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ÖPNV: Kostenloser Nahverkehr – es kann und wird funktionieren

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Mit dem digitalen Wandel tut sich Deutschland extrem schwer. Politische Rahmenbedingungen fehlen und auch der Mut einen echten Wandel herbei


Mit dem digitalen Wandel tut sich Deutschland extrem schwer. Politische Rahmenbedingungen fehlen und auch der Mut einen echten Wandel herbeizuführen. In der Wirtschaft sieht es an vielen Stellen ähnlich aus, wenn man mal von den Technologie-Startups und einigen Ausnahmen absieht. Das ganze sieht in Estland, insbesondere in Tallinn, schon viel etwas anders aus. Tallinn ist bekannt für seine digitale Regierung, die die Möglichkeiten der Digitalisierung und gesellschaftlicher Veränderungen proaktiv angeht und dabei auch die Bevölkerung befragt, insbesondere dann, wenn es um langfristige Projekte geht. So wie vor fünf Jahren, als Tallinns Bürger entscheiden durften, ob zukünftig der öffentliche Personennahverkehr für sie kostenfrei zur Verfügung gestellt werden soll. In einem englisch-sprachigen Interview mit dem Portal popucity.net gibt Allan Alaküla, Leiter des Büros der Europäischen Union in Tallinn, wertvolle Einblicke für andere Städte.

Wie hat sich das Projekt für Ihre Gemeinde ausgewirkt?
"Mittlerweile decken wir nicht nur die Kosten, sondern erwirtschaften auch einen Überschuss. Wir haben doppelt so viel verdient, wie wir seit der Einführung des kostenlosen öffentlichen Nahverkehrs verloren haben. Wir freuen uns, dass so viele Menschen motiviert sind, sich als Einwohner in Tallinn anzumelden, um den kostenlosen öffentlichen Verkehr zu nutzen."

Man muss wissen, dass nicht pauschal alle Bus und Bahn kostenfrei nutzen können. Um kostenlos in Tallinns Straßenbahn-, Bus- und Bahnnetz zu fahren, muss man als Einwohner Tallinns registriert sein. Dadurch nimmt die Gemeinde jedes Jahr 1.000 € über die die Einkommensteuer ein. Es ist also nicht ganz kostenfrei, sondern wird letztlich steuerlich finanziert. Für Deutschland würde das Tallinn-Modell nicht so einfach umsetzbar sein, da derzeit nur 15 Prozent der Einkommenssteuer an die jeweiligen Kommunen gehen.

Welchen Rat würden Sie anderen europäischen Städten geben, die noch zögern, den freien Verkehr einzuführen?
"Tallinns Herangehensweise ist keine universelle Lösung für alle und für manche ist sie vielleicht zu extrem. Wir kennen Beispiele von Städten in Polen, Deutschland und Frankreich, die bereits einen freien öffentlichen Verkehr realisiert haben oder dies in Betracht ziehen. Es gibt auch viele Konzepte mit einem teilweise kostenlosen öffentlichen Personennahverkehr, beispielsweise kostenlosen Wochenendfahrten oder niedrigere Tarife in den Nebenzeiten für Rentner und Studenten. Die Kommunen sollten mutig sein, ihre Stadt als Testgelände zu nutzen, um herauszufinden, welches System für sie realistisch ist."

Wer profitiert am meisten von kostenlosen Bussen, Straßenbahnen und Zügen in Tallinn?
"Vor allem Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen profitieren davon. Der freie öffentliche Verkehr stimuliert aber auch die Mobilität von Menschen mit höheren Einkommen. Sie gehen dadurch häufiger ins Theater, in Restaurants, Bars oder Kinos. Sie konsumieren mehr sie lokale Produkte und Dienstleistungen und geben häufiger mehr Geld aus. Am Ende hilft der kostenfreie Personennahverkehr der lokalen Wirtschaft und es belebt die Innenstädte wieder.“

Welche weiteren Maßnahmen unternimmt Tallinn, um den Individualverkehr weniger attraktiv zu machen?
"Vor der Einführung der kostenlosen öffentlichen Verkehrsmittel war das Stadtzentrum mit Autos überfüllt. Diese Situation hat sich verbessert - auch weil wir Parkgebühren erhoben haben. Wenn Nicht-Tallinner ihre Autos am selben Tag in einem Park-and-Ride-Service außerhalb der Stadt abstellen und öffentliche Verkehrsmittel nutzen, können sie nicht nur die öffentlichen Verkehrsmittel kostenlos nutzen, es entfällt zusätzlich auch die Parkgebühr. Es hat sich gezeigt, dass sich die Leute nicht über hohe Parkgebühren beschweren, wenn wir ihnen eine gute Alternative anbieten."

Welche Stadt wird als nächstes Tallinns erfolgreiches System kopieren?
"Im Moment erwägt Paris die Einführung eines kostenlosen öffentlichen Verkehrs - vor allem zur Verringerung der Umweltverschmutzung in der Innenstadt. Sobald eine Stadt dieser Größe und Größe den Schritt macht, werden unweigerlich andere Städte folgen. Daran gibt es keinen Zweifel."

Englischer Artikel: http://popupcity.net/48856