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Meir Wellber: «Manchmal brauche ich nur einen Takt»

Der israelischen Dirigent Omer Meir Wellber nach einem Interview auf dem Balkon der Semperoper. / Foto: Matthias Rietschel/dpa/Archivbild
Der israelischen Dirigent Omer Meir Wellber nach einem Interview auf dem Balkon der Semperoper. / Foto: Matthias Rietschel/dpa/Archivbild

Die Corona-Pandemie wird nach Ansicht des Dirigenten Omer Meir Wellber den Musikbetrieb auf Dauer verändern. «Ich kann nicht genau sagen, in welche Richtung es geht. Doch neue Medien und Formate werden viel stärker berücksichtigt werden. Wir müssen auf allen Kanälen präsent sein», sagte der 40-Jährige im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

«Sicherlich ist es gerade für Opernhäuser mit ihren langen Planungsvorläufen schwierig, auf eine Pandemie zu reagieren. Doch viele haben etwas Neues gefunden, neue Ideen entwickelt. Man muss nicht im Koma bleiben. Ganz im Gegenteil. Das Theater muss in solchen Situationen immer ganz vorne mit dabei sein, darf nie im Tiefschlaf versinken», sagte er. Der Dirigent kann der Pandemie auch eine gute Seite abgewinnen. «Ich habe den Vorteil genossen, viel mehr Zeit mit meiner inzwischen sechsjährigen Tochter verbringen zu können. Die Verbindung mit ihr ist sehr viel stärker geworden. Sonst bin ich ja wochenlang nicht zu Hause in Mailand und ständig auf Tour. Insofern war diese Auswirkung der Pandemie ein Geschenk für mich.»

Für das Teatro Massimo in Palermo sei das eine kreative Zeit gewesen, obwohl man kein Live-Publikum in den Saal lassen durfte. «Wir haben fantastische Projekte gemacht und gestreamt. Als ich das Verdi-Requiem dirigierte, hatten wir circa 30.000 Zuschauer im Internet.» Mit Sorge blickt Omer Meir Wellber jedoch auf die aktuelle politische Entwicklung mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine: «Als Israeli und Jude weiß ich, dass man sich nie an Bedrohungen gewöhnen kann. Das haben wir schon im Kindergarten in Israel gespürt. Es gab immer eine latente Bedrohung. Als Israeli hat man immer ein bisschen Angst.»

Der Dirigent findet es aber schwierig, wenn jetzt über Boykotte russischer Kunst und Künstler geredet wird. «Russland ist eine große Kulturnation. Was hat Tschaikowski mit diesem Krieg zu tun?» Gerade Opernhäuser und Orchester verkörperten mit ihren international besetzten Ensembles, wie ein friedliches Miteinander möglich sei: «Wir sind ein Symbol dafür.» Mit einem Dirigat der Verdi-Oper «Aida» verabschiedet sich Omer Meir Wellber an diesem Samstag als 1. Gastdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden. «Ich werde wieder nach Dresden kommen, aber nicht mehr so häufig. Ich mag es, immer wieder neue Sachen zu machen und mit der Volksoper in Wien öffnet sich ein Fenster, hinter dem viel Neues liegt.»

Meir Wellber äußerte sich auch dazu, was für ihn den «Kick» in der Musik ausmacht. «Manchmal brauche ich nur einen Takt oder einen Moment, damit der Funke überspringt. Das kann etwas ganz Kleines sein, aber diesen Moment brauche ich. Ich dirigiere manche Partituren nur für diesen einen Augenblick. Das reicht mir.» Bei der «Fantastischen Symphonie» von Berlioz etwa spüre er diesen Moment derzeit nicht, weshalb er auf das populäre Werk verzichte.

«Jetzt dirigiere ich viel lieber Bruckner. In der Oper hat es mir Strauss angetan. Wenn ich 'Ariadne auf Naxos' aufschlage, bin ich sofort verliebt», verriet er. Im kommenden Jahr will Meir Wellber dieses Werk von Richard Strauss an der Semperoper dirigieren.

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