Das hat der Gartensalon im Weingut von Karl Friedrich Aust seit der Erbauung 1856 so noch nicht erlebt: fröhliches Geschnatter rund ums Wochenende an den Tischen, dazu vier Gänge aus der Weinstuben-Küche von Veit Endler und – natürlich! – vier passende Weine des Winzers. Das Weingut Aust wird in den einschlägigen Wein-Guides im soliden bzw. oberen Mittelfeld der hiesigen Winzer gelistet, wobei es hin und wieder Ausreißer gibt – nach oben! Ulrich Sautter vom falstaff war nachgeradezu schockverliebt, als er im Sommer 2021 einen Spätburgunder von Aust aus dem Jahr 2007 probierte. 98 Punkte (von 100 möglichen) gab’s damals von ihm, was schon ein bissl wie sensationell ist.
Derart gereifte Weine gab’s zum Kochsternstunden-Menü freilich nicht, sondern (bis auf eine Ausnahme) aktuelle Jahrgänge sowie bei meinem Besuch noch eine Fassprobe als Absacker „aufs Haus“. Der Abend wird von Karl Friedrich Aust moderiert – er macht das in seiner wissenden und ruhigen Art recht locker und steht damit ein wenig im Gegensatz zum Service, der ein wenig formell agiert (Bedienung im Anzug mit Einstecktuch hat man ja auch nicht alle Tage, die indirekte Anrede „hat der Herr noch einen Wunsch?“ allerdings auch nicht). Andererseits lädt der Raum mit seiner festlichen Patina, den festlich eingedeckten Tischen mit ihren leuchtenden Kerzen und dem lodernden Kamin vielleicht ja auch dazu ein, ein wenig anders zu sein.
Das Menü ist – weil der Hausherr moderiert – mit einem gemeinsamen Beginn aller Gäste getaktet und hat neben dem angesagten Anfang (18.30 Uhr) auch ein definiertes Ende: etwa um 21 Uhr. „Damit Abholer auch wissen, wann sie kommen sollen!“, begründete das KF Aust das, denn selber nicht mehr fahren zu müssen sei doch eigentlich Pflicht nach einem Abend mit Weingenuss. Los geht’s mit einer selbst gebackenen Focaccia und einem köstlichen Aufstrich, der mit einem Hauch von Curry Lust auf unvernünftiges (die Figur!!!) Mehr machte.
Der nominell erste Gang (Brot und Aufstrich sind ja nur ein Ohnmachtshappen) las sich im Vorfeld spannend und kam dann als ein Bild von Vorspeise an den Tisch: Herzstück vom Wagyu Rind | Soja-Pflaume | Nori | Haselnuss | Topinambur sah wie gemalt aus, überraschte den einen oder anderen Gast durch die Aufgeräumtheit, entpuppte sich aber als gelungene Geschmackskombination (wenn man Topinambur mag). Das Herzstück war in der Tat ein Stück vom Herz, mithin etwas, was man so nicht so häufig bekommt. Der Wein dazu war eine 2024 Aust-Zeit, hinter der sich eine Cuvée aus Bacchus und Weißburgunder verbirgt. Der Weißburgunder hätte eigentlich ein Sektgrundwein werden sollen – aber 2024 war das Jahr mit dem Frost, da gab’s von allem zu wenig: so entstand die Idee zu dieser Cuvée (und deswegen gab’s auch keinen Aust-Sekt zum Peritif, sondern einen 1836 von Wackerbarth.
Braucht man zur Suppe überhaupt was zu trinken? Gute Frage, aber ja doch: man sollte es probieren – und wenn das dann alles zu dünne wird, einfach Trennkost praktizieren: Wein – Suppe – Wein. Zum Forellenschaum mit (Forellen-)Kaviar und (lial) Kartoffel ließ sich der 2023 Kerner trocken allerdings ganz gut an. „Der beste Kerner Deutschlands kommt aus Sachsen!“, hatte Karl Friedrich Aust in seiner Anmoderation einen Weinkritiker zitiert und damit ein wenig gegen das Heimatland des Kerners, Württemberg, gestichelt. Aber dort sind sie ja in der Tat bei Kerner gerne auf der fruchtsüßen Seite, dieser war sächsisch-trocken, hatt also weniger als 3 Gramm Restzucker pro Liter – was ihm zum Essen ganz gut tat!
Noch schwerer als die Frage Wein zur Suppe wird’s ja, wenn es zu einem Gang die Wahl zwischen zwei Weinen gibt. Weiß oder rot? Gereift oder nur ein klein wenig älter? Riesling oder Spätburgunder? Aber vor allem – wieso denn eigentlich: oder? Im Gang gab’s schließlich auch Fisch (genauer: Wels) und Fleisch (Rotwurst), da darf’s doch auch von jedem was sein. Also standen ein 2016er Riesling vom Radebeuler Steinrücken und ein 2021er Spätburgunder vom Radebeuler Goldenen Wagen hinterm Teller, um für eine große Bandbreite an Begleitmusik zu sorgen. Die Essensbühne dazu gehörte einer so noch nie gegessenen Kombination, die sich kunstvoll arrangiert auf dem Teller zu einem Turm aufbaute. Von unten nach oben gab es ein Gersten-Kürbis-Risotto (wer’s nicht kennt und zweifelt: das schmeckt!), Wels, geräucherte Rotwurst, Riesling-Senf. Nach dem Posieren fürs Familienalbum musste der Turm natürlich dran glauben, denn nur was nebeneinander liegt, schneidet sich unfallfrei. Geschmacklich hat sich die Wels-Rotwurst-Kombi als eine gelungene sächsische Variante des feineren Surf-and-Turf erwiesen. Und welcher Wein ist’s dazu geworden? Der Spätburgunder dazu ist prima (auch weißer Fisch verträgt sich mit rotem Wein, alles andere sind veraltete Theorien), aber der Riesling als Abschluss des Ganges war perfekt!
Zum Abschluss gab’s Traminer vom Radebeuler Wagen. Im Lesejahr 2024 waren die Reben auf der Terrasse 70 Jahre alt, was da an Saft ins Fass und von dort in die Flaschen und von dort in die Gläser (und letztendlich also in den Gast) kommt, ist hochkonzentriert, und weil der Wein in dem Jahr beschloss, vollkommen durchzugären, ist der Wein trocken und mit 14,7% Alc. nicht wirklich leichtschultrig. Aber: man schmeckt das nicht raus! Und eigentlich ist das ja auch kein Wein zum Wegballern, sondern getreu des Aust-Mottos „Mit Hang zur Lebensfreude“ eher etwas zum stillen Genießen. Allein am Kamin oder als Begleiter des Desserts…
Menü
Hausgebackenes Brot mit Aufstrich
Herzstück vom Wagyu Rind | Soja-Pflaume | Nori | Haselnuss | Topinambur
Forellenschaum | Kaviar | Kartoffel | Olivenöl
Wels | geräucherte Rotwurst | Gerste | Kürbis | Riesling-Senf
Blutorangen-Parfait | Tonkabohne | Schokolade
Petit Fours
Käsevariation (optional, 15,50 €)
Weinbegleitung
Aperitif
2024er Aust-Zeit aus unseren Bacchus- & Weißburgundertrauben
2023er Kerner
2016er Riesling Radebeuler Steinrücken
wahlweise 2021er Spätburgunder Radebeuler Goldener Wagen
2024er Traminer Radebeuler Goldener Wagen
eine alkoholfreie Getränkebegleitung ist möglich
Info
4-Gang Menü inkl. Petit Fours sowie Wasser und Espresso 89 €
inkl. Weinbegleitung mit kleiner Weinmoderation und Aperitif 125 €
Weingut Aust
Weinbergstrasse 10
01445 Radebeul
Telefon +49 351 / 8338750
weingut-aust.de
[Besucht am 13. Februar 2026]