behörde bremse. Man würde eine Art «Taskforce» aus erfahrenen Leuten bilden, andere Verfahren zurückstellen und den eigenen Anspruch haben, solche Projekte in der geforderten Zeit abzuarbeiten.

Geht das Bergbau-Revival weiter oder gibt es Konflikte?

Sachsen reklamiert bei Erkundungsprojekten zu neuen Erzvorkommen eine «europäische Spitzenposition» und zählt seit 2006 nach Cramers Angaben 88 Bewilligungen für neuen Erzbergbau, derzeit laufen rund 33 Projekte. Beispiel Tellerhäuser am Fichtelberg: Die Firma Saxore plant ein komplett untertägiges Zinnbergwerk ohne sichtbare Halden und Aufbereitung – Geschäftsführer Matthias Faust spricht von der «ersten Stealth Mine der Welt», die «keine bleibenden Spuren» an der Oberfläche hinterlassen soll. Doch auch hier gibt es Zweifel bei Bürgerinitiativen und betroffenen Kommunen.

Zugleich ist das Erzgebirge Unesco-Weltkulturerbe und dicht von Altstollen durchzogen. Das mache neue Projekte mitunter technisch und finanziell anspruchsvoll, so Faust weiter. Oberbergamts-Präsident Cramer beobachtet in der Bevölkerung keine einfache Pro- oder Contra-Stimmung, sondern «eine differenziertere» Debatte zwischen bergmännischer Tradition, Umweltschutz und Tourismus. Ob die Lithiumprojekte tatsächlich kommen, dürfte am Ende nicht nur eine Frage von Rohstoffpreisen sein.

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