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Dissonanzen in K-Moll - K wie Konservatorium

13.01.2017 von

Während an der Elbe Mündung mit Elphi ein nagelneuer Konzertsaal die Besten noch besser werden lässt, stimmt die Tonart am Dresdner Konservatorium überhaupt nicht mehr. Dissonanzen überall. In beiden Städten hält die Musikwelt den Atem an, dort vor Begeisterung, hier vor Entsetzen.  

Prolog
Der seit Monaten geplante Trägerwechsel des Heinrich-Schütz-Konservatoriums Dresden von einem privatwirtschaftlichen Unternehmen zu einem städtischen Betrieb und die seit Jahren überfällige Honorarerhöhung für die freien Mitarbeiter sind dafür verantwortlich.

Kristin Unglaube ist freiberufliche Lehrerin, unter anderem am Heinrich-Schütz-Konservatorium Dresden (HSKD). Als sie noch Cellolehrerin an der Musikschule Bannewitz war, hat sie z.B. Norbert Anger unterrichtet. Er ist inzwischen berühmt und seit vier Jahren Erster Konzertmeister der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Seine ehemalige Lehrerin kämpft um ein höheres Honorar am HSKD, von angemessen will sie nicht sprechen. 

Erster Akt
Am Montag, dem 9.Januar haben rund 100 freie Musikpädagogen für ein Honorar von 25 Euro und gegen eine unzureichende Honorarerhöhung protestiert. Sie sahen keine andere Wahl, um ihre Rechte zukämpfen. Alle freiberuflichen Lehrer hatten befristete Verträge, die am 22.12. ausliefen. Ursprünglich war zum Januar ein Trägerwechsel in kommunale Hand geplant. In diesem Zusammenhang sollten die Honorar- Lehrer neue Verträge bekommen. Der Stadtrat hatte am 29.9.16 parallel zur Re-kommunalisierung des HSKD die Anhebung der Honorare von 21 € im Durchschnitt auf 25 € im Durchschnitt, unabhängig vom Trägerwechsel, beschlossen. Dafür hatte die Stadt zusätzliche 800.000 Euro für 2017 ins Konservatorium investiert.

Zwischenspiel
Aus der Zeitung haben die Lehrer erfahren, erstens, der Trägerwechsel kommt, aber später, vielleicht sogar erst 2018, zweitens, das Konservatorium sieht einen 2-Stufen-Plan zur Honorarerhöhung auf 25 € im Durchschnitt bis zum Sommer vor. Die 4-Euro-Plus-Pauschale für alle lehnte die Konservatoriumsleitung ab.

Unterricht fällt aus, die Kommunikation verläuft sich, Ultimaten laufen ab. 

Zweiter Akt
Für Christian Scheibler, ehrenamtlicher Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Tonkünstler, ist die desolate Informationspolitik der Konservatoriumsleitung eine Katastrohe. Bereits am 5.Novemver 2015 hat er in den ersten Amtstagen der Dresdner Kulturbürgermeisterin Klepsch das Problem dargelegt. Die Schule bekommt knapp 3 Millionen Fördergelder von der Stadt, vier Mitglieder des Vorstandes der Schule sind Mitglieder des Stadtrates. Die Vorstandsmitglieder sind Klaus Gaber, Vorsitzender Christa Müller, stellv. Vorsitzende, Prof. Dr. Schellong, stellv. Vorsitzender, Prof. Dr. Ingo Heinlin, Annekatrin Klepsch, Dr. Peter Lames, Kati Kasper, geschäftsführendes Mitglied im Vorstand. Es ist also nicht notwendig, von einem Schreibtisch zum anderen zu schieben, glaubwürdig schon gar nicht..

Das Stufenkonzept hält Scheibler für eine „Nebelkerze. Damit kam die Konservatoriumsleitung erst kurz vor der Protestaktion um die Ecke. Die Honorarkräfte haben nichts gewusst.“ Als es dann bekannt wurde, trat ein, was immer passiert, wenn die Unternehmensleitung die Salami-Taktik favorisiert. Häppchenweise Informationen streuen, die Interessenvertretung der Freien ignorieren und mit jedem Künstler Einzelgespräche führen. Daraus gehen dann keine nachvollziehbaren Kriterien für eine Honorarerhöhung hervor. Was ist entscheidend? Die Dauer der Zugehörigkeit, das Instrument, die Nase? Im Ergebnis entstehen Gerüchte, die das Klima an der Bildungseinrichtung nicht verbessern.

Wer für rund 20 Euro freiberuflich unterwegs ist, steht einen Schritt vorm finanziellen Abgrund. Wenn es im Moment keine anderen Verdienstmöglichkeiten gibt, nimmt man den Spatz in der Hand und schimpft auf die Taube, die ja sowieso nur Dreck macht. 

Im Klartext heißt das: fast alle Honorarlehrer haben sich auf den Stufenplan eingelassen, ohne zu wissen, ob es so sein wird, dass im Sommer die 25 Euro wirklich fällig sind. Vielleicht laufen die Verträge ja vorher aus, vielleicht verschiebt sich alles noch einmal. Es ist nicht sicher. Sicher ist nur, die Lehrer können sich auch keinen längeren Unterrichtsboykott mehr leisten. Sie brauchen das Honorar, auch wenn es nur ein Schmerzensgeld ist, Vor- und Nachbereitungen unbezahlt und zusätzlich sind und 60 -Stunden-Wochen keine Seltenheit.

Epilog
Christian Scheibler denkt auch ein paarJahre weiter. „Wenn die Honorare der Lehrer nicht angehoben werden, werden sie sicher in die Altersarmut gehen. Im Moment erwartet sie durchschnittlich eine Rente von 420 Euro. Das kann doch niemand wollen?“ Dann zahlt die Stadt zweimal, erst zu geringe Honorare und dann ALG II. Auf seiner Faktenrecherche zur Situation der Kreativwirtschaft in Dresden musste er feststellen, dass im Amt für Wirtschaftsförderung gar keine Daten und Aufstellungen gibt. Was er weiß, ist, dass im Konservatorium weniger als ein Drittel der Musikschüler ausgebildet wird. Zwei Drittel liegen in privater Hand. Spitzentalente bleiben 10 bis 15 Jahre in der Ausbildung. Die Schüler des Konservatoriums bleiben weniger als vier Jahre im Haus. Die hochgelobte hohe Qualität hält das hohe C nicht mehr.

Noch einmal: Es geht um 4 Euro – in Worten vier – pro Lehrernase pro Unterrichtseinheit, um eine transparente Kommunikation und um ein faires vertragliches Geschäftsgebaren. Die Musikerbrauchen die Unterstützung der Eltern, der Steuerzahler und der Bildungsträger. Alleine schaffen sie es nicht. Für Christian Scheibler gibt es noch ein Gespräch mit der Kulturbürgermeisterin Klepsch, eine letzte Chance, die Dissonanzen in Harmonien zu wandeln. 

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