Der Kanalanschluss für die Halbleiterindustrie im Dresdner Norden wird vorfristig fertig. Was die Stadtentwässerung in Kaditz, auf der Königsbrücker und der Hamburger Straße sowie der Campuslinie plant.
Ralf Strothteicher steht in einem gewaltigen Bauwerk tief unter der Erde. Bereits ab Mai wird direkt vorm Klärwerk das Abwasser aus dem neuen Industriesammler Nord hier herabstürzen, um dann in die Kaditzer Anlage zu fließen. „Mit den neuen Chipwerken wäre das vorhandene Kanalnetz überlastet“, erklärt der Geschäftsführer der Stadtentwässerung. Deshalb baut das Unternehmen für rund 76 Millionen Euro den etwa zehn Kilometer langen Hauptkanal vor allem für die Abwässer der Mikroelektronik-Betriebe im Dresdner Norden. Der Nordkanal führt vom Klärwerk an der Elbe aus parallel zur Autobahn und durch den Heller bis zur Königsbrücker Straße. Unterwegs fließt dabei das Abwasser von den Gewerbegebieten in Rähnitz und Wilschdorf in den Kanal.
„Der Höhenunterschied von der Königsbrücker Straße bis hinab zum Klärwerk beträgt rund 100 Meter“, erläutert Strothteicher. An dem Absturzbauwerk mit seiner Wehrschwelle wird die Geschwindigkeit des Abwassers gedrosselt, sodass es nicht zu Turbulenzen kommt.
76 Millionen Euro hat die Stadtentwässerung in den Industriesammler Nord investiert, mit dem die Mikrochipwerke direkt an die Kläranlage angeschlossen werden. Geschäftsführer Ralf Strothteicher steht im neuen Absturzbauwerk kurz vor dem Klärwerk Kaditz, wo an dieser Wehrschwelle die Geschwindigkeit des Abwassers gedrosselt wird.
Bauleute legen gewaltiges Tempo vor
Vor allem durch den Nordkanal haben sich 2025 die Investitionen der Stadtentwässerung gegenüber früheren Jahren verdoppelt. Der Kanalbau hatte im Juli 2023 begonnen. Lagen die jährlichen Investitionen des Unternehmens bis dahin bei 20 bis 30 Millionen Euro, so stiegen sie 2024 schon auf 46 Millionen und 2025 auf 62 Millionen Euro. „Rund drei Kilometer des Kanals werden in offener und sieben Kilometer in geschlossener Bauweise hergestellt“, erklärt Strothteicher. Offen heißt, dass Gräben ausgebaggert und Rohre verlegt werden. Bereits am 10. Dezember 2025 hatte die Tunnelbohrmaschine ihr Ziel gegenüber des neuen Infineon-Werks an der Königsbrücker Straße erreicht. Jetzt sind nur noch einige Restarbeiten nötig.
„Im Mai soll der Industriesammler Nord ein Vierteljahr vorfristig in Betrieb genommen werden“, sagt der Abwasser-Chef. Damit hat die Stadtentwässerung die Voraussetzung für einen Abwasseranschluss von Infineon mit der Erweiterung von Modul 4 und des im Bau befindlichen ESMC-Werks geschaffen.
Vorfristig konnten auch die Kanalbauarbeiten im Zuge des Ausbaus der Wehlener Straße im vergangenen Monat abgeschlossen werden. Zudem ist ein zweiter, 5.000 Kubikmeter fassender neuer Gasspeicher im Klärwerk pünktlich im November in den Probebetrieb gegangen. Dieses Jahr will die Stadtentwässerung rund 37 Millionen Euro für folgende Projekte investieren.
Technik wird für ESMC-Anschluss aufgerüstet
Beim Bau des 2020 in Betrieb gegangenen Pumpwerks Rähnitz an der Radeburger Straße wurde auf Zuwachs im Gewerbegebiet Aiportpark gesetzt. Installiert sind vier elektrische Pumpen mit einer Leistung von jeweils 55 Kilowatt, die das Abwasser über Steigungen weiterbefördern. Angeschlossen wurde damit das Gewerbegebiet mit dem neuen Bosch-Werk. Im Pumpwerk wurden bereits die Plätze für vier weiterer Pumpen errichtet. „Sie werden ab August dieses Jahres eingebaut“, sagt Strothteicher. Angelegt wird zudem ein direkter Zulaufkanal vom neuen ESMC-Werk. Im April 2027 sollen die neuen Pumpen betriebsbereit sein. „So sichern wird pünktlich vor Inbetriebnahme des neuen ESMC-Werks die Abwasserableitung zum Industriesammler Nord“, sagt Strothteicher. Investiert werden sollen rund 930.000 Euro.
Damit wird sich die Pumpenkapazität stark erhöhen. Derzeit können rund 11.000 Kubikmeter Abwasser täglich weitergepumpt werden, was der Füllung von 375 Tankfahrzeugen mit einem 30-Kubikmeter-Tank entspricht. Künftig wird sich die Kapazität auf rund 22.000 Kubikmeter verdoppeln.
Herzstück wird weiter ausgebaut
„Wir beginnen dieses Jahr mit dem Ausbau unserer Kläranlage in großem Umfang“, nennt Strothteicher das nächste Großprojekt. Schließlich hat sich das Abwasservolumen aus Industrie und Wohngebieten inklusive des Niederschlagswassers auf jährlich 55 Millionen Kubikmeter erhöht. Das Herzstück des Klärwerks, die biologische Reinigung, soll ausgebaut werden. Die Belebungs- und Verteilerbecken fassen insgesamt 144.000 Kubikmeter. Geplant sind drei weitere Belebungsbecken, erklärt der Abwasser-Chef. Im August soll der Bau beginnen und 2028 abgeschlossen werden.
Parallel dazu werden ab 2027 die vorhandenen sechs Nachklärbecken bis 2029 durch zwei weitere ergänzt. Erste Tiefbauarbeiten dafür starten bereits dieses Jahr. Geplant ist außerdem, in der Schlammbehandlung einen dritten Faulturm zu errichten und ein viertes Blockheizkraftwerk, das aus dem Faulgas grünen Strom und Wärme erzeugt.
„Das ist der Auftakt für den Klärwerksausbau bis 2036“, sagt der Geschäftsführer. Entsprechend des vom Stadtrat beschlossenen Abwasserbeseitigungs-Konzeptes sollen dafür insgesamt rund 300 Millionen Euro investiert werden.
120 Jahre alter Hauptkanal wird saniert
Die B6 soll ab nächstem Monat bis März 2029 in einem 900 Meter langen Abschnitt zwischen der Weißeritzbrücke auf der Hamburger und der Einmündung der Alten Meißner in die Meißner Landstraße komplett ausgebaut werden. Damit wird ein Nadelöhr am Autobahnzubringer im Dresdner Westen beseitigt.
Geplant sind zwei Fahrspuren in jede Richtung, beidseitige Radstreifen und kürzere Wege beim Umstieg zwischen Regionalbahn, Bus und Straßenbahn. Die Bahnbrücke und der Haltepunkt Cotta werden erneuert. Direkt daneben ist eine barrierefreie Bus- und Straßenbahnhaltestelle geplant. Im Vorfeld hatte die Stadtentwässerung bereits einen 54 Meter langen Abwasser-Rohrtunnel durch die Bahntrasse gebaut sowie bis Mai 2025 auf der Stadtseite ein Regenüberlaufbecken, das das alte auf der Hamburger Straße ersetzt.
Im Zuge des Straßenausbaus saniert die Stadtentwässerung den 120 Jahre alten Gebietshauptkanal, dessen Rohre bis zu zwei Meter hoch sind. Insgesamt investiert das Unternehmen 8,2 Millionen Euro in das Großprojekt.
Kanalbau beginnt im September
Bereits seit 30 Jahren plant die Stadt den Ausbau der Königsbrücker Straße zwischen Albertplatz und Stauffenbergallee. Im Sommer sollen die Arbeiten endlich starten, die drei Jahre dauern werden. In dem Zuge beginnt die Stadtentwässerung im September mit der Kanalsanierung ab dem Albertplatz, für die sie insgesamt 9,2 Millionen Euro investiert. Auf einer Länge von 1,7 Kilometern werden die bis zu 150 Jahre alten Rohre ausgewechselt, die zwischen 60 Zentimeter und 1,3 Meter stark sind. Auf weiteren 1,1 Kilometern werden glasfaserverstärkte Kunststoffschläuche in den Kanal eingezogen, die ihn neu abdichten.
Über drei Millionen für Kanalsanierung ab Nürnberger Ei
Dieses Jahr beginnt der Bau der Campuslinie zwischen Nürnberger Ei und Kesselsdorfer Straße, bei dem auch die Nossener Brücke ersetzt wird. Dabei werden die bis zu 130 Jahre alten Kanäle zwischen dem Nürnberger Ei und der Nossener Brücke erneuert, kündigt Strothteicher an. Die 3,3 Millionen Euro teure Kanalsanierung soll im Juni beginnen. Auf der Länge von 1,1 Kilometern werden die bis zu 90 Zentimeter starken Rohre ausgewechselt, auf weiteren 300 Meter wird der Kanal mit glasfaserverstärkten Kunststoffschläuchen abgedichtet.
Text: Peter Hilbert