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Leipziger Forschende finden mögliches Pestgrab aus dem Mittelalter

Die Co-Autoren der Studie Nik Usmar (l.) und Dr. Michael Hein (rechts) führen Sedimentbohrungen durch, um ein mittelalterliches Pest-Massengrab bei Erfurt zu lokalisieren. © Miriam Posselt
Die Co-Autoren der Studie Nik Usmar (l.) und Dr. Michael Hein (rechts) führen Sedimentbohrungen durch, um ein mittelalterliches Pest-Massengrab bei Erfurt zu lokalisieren. © Miriam Posselt

Ein Forschungsteam aus Leipzig lokalisiert ein Massengrab von 12.000 Pestopfern aus dem Jahr 1350. Es ist der erste gezielt gesuchte Fund solch eines Grabs in Europa.

Im Jahr 1350 wütete die Pest in Erfurt besonders schwer. Zeitgenössische Chroniken berichten, dass rund 12.000 Menschen während des Ausbruchs des „Schwarzen Todes“ starben. Sie wurden in elf großen Gruben außerhalb der Stadtmauern beigesetzt. Wo genau diese Massengräber lagen, wusste bislang niemand. Jetzt hat ein Forschungsteam aus Leipzig eines davon aufgespürt. Es ist das erste Pestgrab in Europa, das durch systematische Suche gefunden wurde.

Die Wissenschaftler von der Universität Leipzig, dem Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa und dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung haben dafür verschiedene Methoden kombiniert. Sie werteten alte Chroniken aus, maßen elektrische Widerstände im Boden und bohrten Sedimentproben. So entdeckten sie eine riesige Struktur im Erdreich nahe der mittelalterlichen Dorfwüstung Neuses bei Erfurt. Etwa zehn mal 15 Meter misst das Grab, es reicht dreieinhalb Meter tief. Im durchmischten Sediment fanden die Forscher menschliche Knochenfragmente. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass wir eines der in den Chroniken beschriebenen Pestmassengräber von Erfurt eindeutig lokalisiert haben", sagt Dr. Michael Hein von der Universität Leipzig. Gewissheit soll eine archäologische Grabung bringen.

Boden verrät Geschichte

Die Forscher rekonstruierten die mittelalterliche Landschaft und entdeckten dabei etwas Überraschendes. Das Grab liegt auf trockenem Schwarzerdeboden am Rand des Geratals. Die feuchten Auenböden direkt am Fluss ließen die Menschen damals aus. Der Grund liegt in der sogenannten Miasma-Theorie. „Die besagt, dass Krankheiten von schlechter Luft oder Dämpfen verbreitet werden, welche von verrottendem organischem Material ausgehen", erklärt Dr. Martin Bauch vom Leibniz-Institut. Auf nassem Boden verwest Organisches langsamer. Die Menschen fürchteten also, die Seuche könnte sich dort schlechter eindämmen lassen. Das erklärt zusammen mit rechtlichen Vorgaben auch, warum das Grab weit vor den Stadtmauern liegt.

Die Radiokohlenstoffanalyse datiert die Knochenfunde eindeutig ins 14. Jahrhundert. Damit passt alles zusammen. Der Schwarze Tod hatte zwischen 1346 und 1353 in manchen europäischen Regionen die Hälfte der Bevölkerung dahingerafft. Thüringen lag damals am östlichen Rand des betroffenen Gebiets.

Fenster in die Vergangenheit

Bestätigte Pestmassengräber aus dieser Zeit sind extrem selten. Europaweit kennt man weniger als zehn Stück. Meist werden solche Gräber zufällig bei Bauarbeiten entdeckt. „Eine große Errungenschaft der Studie besteht jedoch darin, dass dieser Fund nicht zufällig während einer Baumaßnahme, sondern im Rahmen einer interdisziplinären Prospektion gemacht wurde", betont Dr. Ulrike Werban vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Die Forscher haben gezeigt, dass man mit der Kombination aus historischen Quellen und modernen Messmethoden gezielt nach solchen Stätten suchen kann.

Jetzt planen die Wissenschaftler zusammen mit dem Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Ausgrabungen. Das Material soll am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig genetisch untersucht werden. So wollen die Forscher mehr über den Pest-Erreger Yersinia pestis erfahren und verstehen, warum so viele Menschen starben. „Dieser Fund ist nicht nur archäologisch und historisch bedeutsam", sagt Prof. Dr. Christoph Zielhofer von der Universität Leipzig. Er helfe zu verstehen, wie Gesellschaften mit massenhaften Todesfällen umgehen. Die Methode könne künftig auch andere Epidemie- oder Konfliktgräber aufspüren und schützen helfen. Themen, die bis heute aktuell bleiben.

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