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Glaubwürdigkeit als Gradmesser – Versuch einer Rezension

Eine neue Zeitung aus dem Osten für das ganze Land, das möchte die Ostdeutsche Allgemeine sein.
Eine neue Zeitung aus dem Osten für das ganze Land, das möchte die Ostdeutsche Allgemeine sein.

Die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung bietet in ihrer ersten Ausgabe eine bunte Vielfalt an Themen, Analysen und Hintergründen.

Sie wurde lange erwartet, zumindest von denen, die von ihr wussten: die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung. Seit dem Herbst des vergangenen Jahrs, als die ersten Hinweise auftauchten, dass ein neues Print- und Digitalmedium gegründet werden soll, stieg die Spannung auf das als „Projekt halle“ initiierte Vorhaben des Berliner Verlegers Holger Friedrich.

Nun kann man die erste Ausgabe in den Händen halten. Sie hat einen Umfang von 56 Seiten im Rheinischen Format. Die Redaktion sitzt in Dresden und was soll ich sagen: sie hat schon mit dieser ersten Ausgabe die Erwartungen, die geweckt wurden, erfüllt. Ein neues kritisches Medium ist da auf dem bereits ziemlich ausgedünnten Zeitungsmarkt aufgetaucht, welches ein Fenster aufstößt und quasi frische Luft ins Zimmer lässt. Die Schlagzeile auf der Titelseite lautet „Vorsicht Freiheit“ und sollte wörtlich genommen werden. Die Zeitung nimmt sich nämlich die Freiheit, die Dinge aus ungewohnter Perspektive zu beleuchten. Erklärtes Ziel ist, die ostdeutsche Perspektive in den gesamtdeutschen Diskurs einzubringen.

Die Demokratie braucht die wirklich freien, wirklich unabhängigen Medien wie die Luft zum Atmen. Unabhängig von parteipolitischer Beeinflussung, wenn diese sich bereits bei der (Mit-) Eigentümerschaft des Blattes zeigt. Auch und gerade in heutiger Zeit bedeutet Unabhängigkeit auch die Freiheit von der berühmten „Schere im Kopf“, die gelegentlich unter Medienschaffenden bei der Arbeit zu vermuten ist.

Für mich war die Lektüre der ersten Ausgabe eine erhellende, informative und hochinteressante. So ist der Beitrag von Florian Warweg über die Bundespressekonferenz ein Blick hinter die Kulissen einer Institution, die wir alle aus dem Fernsehen kennen. Unter der Überschrift „Die stille Zensur“ nimmt der Autor den Leser mit in diese Veranstaltung. So entsteht ein Bild davon, was dort wirklich abgeht. Viele geneigte Zuschauer dürften das so bereits geahnt haben.

Der aus Kaiserslautern stammende Christian Baron verrät in einem überaus lesenswertem Text, warum er kein Wessi mehr sein will. Der Beitrag zaubert dem Leser ein Lächeln auf’s Gesicht und erinnert an den im Netz umhergeisternden Satz: „Ich habe es mir nicht ausgesucht, ein Ossi zu sein, ich hatte einfach Glück.“

Perspektiven geben

„Warum Deutschland verstummt“ ist der Titel eines Beitrags von Thomas Fasbender. Er beschreibt darin genau das, was vermutlich viele Menschen im Land genau so empfinden. Es geht dabei um den vielbeschriebenen Meinungskorridor und die Möglichkeit, ihn wieder weiter zu öffnen. Das ist zukunftsweisend und gibt Denkanstöße.

Das Verlegerehepaar Silke und Holger Friedrich kommt in der Rubrik „Störfeuer“ zu Wort. Sie beschreiben, wie sie die „Verhältnisse zum Tanzen bringen“ möchten und was sie bewog, die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung herauszugeben und zum Leitmedium Ostdeutschlands machen zu wollen. Ein Text, der erhellend ist und in dem sich viele Leser aber auch kritische Journalisten wiedererkennen dürften.

Das Blatt enthält ein sehr lesenswertes Interview mit dem Sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer, in dem es unter anderem um das deutsche Verhältnis zu Russland geht. Gleich anschließend wird der Parteivorsitzende der größten Oppositionspartei im Deutschen Bundestag, Tino Chrupalla von der AfD, in einem Porträt vorgestellt. Dies dürfte für die Kritiker und Auskenner einmal mehr den Vorwand für eine Fundamentalkritik an der neuen Zeitung liefern. Mittlerweile braucht es eben ein wenig Courage und die Ostdeutsche Allgemeine hat sie. Sie tut damit nur das, was das Grundgesetz die Freiheit der Presse nennt.

Ein weiterer Text, der mich persönlich sehr an die Wendezeit 1989 erinnert, als neue Medien auf den Markt kamen und die alten versuchten, sich von innen heraus zu erneuern, ist jener, der den publizistischen Anspruch der Ostdeutschen Allgemeinen beschreibt. Hier werden ganz klar die journalistischen Leitlinien benannt, nach denen die Zeitung arbeitete. Vieles davon ist eigentlich journalistische Selbstverständlichkeit, wird aber leider nicht mehr von allen Medien in gleicher Weise beachtet und schon gar nicht in der Praxis umgesetzt. Umso wirkmächtiger ist es, wenn der Leser hier einmal ganz klar zusammengefasst findet, wie Medien arbeiten sollten. Einer der wirkmächtigsten Sätze ist hier: „Der Maßstab unserer Arbeit ist nicht Reichweite um jeden Preis, sondern Glaubwürdigkeit.“

Es ist jene Glaubwürdigkeit, die etablierte Medien in den letzten Jahren oft verspielt haben, sei es der Öffentlich Rechtliche Rundfunk oder gedruckte Zeitungen. An seinen selbst formulierten publizistischen Leitlinien möchte sich die neue Ostdeutsche Allgemeine messen lassen. Das ist ein hoher Anspruch. In der ersten Ausgabe wurde sie ihm gerecht. Dem neuen Medium ist eine breite Leserschaft zu wünschen.

METIS