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Veröffentlicht mit publizer in Sachsen

Der Wirtschaftsboom vor 100 Jahren

Wir schreiben inzwischen das Jahr 2022. Vor genau 100 Jahren, im Jahre 1922 waren wir mitten in den sogenannten “Goldenen Zwanzigern”. 50 Jahre nach der Reichsgründung 1871 ist das Deutsche Reich in den “Gründerjahren” zusammengewachsen: Neue zollfreie Absatzmärkte konnten erschlossen werden und Kolonialwaren aus aller Welt im Deutschen Lande vertrieben werden. Fabriken sind in dieser Zeit aus dem Boden geschossen und haben für Wohlstand und Expansion des Deutschen Reichs gesorgt. Dieser Expansionswille und seine exzentrische Majestät Wilhelm II führten das Land dann in die erste große Katastrophe des 20. Jahrhunderts: Den ersten Weltkrieg.

Nach dem Ende des ersten Weltkrieg 1918 lag Deutschland nicht wirklich am Boden - natürlich: Das politische System bestehend aus dem Kaiser, der seine Macht durch den Adel aufbaute und erhielt, ist abgedankt, doch der SPD-Genosse Stresemann und seine Mitstreiter haben auf der Basis einer liberalen Verfassung den ersten demokratischen deutschen Staat errichtet, der den Bürgern die idealen Rahmenbedingungen für die eigene Entfaltung gab. Den Krieg hatte Deutschland zwar verloren - aber nicht durch eine militärische Niederlage, sondern durch die bedingungslose Kapitulation, die man den Alliierten anbot, nachdem mit dem Matrosenaufstand 1918 der Kampfeswille der Deutschen Marine gebrochen war. Faktisch hat kein französischer Soldat vor Kriegsende jemals deutschen Boden betreten. Auch Russland handelte den Frieden mit dem deutschen Reich nach deren Oktoberrevolution aus. Das Kernland Deutschland blieb somit vom Kriegsgrauen vollkommen verschont.

Doch es war nicht alles Gold, was glänzte in den “goldenen Zwanzigern”. Die Auflösung der Westfront verlief so chaotisch, dass hunderttausende Soldaten ihre Waffen nach Kriegsende einfach behielten und in sogenannten “Freikorps” organisierten. Aus Mitgliedern dieser Kampfverbände bildeten sich später auch Spartakusbund und SA - die Kampfgruppen des linken und rechten Lagers. Die Republik lebte nicht lange. 1933 wurde sie letztendlich aufgelöst.

Doch nun werfen wir den Fokus auf ein kleines Städtchen in einer kleinen Ecke der Weimarer Republik: Neugersdorf. Die Industriestadt grenzte direkt an die Österreich-Ungarische Grenze. Eigentlich war das Gebiet einst Teil der Böhmischen Krone, doch nach dem Ende des 30-jährigen Kriegs teilten sich Österreich und Sachsen das gesamte Tschechische Gebiet unter sich auf (die Lausitzen gingen an Sachsen, der Rest Böhmens und Mährens wurde in Österreich einverleibt). Doch dort, wo formal eine Grenze bestand, lebten auf beiden Seiten vorwiegend Deutsche Siedler - das berüchtigte “Sudetenland”. Als 1918 die Grenzen zur frisch gegründeten Tschechoslovakei schlossen, saßen über 3.000 Fabrikarbeiter jenseits der deutschen Grenze in den Städten Georgswalde (Jirikov) und Phillipsdorf (Filipov) fest und konnten nicht mehr auf Arbeit ins das benachbarte Neugersdorf. Die billigen Arbeiter aus den böhmischen Dörfern waren ein Grund für den schnellen Aufschwung der Textilindustrie in der Oberlausitz, denn Bekleidung hat jeder gebraucht, doch gerade die ärmeren Schichten mussten ziemlich sparen. Es gab also einen großen Bedarf an billiger Kleidung.

Die Neugersdorfer Fabriken jedenfalls gediehen trotz der Grenzschließungen prächtig und fanden auch ihren Weg in der Weimarer Republik. Davon zeugen die vielen Aktien der damaligen AGs, Unternehmen und Konzerne, die man immer noch verstreut als Souveniere und Sammlerstücke auftreiben kann.

Erst 1945 wurde diese Unternehmertradition durch einen erneuten politischen Umbruch jäh unterbrochen: Die von der Sowjetunion initiierte Entnazifizierung traf neben Parteimitgliedern vor allem Unternehmer, die - insbesondere in der Textilindustrie - alle in Hitlers Kriegsmaschinerie eingebunden waren. 40 Jahre DDR und die damit einhergehende Enteignung, Kollektivierung und Verstaatlichung hinterließen ihre Spuren. Statt Unternehmern wurden Direktoren an die Spitze der Textilbetriebe gestellt. Die Innovationskraft und der Druck und die Risikobereitschaft, erfolgreiche Produkte auf den Markt zu bringen, nahmen ab. 1990 zur Wende blieb den westdeutschen Business Consultants der Treuhand nur noch die Abwicklung.

Nach der Wende lief es dann nicht mehr so gut für das einstige Industriedorf. Zwar gründeten sich auch neue, weltbekannte Unternehmen aus Neugersdorf wie zum Beispiel die “Wetten und Gewinnen”, bekannter unter ihrem heutigen Namen “bwin.com” aus Neugersdorf oder der Testsieger “All Inkl.” aus dem benachbarten Friedersdorf, doch der Großteil wirtschaftlicher Neuansiedlungen waren Zweigstellen westdeutscher Produktionsfirmen oder Verkaufsstellen von großen Handelsketten.

2012 denkt sich der damals 21jährige junge Gründer Carl-Philip Hänsch, das müsste man doch ändern und gründete die “Launix” - angelehnt an die “Lautex”-Werke der Oberlausitzer Textilindustrie - jedoch mit dem Suffix “nix”, das auf Linux-basierte Systeme hinweis. Aus Webtechnologie der Textilindustrie vor 100 Jahren wird also Webtechnologie mit Internet in der neuen Zeit.

Inzwischen ist die Launix im Oktober 2022 10 Jahre alt geworden und blickt auf eine spannende Unternehmensgeschichte zurück. Mit dem Investment in ein eigenes ERP-Software-Produkt will man Branchengrößen am Markt die Stirn zeigen. Ob das gelingt? Wir werden sehen. Auf dem Weg dorthin wird Carl-Philip Hänsch noch viel Kapital brauchen, bis er die SAP eingeholt hat. Wer weiß - vielleicht werden in Neugersdorf bald wieder Aktien ausgegeben werden?

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