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Umgang mit Missbrauch in Kirche: Priestergrab eingeebnet

Eine katholische Gemeinde arbeitet den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen auf. Der Haupttäter, ein beliebter Pfarrer, ist schon Jahrzehnte tot - der Diskussion darüber folgen nun Taten.

Mit der Einebnung der letzten Ruhestätte des Haupttäters hat die katholische St. Georg-Gemeinde in Heidenau (Sächsische Schweiz) Jahrzehnte nach dem sexuellen Missbrauch von Kindern ein sichtbares Zeichen der seit Monaten laufenden Aufarbeitung gesetzt. Das Grab des früheren Pfarrers Herbert Jungnitsch (1898-1971) wurde am 23. Mai aufgelöst, wie Stephan von Spies, Justiziar des Bistums Dresden-Meissen, der Deutschen Presse-Agentur mitteilte.

Fachleute der Rechtsmedizin nahmen dabei auch Proben «zur Feststellung einer eventuellen Vaterschaft». Die Gemeinde hatte die Beseitigung der Grabstätte schon 2021 beschlossen. Zwischenzeitlich gingen nach Angaben von Gemeindereferent Benno Kirtzel dann Anträge ein, um den Verdacht einer Nachkommenschaft zu klären.

Die Gemeinde war offiziell im Juli 2020 über die Vorgänge um Jungnitsch informiert worden, nachdem mehr als 50 Jahre nicht über die Vorfälle gesprochen wurde. Eine öffentliche Versammlung, bei der auch die Fakten benannt wurden, markierte im September 2021 den Beginn der Aufarbeitung. Herauszufinden, was das für die Gemeinde bedeute, sei ein schwieriger Prozess, sagte Kirtzel. Dabei gehe es auch um eine angemessene Form der Erinnerung. «Das Thema ist jetzt präsent und es wird intensiv damit umgegangen.»

Jungnitsch, Pfarrer von 1948 bis 1971, war angesehen und sehr beliebt. Nach Angaben des Bistums hat er sich in mindestens vier Fällen der sexualisierten und körperlichen Gewalt schuldig gemacht, bis zum schweren Kindesmissbrauch. Schon 2010 berichteten Betroffene dem damaligen Bischof von wiederholter und zum Teil schwerster sexueller Gewalt zwischen 1964 und 1968. Opfer waren Mädchen zwischen vier und acht Jahren, Tatorte Räume von Pfarrei und der Pfarrerswohnung, die Sakristei oder die Empore hinter der Orgel. Mindestens sechs weitere Männer zwischen 20 und 70 Jahren sollen beteiligt gewesen sein.

Das Ordinariat spricht von einem beispiellosen Fall. «Die Gemeinde versucht, die Hintergründe weiter zu erhellen und damit klar zu kommen, was passiert ist», sagt Justiziar Spies. Aber Heidenau ist nicht allein. «Es gibt leider mehrere betroffene Gemeinden, wo der Verdacht oder die Tatsache sexuellen Missbrauchs von Kindern oder Jugendlichen in der Vergangenheit besteht», sagt Bischof Heinrich Timmerevers.

Seit 1945 stehen bisher 27 Verdachtsfälle im Bistum zu Buche. 19 der Beschuldigten sind Kleriker und 8 Laien. In zwölf Fällen gab es Strafverfahren. Zehn wurden eingestellt, es gab je eine Verurteilung und einen Freispruch. Sechs Beschuldigte waren tot, in drei Fällen gab es keine Strafanzeige, in sieben Fällen fehlten Anhaltspunkte, ein Vorgang ist noch offen. Fast zwei Drittel der 53 Opfer waren männlich, 21 weiblich. Die meisten der bekannten Taten datieren aus den 1970er Jahren, viele aus den 1960er und 1980er Jahren. Bisher wurden 24 Entschädigungsanträge bewilligt - und knapp 180.000 Euro gezahlt.

Informationen über einen aktuellen Missbrauchsvorfall gab es laut Spies nicht. «Gemeldet wurden uns aber Beobachtungen, die zwei Jahre zurücklagen.» Dem werde nachgegangen und stets «als erstes geprüft, ob Sofortmaßnahmen nötig sind». Die Sensibilität für das Thema Missbrauch sei «heute deutlich höher bei allen», sagt der Bischof. Haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter würden geschult, Prävention sei Bestandteil in allen Einrichtungen, die Pfarreien entwickelten Konzepte dafür. «Es bleibt immer ein Dauerthema, wir sind nie damit durch.»

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