Das Opera am Theaterplatz ist – nein, nicht der digitale Zwilling, sondern der kulinarische Zwilling der Herz Bar im Barockviertel. Anspruch der Macher und Atmosphäre durch die Teams und durch die Gäste sind gleich – und zwar in puncto Herzlichkeit (sorry, dummes Namens-Wortspiel), durch Qualität, durch Stimmung. So ein fröhliches mehrsprachiges Geschnatter ohne zu laut zu sein wie bei unserem Besuch für den Kochsternstunden-Test erlebt man selten in Dresden – zu selten. Dass dafür hinter den Kulissen ordentlich gerackert wird, merkt man vordergründig nicht, aber anders geht das ja nicht: trotz vollem Haus und wenig Personal (die Konstante in der Gastro!) erlebten wir einen zügigen Service mit ordentlichen Ansagen – und jener Freundlichkeit, die mit "natürlich" oder "nicht aufgesetzt" zwar korrekt, aber immer noch unzureichend beschrieben ist. So, wie Maria (bei uns am Tisch) und ihr Kollege (für uns namenlos, weil weiter weg hinter der Theke und immer mal mit Getränken zwischen Cocktail und Kaffee unterwegs) bedienten, wünscht man sich den Service überall: freundlich, flott und auf Augenhöhe!
Bevor die zerstreut werden konnten, gab es einen weinbegleitungsfreien Gang. "Zu viel eigene Geschmacksnuance in der Suppe!", erklärte uns Maria, womit sie zweifelsohne Recht hatte – und Wein ist bei mir im Zusammenhang mit Suppe ja eh meist so ein Trennkost-Ding. Und wo wir schon bei Befindlichkeiten der persönlichen Art sind: eigentlich mag ich Topinambur ja nicht. Aber uneigentlich kommt es wahrscheinlich drauf an, was man draus macht. Bei unserem Besuch sah man durchs offene Fenster am Pass Sven Vogel in der Küche – langjähriger Weggefährte von Benjamin Biedlingmaier und zuletzt Chef im Caroussel Nouvelle im Bülow Palais. Seine Version der Topinambur-Suppe vermochte mich zu überzeugen, und das lag nicht nur (aber auch, *Zwinkersmiley*) an den Beilagen Eigelb (also Ei wachsweich sowie getrocknet und geraspelt), Trüffel (sind wir dekadent? I wo!) und Lauch.
Zum Hauptgang kam der angekündigte apulische Primitivo ins Glas – und überraschte: nicht so sanftsüß wie sonst gerne serviert, sondern kraftvoll und zugleich ausgewogen am Gaumen. Die Tannine sind weich und gut eingebunden, der Alkohol (immerhin 14%) wirkt erstaunlich harmonisch. Der Abgang ist lang, warm und von dunkler Frucht sowie feiner Würze getragen. Dazu würde man doch gerne was Geschmortes genießen, oder? So ein Zufall: Rinderbäckchen stehen auf dem Zettel und kommen. Eine ordentliche Portion, zwei Saucen, Pastinake aufrecht stehend serviert (ein bissl Spielerei muss sein!). Sensationell saftig und geschmeidig die Backe: streng genommen musste man sie nur anschauen, damit sie zerfiel. Wir nahmen dennoch Messer und Gabel, weil die eh da lagen und die köstliche Backe ja auch zum Mund geführt werden musste.
Wer meint, dass Rotkohl zum Rinderbäckchen passt, irrt durchaus nicht. Aber da gab's ja schon Pastinake. Was also blieb dem Rotkohl anderes übrig, als zum Dessert zu gehen? Klingt komisch, war aber so. Vielleicht hätte mich das auch nicht überraschen sollen, denn das Trio Biedlingmaier–Bellmann–Vogel hatte schon 2016 auf dem Plan – damals gab's Karotte, was wir vor zehn Jahren schon arg verwegen fanden. Nun also Rotkohl, natürlich in verschiedenen Konsistenzen und erstaunlich desserttauglich. In den kurzen Momenten, wo es mir nach mehr Süße war, nahm ich dann einfach einen Schluck vom Wein. Der kam aus Mallorca, schleppt einen Korb voller Aromen von tropischen Früchten wie Mango, Litschi sowie weißen Steinfrüchten und von Quitten mit und bringt, trotz der Süße, genug Säure mit, um nicht päpsch am Gaumen zu kleben. Dass es ein Orange-Wein aus der autochthonen Prensal Blanc ist, verwunderte dann doch – sehr oft sind solche Weißweine, die eine lange Mazerationszeit auf der Schale genossen haben, ja fragwürdig. Dieser nicht! Klar, sauber, schöne Farbe (wenn's kein Orange wäre, würde man glatt goldgelb sagen 😉 )…