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Stress für geschützte Natur: Boofen-Boom stört Vögel

Ein Schild „Freiübernachtungsstelle“ ist an einem Felsen über einer offiziellen Boofe angeschraubt. / Foto: Robert Michael/dpa
Ein Schild „Freiübernachtungsstelle“ ist an einem Felsen über einer offiziellen Boofe angeschraubt. / Foto: Robert Michael/dpa

Wanderfalke, Uhu und Schwarzstorch haben in Sommernächten nur noch selten Ruhe in ihrem Revier in der Sächsischen Schweiz. Lärm, Licht und Gerüche stören Brut und Aufzucht - mit fatalen Folgen.

Illegale Partys, verbotene Nachtlager, Wildpinkler und Müll bedrohen die Tierwelt in der bizarren Felslandschaft des Elbsandsteingebirges. Neben dem nach 1990 mühsam wiederangesiedelten Wanderfalken sind Schwarzstorch und Uhu, aber auch andere Wildtiere wie Rehe und Schweine vor allem durch das Boofen - freie Übernachtung in der Natur - in ihrem Lebensraum gestört, sagt Hanspeter Mayr, Sprecher der Nationalparkverwaltung Sächsische Schweiz. Die Zahlen nähmen seit drei Jahren deutlich zu.

Die Behörde zieht nun die Reißleine: ab Freitag bis Mitte Juni ist das Freiübernachten in dem 9350 Hektar großen Gebiet mit 700 Kletterfelsen tabu, zum Schutz der Natur in der Brut- und Aufzuchtzeit. In den beiden Folgejahren gilt das Verbot dann von Februar bis Mitte Juni. Den Rest des Jahres bleibt das «Boofen» erlaubt, jedoch nur Bergsteigern und Kletterern und in 58 dafür ausgewiesenen Boofen - eine Ausnahme unter den 16 Nationalparks in Deutschland.

Der Landesverband Sachsen im Deutschen Alpenverein (DAV) und der Sächsische Bergsteigerbund ziehen mit. «Für uns als Bergsteiger ist das schmerzlich und ein sehr schwerer Einschnitt», sagt Vorstand Lutz Zybell. Aber es brauche «dieses starke Signal gegen das ausufernde Party-Boofen der letzten Jahre». Durch den Zulauf von Menschen sei das Boofen, auch durch die sozialen Medien, an die Grenze der Naturverträglichkeit gelangt. «Lärm, Musikanlagen, sogar der Pizzabote wurde schon in die Boofe bestellt», erzählt Zybell, selbst Kletterer «mit Herz und Seele».

Laut Mayr sind Reproduktionsraten und Population bei den wichtigsten Vögeln rückläufig, der Wanderfalke gar bedroht. «Es gibt weniger, die das Brüten versuchen und die Zahl der Jungvögel, die auffliegen, sinkt», beschreibt er die Lage. «Es spricht viel dafür, dass die Rückgänge zum Großteil mit der nächtlichen Anwesenheit von Menschen zusammenhängt.» Bis vor drei Jahren gab es nach seinen Angaben 17 bis 20 Brutpaare jährlich, 2021 waren es nur noch 13. «Und von den 13 in diesem Jahr haben zwei die Brut wieder aufgegeben, weil sie gestört wurde.»

Immer mehr Schlafgäste ohne Bezug zum Bergsport lassen sich auch an nicht zugelassenen Plätzen, Felsriffen und Aussichten nieder, und das in der gesamten Saison. «Überall im Wald sind sie anzutreffen, manche haben das System der festen Boofen nicht verstanden», sagt Mayr. Zuweilen lagerten sie ganz in der Nähe von Wanderfalken-Brutplätzen. «Alles, was gesprochen und gegrillt, hört und riecht man.» Das Boofen sei, potenziert durch die sozialen Medien, ein Massenphänomen, Event und Abenteuer. «Noch mit der letzten S-Bahn kommen sie aus Dresden», erzählt Mayr. Kurz vor Mitternacht gehe es dann hinauf, «um am Morgen die schönste Aussicht zu haben». Oft rückten sie in Gruppen an, auch aus anderen Städten wie Berlin.

2019 wurden von April bis Oktober 34.000 Menschen gezählt. Nur etwa zehn Prozent waren tatsächlich klettern und über die Hälfte lagerten wild in der Gegend - mit massiver Belastung der Natur durch Müll, Fäkalien und Waldbränden, vor allem aber Störungen der Tierwelt durch Lärm, Licht und Gerüche in Dämmerung und Dunkelheit. Lagerfeuer verursachten allein 17 Waldbrände. Aktuellere Erhebungen gibt es nicht.

Dabei müssen Falkeneltern nicht nur die Gelege bis zu einem Monat warm halten, weil die Eier nicht kalt werde dürfen, sondern den geschlüpften Nachwuchs danach versorgen und vor Feinden schützen, sagt Mayr. «Nur wenn das klappt und es in diesen 76 Tagen möglichst wenig Störfaktoren gab, fliegt der Vogel aus dem Horst und die Brut war erfolgreich.»

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