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Früherer DDR-Bürgerrechtler Schulz tot

Der verstorbene frühere DDR-Bürgerrechtler Werner Schulz. / Foto: Rolf Vennenbernd/dpa
Der verstorbene frühere DDR-Bürgerrechtler Werner Schulz. / Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Der frühere DDR-Bürgerrechtler Werner Schulz ist tot. Er starb am Mittwoch unter dramatischen Umständen während einer Veranstaltung im Berliner Schloss Bellevue. Das gab Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sichtbar erschüttert während einer Tagung bekannt, bei der Schulz mitdiskutieren wollte. Der Grünen-Politiker wurde 72 Jahre alt. Schulz sei ihm «ein guter und enger Ratgeber in allen Ost-West-Dingen» gewesen, sagte Steinmeier, als er den Teilnehmern der Tagung die Unglücksnachricht überbrachte.

Schulz war am Rande der Konferenz zusammengebrochen. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, der Arzt ist, versuchte noch, den Grünen-Politiker zu reanimieren. Dies gelang jedoch nicht. Die Tagung wurde nach einer Schweigeminute der Teilnehmer abgebrochen.

In einem Kondolenzschreiben an die Witwe Monika Schulz würdigte der Bundespräsident den Verstorbenen als leidenschaftlichen Kämpfer für Demokratie und Freiheit. «Werner Schulz war einer jener mutigen Persönlichkeiten, denen wir alle in unserem wiedervereinten Land den Fall der Mauer verdanken», schrieb er. «Für seine Courage, seine stets aufrechte Haltung und zugleich für seine Analysekraft habe ich ihn zutiefst bewundert.» Schulz werde ihm als wichtiger und hoch geschätzter Gesprächspartner fehlen.

Schulz habe in der DDR unerschrocken und beharrlich trotz Repression zunächst in der kirchlichen Friedensbewegung, später als Mitbegründer des Neuen Forums und als Mitglied des Zentralen Runden Tisches der DDR für eine demokratische Revolution gekämpft. Als einer der ersten ostdeutschen Abgeordneten im Bundestag sei er über Parteigrenzen hinweg hoch geachtet gewesen. «Wir verlieren einen unserer leidenschaftlichsten Politiker, der sich seine Unabhängigkeit bewahrte und auch dort Stellung bezog, wo es unbequem war.»

Schulz wurde am 22. Januar 1950 in Zwickau geboren. Er absolvierte ein Studium der Lebensmittelchemie und -technologie an der Humboldt-Universität Berlin. Seit 1968 war er in verschiedenen Oppositionsgruppen der DDR aktiv. 1989 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Neuen Forums, das er am Runden Tisch vertrat. 1990 wurde Schulz Mitglied der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR. Vom Oktober 1990 bis Oktober 2005 gehörte er für Bündnis 90/Die Grünen dem Bundestag an, von 2009 bis 2014 dem Europaparlament.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) würdigte den Verstorbenen auf Twitter: «Er hat sich sehr verdient gemacht um unser Land, um das Zusammenwachsen von Ost und West», so der Regierungschef. «Meine Gedanken sind bei seiner Familie und den Weggefährten - ihnen wünsche ich viel Kraft.»

Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) zeigte sich traurig und schockiert. «Er konnte wie kein anderer den Totalitarismus des SED-Regimes und den Unterschied zur Demokratie und Rechtsstaatlichkeit begreifbar machen.» Schulz sei Bürgerrechtler durch und durch gewesen. «Seine Stimme und seine aufrüttelnde Einmischung werden fehlen.»

Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) schrieb auf Twitter: «Am 33. Jahrestag des Mauerfalls verlieren wir mit Werner Schulz einen unermüdlichen Verfechter der Demokratie.» Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) würdigte Schulz als einen im besten Sinne Getriebenen im Dienste der Demokratie. «Sein Denken war geprägt vom Mut zum Widerspruch.»

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) bezeichnete den Grünen-Politiker als wichtige Stimme der deutschen Demokratie. «Als DDR-Oppositioneller, als Politiker und Redner betonte er unermüdlich die Bedeutung des Gesprächs, Sachverstandes und das klare Bekenntnis zur Demokratie für unsere Gesellschaft.»

Die Direktorin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Anna Kaminsky, teilte mit: «Wir verlieren mit Werner Schulz einen engagierten, streitbaren und vor allem warmherzigen Unterstützer.» Schulz gehörte seit Gründung der Stiftung 1998 dem Stiftungsrat an. Auch dessen Vorsitzender Markus Meckel würdigte ihn: «Seit Jahren kritisierte er weitsichtig - insbesondere auch als Abgeordneter des Europäischen Parlaments - die deutsche Russlandpolitik und mahnte eine realistische Auseinandersetzung mit Putin an.»

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