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Nächstenliebe verlangt vor allem Nächstenliebe

22.10.2019 von

Foto: Pixabay

„Nächstenliebe verlangt Klarheit" - mit dieser Forderung traten vor einigen Tagen einige Aktive und im Ruhestand befindliche Pfarrer der sächsischen Landeskirche öffentlich in Erscheinung, indem sie eine Petition online stellten. Der Landesbischof solle sich von alten Freunden distanzieren, mit denen er in seiner Jugend vor 30 Jahren als Student in einer schlagenden Verbindung war - vor seiner Zeit als Pfarrer und Kirchenmann, wohlgemerkt. Dazu hatte der Landesbischof schon einmal eine kurze Erklärung abgegeben. Es sollte aber weiter gebohrt werden, weil die Erklärung nicht so war, wie sie sich die Petenten höchst selbst vorgestellt hatten. Am liebsten hätten sie wohl den Erklärungstext selbst geschrieben, wie man im Petitionstext unschwer erkennt, und ihn nur noch unterschreiben lassen wollen. Zeitlich passgenau tauchten über den WDR, dessen Sendegebiet weit von Sachsen entfernt liegt, noch weitere Jugendsünden in Form von kleineren, durchaus auch kritikwürdigen Texten aus seiner frühen Jugend auf. Die zeitliche Koinzidenz ist frappant.

Auch hier wurde aufgebauscht und skandalisiert, was das Zeug hielt. In den letzten Tagen wurden akribisch alle Vorwürfe auf Wikipedia eingetragen - bewiesen oder nicht. Fleißig wie die Bienen haben Eifrige - oder sind es Eiferer? - viele Einträge gemacht, damit jeder, der jetzt erst auf den Vorgang aufmerksam wird und sich informieren will, sofort auf dem Niveau der Leipziger Petition „informiert“ wird. Was er sagt, wird nicht mehr gehört. So manche damals vertretene These würde er heute nicht mehr aufrechterhalten, sagte der Landesbischof. Würde ich vielleicht auch nicht. Der Mensch reift, wenn er offenen Geistes ist. Es ist dem Christentum immanent, dass man sich täglich um neue Einsichten bemüht und der Weg das Ziel ist. Brüderliche Gespräche, um das eine oder andere aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten, sind um vieles christlicher als medienöffentliche Skandalisierungen und damit begangener Rufmord im Medienzeitalter. Wenn man jetzt vielleicht tagesaktuell noch mit den Zuständen an der Universität Hamburg vergleicht, in denen die AStA fröhliche Urstände feiern kann, indem sie einen ihr unliebsamen Professor davon abhalten, seine Vorlesung zu halten, dann erkennt man vielleicht auch mit ungeübtem Auge das politische Muster: Ein an sich wenig spektakulärer Vorgang wird mit der größtmöglichen Lautstärke skandalisiert, um dem Unliebsamen jede Möglichkeit zu nehmen, sich angemessen zu verteidigen, rehabilitiert zu werden oder den Vorwurf humorvoll dahin zu führen, wo er hingehört: ad absurdum. Wie von einer Geisterhand mehren sich derlei Skandalisierungs-Rufmorde in der letzten Zeit. Als riefe Robespierre seine Anhänger noch einmal zu einer letzten Säuberungsaktion auf. Die Vermutung liegt nahe, dass es überall um politische Deutungsmacht geht. Und je mehr „links“ in politische Erklärungsnot gegenüber der eigenen Bevölkerung kommt, umso mehr werden „Rechte“ skandalisiert, um die sich abwendenden Massen davon abzuhalten, sich „den Rechten“ zuzuwenden. In einer Aufmerksamskeitsdemokratie ist es fast unmöglich, den einmal öffentlich lauthals hinaus gebrüllten Skandal wieder zurück zu nehmen, wenn sich die Vorwürfe als haltlos oder geringfügig erweisen. Der Betroffene bleibt für den Rest seines Lebens stigmatisiert: „Ist das nicht der …“.

Vergebung ist nicht möglich, Reue ist nicht möglich. In den unsozialen Netzwerken geht es genauso zu. Diese Methode des Rufmords wird nicht ausschließlich, aber sehr gern und in offenkundig besonderer Rigorosität von politisch eher links eingestellten Menschen genutzt. Nun traf es Landesbischof Rentzing, „den letzten konservativen Landesbischof in Deutschland“, wie ich fast vorwurfsvoll las. Hätte er dann nicht unter Artenschutz gehört? Wäre er nicht insbesondere als Angehöriger einer offenkundigen Minderheit besonders schützenswert? Und kann man das auf einen Landesbischof beziehen, der in seiner Amtsführung insbesondere den Glauben in den Mittelpunkt seiner Arbeit stellte und keineswegs die Politik, wie seine Beschuldiger allen weiß machen wollen? Viele scheinen immer wieder auf diese machtpolitische Methode der Skandalisierung von Menschen, die interessierte Kreise aus der Öffentlichkeit herauskatapultieren wollen, damit die eigene Meinung umso deutlicher wahrgenommen wird, herein zu fallen. Sie lassen sich instrumentalisieren. Wenn der Landesbischof in den lang geplanten Familienurlaub fährt, untertitelt die Sächsische Zeitung eben mal munter mit „…in den Urlaub abgetaucht“. Vielleicht ist er ja in die Berge gefahren? Man wollte tendenziös titeln. Vielleicht hat er auch unter dem Eindruck seit Jahren stattfindender Angriffe, die nun in ein Kesseltreiben münden, menschlich die Reißleine gezogen. Gestolpert sei der Landesbischof…Er ist nicht gestolpert, er wurde geschubst und dann wurde lauthals verkündet, er stolpere. Das ist die Methode, die immer mehr zur Anwendung kommt. Dabei geht es immer um Machtkämpfe wie Deutungsmacht oder Entscheidungsmacht. Natürlich auch in der Kirche. Es geht auch hier in diesem Fall um rein weltliche Dinge und offenkundig nicht um seine Amtsführung. Die Sächsische Landeskirche ist der EKD schon lange ein Dorn im Auge. Der Landesbischof selbst hat nicht skandalisiert, dass ein Superintendent in Dresden im Frühjahr einem Verein das Haus der Kirche für eine diffamierende Veranstaltung öffnete, der sich von einem weiteren Verein, der vom bayrischen Verfassungsschutz als linksextremistisch im Jahresbericht 2018 eingestuft wurde, finanzieren lässt. Man hat es vielleicht intern diskutiert, aber nicht öffentlich skandalisiert. Obwohl es hier wirklich einer ist, ein Skandal.

Am Ende der Petition wird klar, dass manche Landesbischof Rentzing unbedingt aus dem Amt haben wollen. Seine damalige Wahl bedeutet ihnen wohl eine persönliche Schmach.  Man habe ja schon immer geahnt….Kein Raum für Versöhnung, kein Raum für Gespräche, sondern rigoros, ja unbarmherzig die Ablehnung. Ein Landesbischof, der seine Aufgabe auch darin sieht, Anhänger der AfD nicht auszuschließen, sondern die Landeskirche zu einen und zusammen zu halten, wird von Spaltern zum Spaltungsgrund erklärt, wenn er im Amt bliebe.
Luther hat gelehrt, dass wir uns die Barmherzigkeit Gottes nicht verdienen können. Sie wird uns als Gnade zuteil. Hätte es noch eines Beweises bedurft, dass die Menschen Gott nicht gleich, sondern alle Sünder sind, diese Petition und vor allem das Nachkarten nach seinem Friedensangebot durch den Rücktritt, hätten ihn erbracht. Laut Matthäus sind es die Barmherzigen, die Barmherzigkeit erlangen. Lästige geduldig zu ertragen, ist eines der sieben geistigen Werke der Barmherzigkeit. Landesbischof Rentzing hat das vier Jahre lang vortrefflich getan. Möge er den Rückhalt der Protestanten in Sachsen erhalten, den er verdient. Mögen die ihn und seine Familie Belästigenden darauf hoffen dürfen, dass Gott ihnen seine Gnade der Barmherzigkeit trotzdem erweist.

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