Unsere Urgroßeltern in der 30.000. Generation – Forscher sind jetzt auf deren Knochen gestoßen. In einem Steinbruch in Marokko haben Wissenschaftler Unterkiefer und andere Überreste gefunden, die 773.000 Jahre alt sind. Diese Menschen lebten zu einer Zeit, als sich die Wege unserer Vorfahren und der Neandertaler gerade erst trennten.
An der Untersuchung der Funde war auch das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig beteiligt. Jean-Jacques Hublin, einer der Leiter des internationalen Forschungsteams, erklärt die Bedeutung: „Die Fossilien aus der Grotte à Hominidés sind die derzeit wohl besten Belege für afrikanische Populationen, die nahe an der Wurzel dieser gemeinsamen Abstammung liegen." Anders gesagt: Diese Menschen sind unsere direkten Vorfahren – und gleichzeitig Verwandte der Neandertaler.
Perfektes Timing für präzise Datierung
Die Forscher hatten bei ihrer Arbeit außergewöhnliches Glück. Die Knochen lagen in einer Höhle, die einst von Raubtieren bewohnt war. Dort wurden sie schnell von Sedimenten bedeckt und blieben ungestört erhalten. Das Besondere: Genau zu dieser Zeit kehrte sich das Magnetfeld der Erde um – ein Ereignis, das alle 773.000 Jahre passierte. Diese magnetische Umpolung hinterließ in den Sedimenten eine Art Zeitstempel, den die Wissenschaftler ablesen konnten.
Matthew Skinner vom Leipziger Max-Planck-Institut untersuchte die Zähne mit moderner Computertomographie. Dabei schaute er unter den Zahnschmelz auf die innere Struktur. „Die Analyse dieser Struktur zeigt durchweg, dass sich die Homininen sowohl vom Homo erectus als auch vom Homo antecessor unterscheiden", erklärt er. Homininen – so nennen Forscher alle menschenähnlichen Wesen. Die gefundenen Individuen zeigen eine Mischung aus alten und neuen Merkmalen. Manche erinnern an sehr frühe Menschenformen, andere weisen bereits in Richtung moderner Menschen.
Afrika als Wiege der Menschheit bestätigt
Die Funde stammen aus der Küstenregion bei Casablanca. Dort arbeiteten marokkanische und französische Wissenschaftler über drei Jahrzehnte zusammen und gruben systematisch. Sie fanden einen fast vollständigen Unterkiefer eines Erwachsenen, einen halben Unterkiefer, den Kiefer eines Kindes, mehrere Wirbel und einzelne Zähne. Ein Oberschenkelknochen trägt deutliche Bissspuren. Ein Hinweis darauf, dass Raubtiere diese Menschen gefressen hatten.
Die Fossilien sind etwa 500.000 Jahre älter als die bisher ältesten bekannten Überreste des Homo sapiens, also des modernen Menschen. Diese wurden ebenfalls in Marokko gefunden und sind rund 300.000 Jahre alt. Die neuen Funde passen zeitlich genau zu dem Zeitraum, in dem nach genetischen Analysen der letzte gemeinsame Vorfahr von Menschen, Neandertalern und Denisova-Menschen gelebt haben soll. Damals war die Sahara keine undurchdringliche Wüste. Klimaschwankungen öffneten immer wieder grüne Korridore, durch die sich Tiere und Menschen bewegen konnten.
Die Entdeckung zeigt einmal mehr: Afrika war tatsächlich die Wiege der Menschheit. Von dort aus verbreiteten sich verschiedene Menschenformen über die Welt. Die marokkanischen Funde geben heute einen seltenen Blick auf den Moment, als diese Entwicklung gerade erst begann.