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Schneller fahren, weiter reisen: Warum uns mehr Tempo kaum Zeit schenkt

Verkehrsforschung
Symbolbild hohes Verkehrseinkommen (Bild: magnific.com)
84 Minuten täglich: Warum schnellere Wege in Deutschland oft nur größere Distanzen bringen.

Autos werden schneller, Bahnstrecken ausgebaut und Straßen leistungsfähiger. Trotzdem verbringen Menschen erstaunlich konstant viel Zeit damit, von einem Ort zum anderen zu kommen. Aktuelle Zahlen aus Deutschland stützen eine alte These der Verkehrsforschung: Gewonnene Geschwindigkeit nutzen wir häufig nicht zum Zeitsparen, sondern für längere Wege.

Eine Stunde schneller unterwegs sein müsste eigentlich bedeuten, mehr freie Zeit zu haben. In der Realität funktioniert Mobilität offenbar anders. Schnellere Autos, bessere Straßen und schnellere Züge ermöglichen es Menschen vor allem, in derselben Zeit größere Entfernungen zurückzulegen.

Der Wiener Verkehrsplaner Hermann Knoflacher formulierte das bei einer Diskussion im Verkehrsmuseum Dresden drastisch. Höhere Geschwindigkeit spare langfristig keine Reisezeit. Auf den Einwand, Menschen würden heute mehr reisen, antwortete er: „Wir reisen mehr. Nein, wir reisen weiter.“

Ganz so eindeutig, wie Knoflacher es darstellt, ist die Wissenschaft nicht. Doch aktuelle deutsche Daten zeigen tatsächlich eine bemerkenswerte Stabilität.

Im Schnitt 84 Minuten jeden Tag unterwegs

Die bislang aktuellste große Datengrundlage liefert die Studie „Mobilität in Deutschland 2023“ im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums. Dafür wurden rund 421.000 Menschen zu ihrem Mobilitätsverhalten befragt.

Das Ergebnis: Die Menschen in Deutschland verbringen im Durchschnitt 84 Minuten täglich unterwegs. 2017 waren es 85 Minuten. Betrachtet man nur Personen, die am jeweiligen Tag überhaupt das Haus verlassen und Wege zurücklegen, steigt der Wert auf 103 Minuten. Die Autoren des Berichts schreiben ausdrücklich, das Mobilitätszeitbudget sei seit der Erhebung 2008 insgesamt relativ stabil geblieben.

Gleichzeitig legen Menschen durchaus große Entfernungen zurück. 2023 waren es durchschnittlich 35 Kilometer pro Person und Tag. 2017 lag der Wert bei 39 Kilometern und 2008 bei 38 Kilometern. Die durchschnittliche Länge eines einzelnen Weges beträgt aktuell rund zwölf Kilometer.

Die Werte zeigen allerdings auch, warum aus dem Reisezeitbudget keine Naturkonstante gemacht werden sollte. Vollzeitbeschäftigte sind beispielsweise knapp 101 Minuten am Tag unterwegs, Rentner durchschnittlich 68 Minuten. Menschen zwischen 50 und 59 Jahren kommen auf 98 Minuten, Menschen ab 80 Jahren auf 49 Minuten.

Die Idee ist älter als Autobahn und ICE

Die Beobachtung beschäftigt Verkehrsforscher seit Jahrzehnten. Besonders bekannt wurde sie durch den Verkehrsanalysten Yacov Zahavi, der in den 1970er-Jahren die These eines relativ stabilen täglichen Reisezeitbudgets untersuchte.

Der italienische Physiker und Systemanalytiker Cesare Marchetti griff den Gedanken später auf. Nach ihm wird heute häufig die sogenannte Marchetti-Konstante benannt. Vereinfacht besagt sie, dass Menschen über längere Zeiträume ungefähr eine ähnliche Menge Zeit für Mobilität aufwenden und sich mit schnelleren Verkehrsmitteln deshalb einen größeren räumlichen Aktionsradius erschließen.

Eine umfangreiche wissenschaftliche Übersicht aus dem Jahr 2014 trägt sogar den Titel „Seventy Minutes Plus or Minus 10“. Sie wertete rund vier Jahrzehnte Forschung über Reisezeitbudgets aus. Die Autoren fanden zahlreiche Hinweise auf eine solche Regelmäßigkeit, betonten aber ebenso, dass Studien mit unterschiedlichen Methoden und Datensätzen schwer direkt vergleichbar sind. Warum auf gesellschaftlicher Ebene relativ stabile Werte auftreten, sei weiterhin nicht vollständig geklärt.

Eine weitere große Literaturauswertung kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Auf stark zusammengefasster Ebene erscheinen Reisezeiten teilweise erstaunlich stabil. Für einzelne Menschen gilt eine feste Zeit dagegen ausdrücklich nicht. Einkommen, Erwerbstätigkeit, Autobesitz, Wohnort und Lebenssituation beeinflussen deutlich, wie viel Zeit jemand unterwegs ist.

Die „70 Minuten“ sind deshalb keine feste menschliche Grenze.

Aus gesparter Zeit wird häufig größere Entfernung

Wie kann es sein, dass technische Fortschritte trotzdem kaum Reisezeit freimachen?

Ein einfaches Beispiel zeigt den Mechanismus. Kann ein Mensch für seine täglichen Wege 60 Minuten aufbringen und bewegt sich durchschnittlich mit 30 Kilometern pro Stunde, erreicht er innerhalb dieses Zeitrahmens andere Ziele als bei 60 Kilometern pro Stunde. Verdoppelt sich die mögliche Geschwindigkeit, kann er theoretisch doppelt so weit fahren.

Das muss nicht bedeuten, dass jemand morgens bewusst entscheidet: Mein Auto ist schneller, also ziehe ich 20 Kilometer weiter weg.

Die Veränderungen entstehen oft schrittweise. Ein Arbeitsplatz in größerer Entfernung wird erreichbar. Beim nächsten Umzug kommt ein weiter entfernter Wohnort infrage. Ein größerer Supermarkt ersetzt den Laden um die Ecke. Freizeitangebote werden über einen größeren Raum verteilt. Unternehmen können Beschäftigte und Kunden aus einem größeren Gebiet erreichen.

Genau diesen Zusammenhang beschreibt die Forschung zum Reisezeitbudget. Werden durch höhere Geschwindigkeit Zeitkosten eines Weges reduziert, können Menschen diese Einsparung nutzen, um attraktivere, aber weiter entfernte Ziele anzusteuern.

Aus zehn Minuten gesparter Fahrzeit werden dann nicht zwingend zehn Minuten mehr auf dem Sofa. Vielleicht wird daraus ein Haus zehn Kilometer weiter draußen.

Schneller ist deshalb nicht automatisch nutzlos

Daraus folgt allerdings nicht, dass schnellere Züge, bessere Straßen oder kürzere Fahrzeiten keinen Nutzen haben.

Eine schnelle Verbindung kann Menschen zusätzliche Arbeitsplätze, Schulen, Ärzte, Geschäfte oder Freizeitangebote zugänglich machen. Verkehrsplaner sprechen dabei von Erreichbarkeit. Der Gewinn besteht dann weniger in zusätzlicher Freizeit als in einer größeren Auswahl erreichbarer Ziele.

Auch die These eines konstanten Reisezeitbudgets ist wissenschaftlich umstritten. Eine Untersuchung niederländischer Daten stellte beispielsweise fest, dass die durchschnittliche Reisezeit über mehrere Jahrzehnte gestiegen war. Als mögliche Gründe nannten die Forscher höhere Einkommen, komfortablere Fahrzeuge und die Möglichkeit, Reisezeit beispielsweise im Zug produktiv zu nutzen.

Genau darin steckt eine aktuelle Frage. Homeoffice, WLAN im Zug und künftig möglicherweise autonom fahrende Autos verändern, wie Menschen Reisezeit bewerten. Wer während einer Fahrt arbeiten, lesen oder schlafen kann, empfindet 60 Minuten möglicherweise anders als jemand, der die gesamte Zeit selbst am Steuer sitzen muss.

Die aktuellen deutschen Daten zeigen deshalb keine unumstößliche Gesetzmäßigkeit. Aber sie liefern einen bemerkenswerten Befund: Trotz jahrzehntelanger technischer Verbesserungen waren Menschen 2023 im Durchschnitt 84 Minuten am Tag unterwegs, nahezu genauso lange wie 2017.

Knoflachers Aussage trifft damit zumindest einen wichtigen Punkt. Wir nutzen Geschwindigkeit häufig nicht dazu, weniger unterwegs zu sein. Sie ermöglicht uns, unseren Alltag über einen größeren Raum zu verteilen.

Auch bei DIE SACHSEN NEWS spielt diese Frage in der Verkehrsplanung eine Rolle. Beim Dresdner Mobilitätsplan 2035+ geht es unter anderem darum, wie Pendlerverkehr, Erreichbarkeit und unterschiedliche Verkehrsmittel künftig organisiert werden sollen.