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Aus der Stadt. Raus aufs Land.

05.08.2018 von

Foto: Doreen Wolf

Als ich unser Mehrfamilienhaus in Dresden am Morgen verlasse, bin ich ein wenig froh darüber, dass ich meinen ursprünglichen Plan, meine heutige Reise mit Bus und Bahn anzutreten, ob der vergleichsweise langen Fahrzeit verworfen habe. Die Sonne brennt sich in meine Haut und ich freue mich über den Luxus, ganz allein in meinem Auto zu sitzen und die Klimaanlage nach meinem Geschmack aufdrehen zu können. Madeline Juno singt „Ich glaub, ich muss raus aus der Stadt“ und meine Reise aufs Land beginnt.

Nach einer knappen Stunde Fahrzeit verlasse ich die lähmend triste Autobahnlandschaft und trete auf die Bremse. Nicht nur weil es die Straßenverkehrsordnung so verlangt, sondern weil mich das Leben links und rechts der Fahrbahn nun verzückt und ich mich, im Rahmen der Möglichkeiten, hineinziehen lassen möchte. Ich schalte die Musik aus. Durch kleine Städtchen, noch kleinere Dörfer und kühle Wälder führt mich der Weg nach einer weiteren dreiviertel Stunde an mein Ziel - Klein Priebus.
Ortseingang zum 95 Seelen-Dorf (Foto: Doreen Wolf)

Ich biege unsicher in die Einfahrt eines Hauses, das vermutlich dem Punkt auf meinem Navigationsgerät entspricht, als mir aus dem Schatten eines großen Kirschbaumes der erste Mensch zuwinkt, den ich bisher in diesem Ort sehe. So einladend, dass ich sofort spüre, hier bin ich richtig!
Freundlich heißt mich Jan Hufenbach Willkommen, als auch schon Arielle Kohlschmidt aus dem Haus kommt. Beide sehe ich heute zum ersten Mal.
Arielle Kohlschmidt und Jan Hufenbach vor ihrem Haus in Klein Priebus (Foto: Raumpionierstation Oberlausitz)


Ein kleiner Tisch unter besagtem Kirschbaum ist liebevoll mit einem selbst gebackenen Pflaumenkuchen und einem Glaskrug kühlen, blumengeschmückten Wassers gedeckt. Es ist ein Bild wie aus einem der vielen neuen Hochglanzmagazine zum Landleben, nur viel schöner, weil aus ihm die Herzlichkeit der Gastgeber spricht.

Jan und Arielle sind Raumpioniere. Vor acht Jahren zog es die gebürtigen Stadtmenschen von Berlin in das 95 Seelen Dorf in der Oberlausitz. Sie hatten alles gesehen, was ihnen die Stadt bieten konnte. Die Zeit dort war schön, jedoch nicht mehr das, was sie erfüllte, als sie die Sehnsucht nach einem eigenen Haus aufs Land zog.
Oft wird Arielle für ihren Mut bewundert, diesen Schritt gegangen zu sein. Sie selbst empfindet sich dabei gar nicht als so mutig: „Ich bin einfach meinem Bauch gefolgt, der gesagt hat, dass es das Richtige ist.“ Bis heute ist es insbesondere die Naturnähe, die Möglichkeit jederzeit draußen sein zu können, die sie an dem Leben auf dem Land schätzt.

Für die Dorfbewohner sind Arielle und Jan deren „Künstler“, was nicht nur daran liegt, dass sie Inhaber einer Kreativagentur sind, für die sie von hier draußen genauso gut arbeiten können, wie in der Stadt. Vor allem verdanken sie ihren Ruf der Tatsache, dass sie von Anfang an offen auf die Menschen des Dorfes und der Region zugegangen sind und sich mit ihren Erfahrungen zunehmend in die strukturelle Gestaltung der ländlichen Region einbringen. „Hier auf dem Land geht das auch. Du bist ganz nah dran an der Verwaltung, die sich über Menschen freut, die mit einem frischen Blick etwas bewegen wollen. Dafür ist man auch nachsichtig, wenn einem all die wichtigen Kenntnisse der Verwaltung anfangs noch fehlen.“, sagt Jan.
Gleichzeitig verdeutlichen beide, dass das Landleben nicht immer nur romantisch ist. Ohne Auto geht zum Beispiel Nichts. Die Wege seien mit Bus und Bahn nur zeitaufwändig zu beschreiten. Mit dem Auto dagegen sind sie zwar weiter als in der Stadt, jedoch mindestens genauso schnell zu bewältigen. Schule, Wochenmarkt oder Yoga-Kurs sind alle nicht in ihrem Dorf zu finden, mit dem Auto jedoch innerhalb von 30 Minuten erreichbar. Innerhalb Berlins mussten beide ähnliche Fahrtzeiten in Kauf nehmen.

Für Arielle und Jan sind die Herausforderungen des Landlebens jedoch kein Grund, auf eben dieses zu verzichten. Ganz im Gegenteil! Für sie sind es Aufgaben, die sie selbst lösen müssen und vor allem können, was dem Leben eine ganz neue geschmackvolle Note gibt. So ist Arielle mittlerweile Yoga-Lehrerin, weil es zum Zeitpunkt ihres Zuzuges eben noch niemanden gab, bei dem sie selbst einen Kurs hätte besuchen können. Und deswegen gibt es das leckerste und stets frisch zubereitete Eis der Region mittlerweile zu Hause, weil noch keiner die Initiative ergriffen hat eine Eisdiele zu eröffnen. Ein Mangel eröffnet Dir so gesehen beinahe unbegrenzte Möglichkeiten.

Ihre Erfahrungen teilen Arielle und Jan gern mit denjenigen, die ebenfalls die Landlust kitzelt. Dafür haben sie die „Raumpionierstation Oberlausitz“ zum Leben erweckt.



Im Garten von Arielle und Jan (Foto: Doreen Wolf)


Wer wissen möchte, ob das Leben auf dem Land wirklich zu einem passt und wie es am besten gelingen kann, wird von ihnen kostenfrei beraten. Aber Vorsicht, es könnte passieren, dass Du Dich tatsächlich für ein Leben auf dem Land entscheidest! Denn was sich die Beiden von Herzen wünschen ist, dass das ursprüngliche Leben in die ländliche Region zurückkehrt und dass das Wissen, welches hier noch vor ein zwei Generationen beheimatet war, wiederbelebt wird. Dafür veranstalten sie auch Veranstaltungen, wie die Temporäre Raumpionier Landebahn, auf denen Interessierte, bereits Zugezogene, Ureinwohner und Bürgermeister sich zu allem austauschen, was das Landleben ausmacht. Das nächste Mal wird sie am 6. Oktober 2018 für sieben volle Stunden in der Hafenstube Weißwasser eröffnet. Aus Sachsens Metropolenstädten braucht man mit dem Auto ca. 2 Stunden ab Chemnitz, 1 Stunde und 45 Minuten ab Dresden und 3 Stunden ab Leipzig. Das kann auf den ersten Blick ziemlich weit erscheinen. Wer jedoch mit dem Gedanken spielt, sein Leben zukünftig auf dem Land zu verbringen, wird mit einem unglaublichen Netzwerk für die Fahrt belohnt. Und das Netzwerk - das ist die für mich wertvollste Erkenntnis aus meinem Nachmittag bei Arielle und Jan - ermöglicht es Dir, Dich und Deine Ideen auf dem Land zu verwirklichen.

Wie lebendig dieses Netzwerk tatsächlich ist, erfahre ich während meines Aufenthaltes hautnah. Udo Tiffert, ein Nachbar - wohlgemerkt aus dem Nachbardorf – biegt mit dem Rad in die Einfahrt des Hauses, um Arielle und Jan einen Spontanbesuch abzustatten.
Udo selbst ist 2006 in sein Geburtshaus zurückgezogen und war mir bis zu dieser Begegnung leider kein Begriff. Zum Abschied gibt er mir jedoch etwas in die Hand, bei dem ich sofort weiß, dass es den Abschluss meines Artikels bilden soll, weil es den Grund für meine ganz persönliche Landlust beschreibt:

Kinderlied
Papa hat ein großes Auto
Mama hat ein kleines Auto
Ich darf bei beiden mit…

Mama telefoniert drinnen,
draußen und überall
Ich höre ihr gern zu.

Unter meinem Bett: Ein Wurm,
ein Käfer und eine Spinne,
die verrate ich nicht.

Gedicht von Udo Tiffert

Sonnenblumenfeld in Klein Priebus (Foto: Doreen Wolf)



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