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Wie eine Luftblase eine Überflutung des Dresdner Abwassersystems verhinderte

Alexander Würzburg an einer Gummiblase, wie sie nach dem Brückeneinsturz auch bei der Notaktion an der Carolabrücke eingesetzt wurde. Mit dieser Blase konnte beim Hochwasser kurz nach dem Brückeneinsturz am 11. September 2024 die Überflutung des Kanalsystems verhindert werden. Foto: Stadtentwässerung
Alexander Würzburg an einer Gummiblase, wie sie nach dem Brückeneinsturz auch bei der Notaktion an der Carolabrücke eingesetzt wurde. Mit dieser Blase konnte beim Hochwasser kurz nach dem Brückeneinsturz am 11. September 2024 die Überflutung des Kanalsystems verhindert werden. Foto: Stadtentwässerung

Nach dem Einsturz der Dresdner Carolabrücke vor reichlich einem Jahr hat Druckluft eine Katastrophe fürs Kanalsystem verhindert.

Alexander Würzburg hat in seinem Lager im Klärwerk Kaditz gerade eine große schwarze Gummiblase an den Schlauch angeschlossen und befüllt sie mit Druckluft. Bei 0,3 Bar ist der vorgeschrieben Prüfdruck erreicht, die Blase schon kräftig angeschwollen. Im Fall der Fälle presst sich die Gummiblase fest an die Wände und verschließt den Kanal. Deshalb wird sie Absperrblase genannt, die wie bei einem Fahrradmantel aus einem robustem Verbund aus Textil- und Gummimaterial besteht. Es gibt sie nicht nur in runder Ausführung, sondern auch als eiförmige Dichtkissen. So können sie sich an jede Kanalform anpassen. 

„Damit können Kanäle abgesperrt werden, wenn Risse in den Wänden auszubessern oder andere Instandhaltungen auszuführen sind oder bei Havarien“, erklärt der 48-jährige Abwasserfachmann. Nach seiner im Jahr 2000 abgeschlossenen Lehre zum Ver- und Entsorger bei der Dresdner Stadtentwässerung hatte er lange als Kanalbetriebsarbeiter und später im Team Spezialtechnik im Dresdner Kanalnetz gearbeitet. Er kennt es aus dem Effeff. Seit zwei Jahren ist Würzburg fürs Fahrzeugwesen und die Lagerverwaltung zuständig – und damit auch für diese Absperrblasen, von denen 48 in seinem Lager liegen.

Gefahr fürs Kanalnetz an der Carolabrücke

In der Nacht zum 11. September 2024 stürzt die Carolabrücke ein. „Mit meinen Kindern habe ich vorm Fernseher gesessen und verfolgt, wie die Trümmer an der Carolabrücke beiseite geräumt werden“, berichtet der Familienvater, der in Steinbach bei Moritzburg wohnt. „In dieser Woche hatte ich Bereitschaftsdienst und war somit für Havarien oder Einbrüchen im Kanalnetz zuständig.“ Dazu gehört auch der Neustädter Abfangkanal. Dieser rechtselbische Hauptkanal verläuft vom Albertplatz in Richtung Klärwerk direkt unterm Brückenende hindurch. Vor der Carolabrücke ist darin ein Regenüberlaufbauwerk. Rechts fließt das Abwasser durch eine Röhre weiter zum Königsufer Richtung Kläranlage. Über die Trennwand des Regenüberlaufs läuft bei besonders starkem Regen stark verdünntes Abwasser durch zwei Auslasskanäle in die Elbe über.

Schwillt die Elbe bei Hochwasser an, verschließen ab einem Pegel von 4,2 Metern zwei stählerne Hochwasserschieber die großen Betonröhren in der Gegenrichtung. Denn sonst würde das gesamte Neustädter Abwassernetz überflutet und damit kollabieren. Genau das drohte am ersten Wochenende nach dem Brückeneinsturz am 11. September 2024. Das Hochwasser steigt rasant, flutet in den Kanal.

Mit Gummiblase wird Katastrophe verhindert

„Ich hatte schon gehört, dass die Hochwasserschieber geschlossen werden müssen“, erzählt Würzburg. „Am Sonntag habe ich einen Anruf von unserem Teamleiter Abwasserableitung Thomas Würfel erhalten, dass er jetzt ganz schnell eine Absperrblase braucht.“ Denn der Hochwasserschieber am äußeren Auslass direkt vor der Neustädter Brückenkammer funktioniert nicht mehr, da ein Kabel zu stark beschädigt ist und Trümmerteile die Schachtabdeckung des Schieberschachtes meterhoch bedecken.

In einer Blitzaktion wird eine Notlösung umgesetzt. „Nur ein Glück, dass ich als Lagerverantwortlicher den schnellen Zugriff auf die Blasen habe“, sagt er. Mit seinem Kollegen Patrick Fleischer holt er eine Blase und braust mit dem Bereitschaftsfahrzeug zur Carolabrücke. „Patrick ist oben am Kompressor geblieben, und ich bin mit der Gummiblase und dem Druckluftschlauch durch den Schacht nach unten gestiegen“, erklärt Alexander Würzburg.

Mit Thomas Würfel schiebt er die Absperrblase in die Öffnung, pumpt sie bis zu 2,5 Bar auf und verankert sie mit schnell herbeigeholten Stahlträgern. Denn sonst würde sie dem gewaltigen Wasserdruck nicht standhalten. „Bei Thomas ist das Wasser schon in die Wathose gelaufen. Ich hatte mich gewundert, warum meine Eimer mit dem Werkzeug immer schwerer werden, obwohl ich sie nach oben halte.“ Doch durch den Starkregen war das Wasser im Kanal so gestiegen, dass es von hinten bereits in die Eimer lief. Eine Stunde später wären sie nicht mehr in den Kanal gekommen. „Hier kam es auf die Minute an. Doch jeder ist ruhig geblieben und wusste, was er zu machen hat. Wir waren echt froh, als wir das geschafft hatten“, berichtet Würzburg. Und so konnte die Katastrophe verhindert werden.

Blasen werden einmal jährlich geprüft

„Genau deshalb ist es so wichtig, dass wir einmal jährlich eine Sicht- und Funktionsprüfung der Absperrblasen durchführen“, erklärt Würzburg. Dafür hat er eine Spezialschulung zur Prüfung von Absperreinrichtungen im nordrhein-westfälischen Wassenberg an der holländischen Grenze absolviert. Zur Prüfung wird die Blase aus dem Lager geholt und zuerst schonend mit Wasser und Seife gereinigt.

„Beim Aufpumpen sehe ich, ob es Risse oder Schäden gibt.“ Schließlich würden dann Blasen im Seifenwasser entstehen. „Wenn sie undicht ist, hat sie meistens ausgedient. Denn oft kann die poröse Gummischicht nicht mehr vulkanisiert werden.“ Genauso war es auch bei der rettenden Absperrblase von der Carolabrücke. „Sie war bei dem Einsatz so beschädigt worden, dass sie nicht mehr zu verwenden war. Sie hatte ihren Zweck aber mehr als erfüllt“, resümiert er.

Bei der jährlichen Prüfung wird so eine Blase mit einem Durchmesser von einem Meter mit einem Druck von 0,3 Bar befüllt. Den muss sie fünf Minuten halten. Ist das der Fall, bekommt sie ihre Prüfmarke. „Das ist äußerst wichtig, damit es nicht zu Unfällen im Kanal kommt“, erklärt der Blasenspezialist. „Ich habe einmal erlebt, wie eine Absperrblase geplatzt ist, die eine Spezialfirma bei der Kanalreinigung eingesetzt hat“, erzählt er. „Das hat mordsmäßig geknallt. Zum Glück ist nichts passiert.“


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