Trotz Kohle-Aus: Warum ein 19-Jähriger auf die Mibrag setzt
Wenn Harald Spangler seine Ausbildung zum Elektroniker abschließt, bleiben bis zum vorgesehenen Ende der Kohleverstromung im mitteldeutschen Revier nur wenige Jahre. Und bereits jetzt beendet die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag), bei der der 19-Jährige in diesem Jahr seine Berufsausbildung begonnen hat, die Kohleförderung in ihren Tagebauen Stück für Stück. Erst kürzlich hat der letzte Kohlebagger das Abbaufeld Schleenhain verlassen. Ende des Jahres wird der Kohleabbau dort nach Jahrzehnten der Förderung beendet sein. Trotzdem setzt der angehende Elektroniker aus dem naheliegenden Lucka für seine berufliche Zukunft auf den Kohlekonzern. Warum tut er das? «Der Elektronikerberuf ist trotzdem zukunftssicher», sagt er. Hinzu kommt: Die Mibrag setzt künftig auf Photovoltaik und Windkraft. Sein Beruf, ist sich der 19-Jährige sicher, ist auch dann noch «gesucht und auch wichtig». Aktuell geht es im Revier aber nach wie vor darum, Braunkohle abzubauen. Und Strom ist das, was die Kohleförderung dies- und jenseits der Grenze zwischen Sachsen-Anhalt und Sachsen antreibt. «Der Tagebau ist nun mal aktuell noch das größte Einsatzgebiet», sagt Nico Pook, Geschäftsführer des konzerneigenen Mibrag Bildungszentrums. Elektroniker wie Harald Spangler steuern und überwachen das Stromnetz im Tagebau und im unternehmenseigenen Industriekraftwerk Wählitz bei Hohenmölsen. Das Kraftwerk versorgt die Tagebaue mit Strom und die umliegenden Kommunen außerdem mit Wärme. Etliche armdicke Kabel führen eine Spannung von 6.000 Volt wie Lebensadern in alle Winkel des Kohlereviers. Die rund 1.000 Tonnen schweren Tagebaubagger, kilometerlange Förderbänder und etliche Pumpanlagen, die das Wasser aus den Abbaufeldern befördern - sie brauchen elektrische Antriebe. Die Dimensionen sind ungleich größer als bei der Elektrik des heimischen Mopeds. «Ja, da hat man auf jeden Fall Respekt davor», sagt Azubi Spangler. Doch das Berufsleben des 19-Jährigen wird einmal über die Kohle hinausreichen. Schon heute sind nach Angaben der Mibrag Wind- und Solaranlagen mit insgesamt 100 Megawatt Leistung entstanden. Bis Ende 2027 will die Mibrag Anlagen für erneuerbare Energien mit einer Gesamtleistung von 255 Megawatt im Betrieb haben. «Wir sind jetzt quasi von der Planung in die Realisierung gewechselt», sagt Sprecherin Swantje Ehlers. Allerdings brauche es nicht dieselbe Anzahl an Personal, um einen Windpark zu betreiben. Die Mibrag setzt zusätzlich auch auf Ingenieurdienstleistungen, Güterwageninstandhaltung sowie Recycling und Verwertung. Beschäftigte werden zudem für die Rekultivierung gebraucht: Auch nach der letzten geförderten Kohle müssen Großgeräte bedient und instand gehalten werden. Hinzu kommt die Mammutaufgabe der Bergbausanierung. So wird Harald Spangler womöglich einmal die Stilllegung des Abbaubetriebs begleiten. Das Interesse für die Arbeit ist dem 19-Jährigen bereits in der eigenen Familie mitgegeben worden. Schon sein Vater hat den Elektronikerberuf bei der Mibrag erlernt. Geschichten wie diese hört Nico Pook immer wieder. Die Verbindung zur Mibrag reiche in manchen Familien über Generationen, berichtet der Geschäftsführer des Mibrag-Bildungszentrums. Der Großteil der Auszubildenden komme nach wie vor aus der Region. Mit dem geplanten Kohleausstieg sinkt der Personalbedarf der Mibrag allerdings. «Dementsprechend hat sich auch unser eigener Bedarf an Azubis durchaus reduziert», erklärt Unternehmenssprecherin Swantje Ehlers. Das ist ein Grund, warum das Mibrag-Bildungszentrum künftig noch stärker auch für andere Unternehmen arbeiten soll. Im April dieses Jahres hat die Mibrag ihr Bildungszentrum deshalb als Tochtergesellschaft ausgegründet. Nach Angaben von Geschäftsführer Pook lernen in Profen derzeit 124 Auszubildende. Spangler gehört zu zwölf angehenden Elektronikern im ersten Lehrjahr. Weitere Kernberufe seien Industrie- und Konstruktionsmechaniker sowie Mechatroniker. Die Nachwuchskräfte stammen von der Mibrag und aus 23 Partnerunternehmen. «Es ist vom Konzern bis zum kleinen Unternehmen mit zehn Mitarbeitern alles dabei», so Pook. Dazu gehört etwa Südzucker: Der Lebensmittelkonzern betreibt in Zeitz unter anderem eine Zucker- und eine Stärkefabrik. Geht es nach Geschäftsführer Pook, soll das Bildungszentrum weiter wachsen. Die Voraussetzungen dafür sind gegeben, glaubt er: «Das Bildungszentrum hier ist sozusagen das letzte seiner Art in der Region.» Eine vergleichbare Möglichkeit für die überbetriebliche Ausbildung in technischen Berufen gebe es im Burgenlandkreis nicht. Künftig sollen jährlich 45 bis 50 Auszubildende beginnen. Hinzu kommen Weiterbildungen bis hin zur Führungskräfteentwicklung. Für Harald Spangler findet der Alltag in den ersten beiden Ausbildungsjahren vor allem in den Praxiswerkstätten und Unterrichtsräumen des Bildungszentrums statt. Dann folgen betriebliche Einsätze. Wie genau sein Berufsalltag in zehn oder zwanzig Jahren aussehen wird? «So viele Gedanken habe ich mir jetzt noch nicht darüber gemacht», sagt er. Was ihn am Beruf reizt, weiß er dagegen sehr genau: Kabel verlegen, messen, Fehler finden - und «dann zu sehen, was man geschafft hat». Ob künftig ein Förderband läuft oder eine andere Anlage: Für ihn beginnt es damit, dass der Strom dorthin fließt, wo er gebraucht wird. Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehaltenStrom hält Tagebaubetrieb am Leben
Auszubildende in zweiter Familiengeneration im Kohlebetrieb
Weniger eigener Nachwuchs, mehr Partnerfirmen
Noch kein fertiger Plan für die Zukunft