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«Doktor der Stasi»?: Bundesbehörde legt Arbeiten offen

25.12.2019 von

Foto: Roland Jahn spricht im Rahmen eines Interviews. Foto: Jörg Carstensen/dpa/Archivbild

Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, will erreichen, dass frühere Stasi-Offiziere mit Doktortitel diesen Titel mit dem Zusatz «Stasi» führen müssen. Da der akademische Titel wegen des Einigungsvertrages nicht aberkannt werden kann, sollten sie wenigstens zu dem Zusatz verpflichtet werden, sagte der frühere DDR-Oppositionelle der Deutschen Presse-Agentur. «Doktor der Stasi - das wäre dann echte Transparenz.»

Die Doktorarbeiten seien Dokumente des Selbstverständnisses der DDR-Geheimpolizei gewesen. Erörtert worden sei darin zum Beispiel die Zersetzung des persönlichen Lebens von Andersdenkenden oder die Bekämpfung der politischen Opposition, so der Bundesbeauftragte. «Das waren Anleitungen zur Verletzung der Menschenrechte.» Das sei nicht akzeptabel und müsse jetzt politisch angegangen und hinterfragt werden, betonte Jahn.

Die meisten Titel wurden demnach an der geheimen Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) erworben. Nach außen habe die Einrichtung als Juristische Hochschule Potsdam fungiert. Nach Angaben der Behörde wurden dort 174 Promotionsarbeiten von insgesamt 485 Autoren erstellt. Charakteristisch war laut Angaben, dass der überwiegende Teil der Arbeiten nicht von Einzelautoren erstellt wurde. In einem Fall seien zehn Doktoranden beteiligt gewesen. Dass Doktorarbeiten von mehreren Autoren geschrieben wurden, steht laut Behörde auch im Gegensatz zu heutigen Promotionsordnungen.

Die zentrale Bildungs- und Forschungsstätte des MfS war laut Stasi-Unterlagen-Behörde ideologisch ausgerichtet. Neben Marxismus-Leninismus wurden «politisch-operative Spezialdisziplinen» vermittelt. Hinzu kamen militärische Ausbildung und Sport. Eine Prüfung im Fach «Bearbeitung operativer Vorgänge» wurde zur Tarnung nach außen etwa mit «System der Rechtspflege der DDR» umetikettiert. Die Absolventen firmierten als «Diplom-Jurist». Die hochrangigen MfS-Kader hätten den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhoben.

Es gehe nicht darum, Menschen bis in alle Ewigkeit abzustempeln und zu verdammen, betonte Jahn. Wichtig sei vielmehr die Frage: Wie ist der Betroffene mit seiner Vergangenheit umgegangen? «Dieser Diskurs ist noch lange nicht vorbei, er muss weiter geführt werden.»

Der heute 66-Jährige war in der DDR 1977 vom Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Friedrich-Schiller-Universität Jena exmatrikuliert und später gegen seinen Willen ausgebürgert worden. Er hatte öffentlich die Zensur in der DDR kritisiert. 2018 bekam Jahn von seiner alten Uni die Ehrendoktorwürde.

Das Stasi-Unterlagen-Archiv stellt nun überlieferte Forschungsarbeiten von Hochschul-Absolventen online. «Mit dem Projekt wollen wir einen Beitrag zu einem gesellschaftliches Bewusstsein leisten, dass das politisch nicht akzeptabel ist», betonte Jahn.

Der erste Doktortitel wurde laut Archiv 1966 für das Thema «Die verbrecherischen Grenzüberschreitungen Jugendlicher und Heranwachsender in ihren Erscheinungsformen sowie in ihrer sozialen und psychischen Determiniertheit» an zwei Autoren vergeben.

Inhalt: dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Bilder: Roland Jahn spricht im Rahmen eines Interviews. Foto: Jörg Carstensen/dpa/Archivbild

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