Eine Elefantenkuh kann 80 Jahre alt werden. Eine Maus lebt nur wenige Jahre. Warum ist das so? Wissenschaftler haben nun eine überraschende Antwort gefunden. Säugetiere, deren Fortpflanzung unterbunden ist, leben im Durchschnitt etwa zehn Prozent länger.
Ein internationales Forschungsteam hat untersucht, wie sich Kastration und Verhütung auf die Lebenserwartung auswirken. Beteiligt war auch das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Die Forscher werteten Daten von 117 Säugetierarten aus Zoos weltweit aus und analysierten zusätzlich 71 bereits veröffentlichte Studien. Das Ergebnis ist eindeutig: Tiere, die sich nicht fortpflanzen können, erreichen im Mittel ein höheres Alter. „Unsere Studie zeigt, dass Fortpflanzung messbare und mitunter deutliche Auswirkungen auf die Lebenserwartung von Säugetieren hat“, sagt Fernando Colchero, einer der leitenden Autoren.
Energie für Nachwuchs oder für den eigenen Körper?
Die Erklärung liegt in der Evolution. Jedes Lebewesen muss seine verfügbaren Ressourcen aufteilen: entweder für die Fortpflanzung oder für den Erhalt des eigenen Körpers. Beides gleichzeitig ist nur begrenzt möglich. Fortpflanzung ist energetisch aufwendig. Schwangerschaft und Stillzeit belasten den Organismus erheblich, ebenso die Produktion von Spermien. Auch Sexualhormone wie Testosteron und Östrogen beeinflussen Wachstum, Verhalten und Alterungsprozesse. „Wenn weniger Energie in die Reproduktion fließt, steht mehr Energie für Prozesse der Langlebigkeit zur Verfügung“, erklärt Colchero.
Besonders ausgeprägt war dieser Effekt bei Mantelpavianen. Weibchen, deren Fortpflanzung hormonell unterbunden war, lebten im Schnitt 29 Prozent länger. Kastrierte Männchen erreichten eine um 19 Prozent höhere Lebenserwartung.
Männchen und Weibchen profitieren unterschiedlich
Zwar steigt die Lebenserwartung bei beiden Geschlechtern, doch die biologischen Gründe unterscheiden sich. Bei Männchen zeigte sich ein lebensverlängernder Effekt ausschließlich nach Kastration. „Das deutet darauf hin, dass der Wegfall von Testosteron eine entscheidende Rolle spielt“, erklärt Hauptautor Mike Garratt von der Universität Otago. Besonders deutlich war der Effekt, wenn die Kastration früh im Leben erfolgte. Bei Weibchen verlängerten verschiedene Formen der Fortpflanzungsunterbindung das Leben. Entscheidend ist hier offenbar, dass die körperlich belastenden Prozesse von Schwangerschaft und Stillzeit entfallen.
Auch die Todesursachen unterscheiden sich. Kastrierte Männchen sterben seltener durch aggressive Auseinandersetzungen oder riskantes Verhalten. Weibchen ohne Fortpflanzung sterben seltener an Infektionen. Das spricht dafür, dass Schwangerschaft und Stillzeit das Immunsystem zeitweise schwächen können.
Für den Menschen liegen nur wenige belastbare Daten vor. Historische Aufzeichnungen aus Korea zeigen, dass Eunuchen am königlichen Hof etwa 18 Prozent länger lebten als nicht kastrierte Männer. Bei Frauen ist eine Sterilisation dagegen nur mit einer sehr geringen Veränderung der Lebenserwartung verbunden. „Fortpflanzung ist von Natur aus kostspielig“, betonen die Autoren. Beim Menschen können jedoch medizinische Versorgung, Ernährung und soziale Unterstützung diese biologischen Kosten teilweise abfedern.