Gen Alpha hält beim Klöppeln die Fäden in der Hand
«Klack, klack, klack» – Der ganze Raum in der Klöppelschule in Annaberg-Buchholz ist erfüllt von Klappern der Holzklöppel. Für das Erzgebirge ein typisches Geräusch. Große und kleine Hände drehen und kreuzen damit Fäden auf ihren bunten Klöppelsäcken. Zwischendurch stechen sie zahlreiche Pinnnadeln in die Säcke, um das voranschreitende Werk zu fixieren oder die ungenutzten Klöppel zur Seite hängen zu können. Wer von den Schülerinnen nicht hochkonzentriert ist, quatscht dabei mit seiner Nebenfrau, während nebenbei in bunten Fäden eine Qualle, ein Hahn oder ein Fuchs entstehen. «Manu, kannst du mir helfen?», heißt es zwischendurch immer wieder, wenn sich eine der Schülerinnen «versteuert» hat, wie Klöppellehrerin Manuela Fischer es nennt. Jetzt eilt Fischer zu Maja. Die Neunjährige ist erst seit kurzem im Klöppelunterricht. Trotzdem klöppelt sie schon flink vor sich hin - manchmal allerdings etwas zu schnell. Dann kommt Lehrerin Manu und hilft, dreht und windet die Fäden, bis sie wieder richtig liegen. Klöppeln ist eine Handwerkstechnik, die nur aus zwei Bewegungen bestehe: Drehen und Kreuzen, wie Manuela Fischer erläutert. «Klöppeln ist eine Art von Flechten», sagt sie weiter. Maja hört aufmerksam zu, nickt und nimmt dann die Fäden wieder selbst in die Hände. «Also, ich war schon mal mit meiner Klasse hier, und da habe ich gemerkt, dass es mir sehr viel Spaß macht, und deswegen bin ich jetzt hier», erzählt die Neunjährige, die gerade an einem Vogel klöppelt. Sie kommt gerne hierher, «weil das beruhigt die Nerven», sagt Maja fröhlich. Neben den Mädchen sitzen auch drei ältere Frauen in der Klöppelschule an ihren Projekten - eine von ihnen wegen ihrer Enkelin. «Das war am Jahresanfang. Da ist die Emilia gegangen und da hat sie gefragt, Oma, gehst du mit? Ich sag, ja, das passt gut, weil ich habe selber mal als Jugendliche geklöppelt», erzählt die 69-jährige Karin Schwabe. Das Wichtigste am gemeinsamen Hobby sei aber die «gemeinsame Zeit mit den Kindern, das ist toll», erklärt Schwabe. Ihre Enkelin Emilia sieht das ähnlich. Sie klöppelt, weil «man nach einem stressigen Schulalltag auch ein bisschen runterkommt». Und genauso wichtig sei dabei: «Auch einfach in der Gemeinschaft mit anderen zusammen zu sein», sagt sie. Klöppeln ist eng mit dem Erzgebirge verwoben - und das seit nachweislich mehr als 450 Jahren. So findet sich die Klöpplerin neben dem Schnitzer und zwei Bergmännern im traditionellen Schwibbogen-Motiv. Besonders bekannt dafür wurde Barbara Uthmann, die im 16. Jahrhundert bis zu 900 Bortenwirkerinnen beschäftigt und maßgeblich zur Verbreitung des Klöppelns im Erzgebirge beigetragen haben soll. Nach ihr ist die Klöppelschule in Annaberg-Buchholz benannt. Nachdem der Bergbau hier versiegt ist, sei Klöppeln der Broterwerb der Region gewesen, erklärt Manuela Fischer. Und auch heute noch geht man im Erzgebirge der Handarbeitstechnik nach, wenn auch vor allem als Hobby. Man fühle sich dadurch irgendwie mit der Heimat verbunden, findet Emilia. «Es gehört halt irgendwie mit dazu», berichtet Kimberly, eine andere Klöppelschülerin, «weil meine große Schwester hat's gemacht, meine Mama hat's gemacht, meine zwei kleinen Geschwister machen es auch». Klöppeln bereitet auch der jungen Generation Freude, das ist in dem Raum richtig spürbar. Leider würden beim Klöppeln viele immer noch an Omas Deckchen denken, sagt Steffi Schneider, Klöppelexpertin und Leiterin der Volkshochschule Schwarzenberg. Dabei habe sich Klöppeln seitdem wirklich gewandelt, inzwischen werde Schmuck geklöppelt oder dreidimensional mit Draht gearbeitet. «Also, man muss schon ein bisschen modern sein, um Leute anzulocken», findet auch Manuela Fischer. Sie stelle den Kindern alle Farben zur Verfügung und arbeitet auch mit Glitzer und Perlen. Zwar gibt es keine Zahlen dazu wie viele Kinder und junge Menschen in Sachsen aktiv klöppeln oder klöppeln können. Es sei im Erzgebirge aber immer noch sehr aktuell, meint Schneider. «Wir haben keine Sorgen zwecks Nachwuchs», fügt sie hinzu. Auch der Sächsisch-Erzgebirgische Klöppelverband (SEKV) schätzt die Zahlen der Kursteilnehmer in den vergangenen Jahren als konstant ein. Was aber fehle, erklärt Manuela Fischer, das sei dieses mittlere Alter. «So zwischen 20 und 40, das fehlt uns», sagt Fischer. Ein Blick durch ihren Kursraum bestätigt das – Grundschülerinnen, Teenager und ältere Frauen sitzen hier an den Klöppelsäcken. Genauso wenig in Sicht: Jungen und Männer. Die seien bei diesem Hobby in der Unterzahl. Dabei saßen im Erzgebirge auch Männer an den Klöppelsäcken, insbesondere als die Region vom Klöppeln lebte, wie Fischer erzählt. Vereinzelt seien laut Fischer aber in ihren Kursen immer wieder Männer dabei. «Wir hatten immer einen Jungen hier, genau in dieser Gruppe, der kommt leider nicht mehr», sagt Fischer. Viele andere Kinder in Manuela Fischers Unterricht wollen ihr Hobby Klöppeln dagegen gerne beibehalten, das berichten etwa Emilia oder die 13-jährige Kimberly. Manche geben es sogar selbst weiter. Eine ehemalige Schülerin von Fischer zog für ihr Studium nach Halle und leitet dort eine Kinderklöppelgruppe, wie die Leiterin sagt. «Da freut man sich immer, wenn man Kinder von damals wieder trifft und die auch immer noch klöppeln.» In dem Fall sogar über das Erzgebirge hinaus. Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehaltenGemeinschaftserlebnis gegen Stress
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