Wenn der Lobby Boy den Stollen nascht…
Pfiffig ist er, guckt verschmitzt und macht auch sonst den verbindlich-höflichen Eindruck, den man von einem Lobby Boy im Grand Hotel erwartet. Wir sind – Kenner der hiesigen Hotellerie sehen das natürlich sofort – im Hotel Taschenbergpalais Kempinski Dresden, da ist Gediegenheit und dem Gast zugewandtes Personal ja quasi die DNA. Doch dann passiert etwas, was alle schmunzeln lässt außer dem Direktor des Hauses: Der Lobby Boy, der die ganze Zeit Stollenkartons transportierte oder aufgeschnittene Scheiben unter der güldenen Cloche servierte – diese Lobby Boy traut sich was, setzt sich auf den Kofferwagen voller Stollen und nimmt sich vom Teller eine fette Scheibe und beißt beherzt rein! Ein Kündigungsgrund! Warum macht der das? Na klar: weil er’s kann – und weil er es muss! Denn natürlich schmunzelt man als Betrachter des Bildes und wünscht sich sofort selbst einen kräftigen Happs vom Dresdner Christstollen.
Genau das ist der Plan. Denn der Lobby Boy im Grand Hotel ist unkündbar – der Schauspieler Mats Ole Albrecht gibt hier den Gustav, und der macht ja nur, was man ihm sagt. Er ist das Gesicht der diesjährigen Kampagne des Schutzverbandes Dresdner Stollen, die jetzt im Grand Hotel Taschenbergpalais vorgestellt wurde. Natürlich in Anwesenheit des Lobby Boys und des Hoteldirektors Marten Schwass, die sich bei den Dreharbeiten im Frühsommer zu ganz und gar unwinterlichen Temperaturen bereits kennengelernt hatten. Stollen als kleiner Luxus, den man sich im Alltag gönnt – nicht nur im luxuriösen Grand Hotel, denn schließlich definiert sich Luxus nicht nur über den Preis, sondern vor allem über besondere Momente, für die man sich Zeit nimmt. „Das sind eben genau diese Momente, die man mit anderen teilt“, erläuterte Karoline Marschallek, Geschäftsführerin des Schutzverbandes, bei der Präsentation der Kampagne. In einer schnelllebigen Zeit gehe es darum, sich bewusst Zeit füreinander und für Genuss zu nehmen.
Auch Tradition braucht neue Geschichten
Um im Gespräch zu bleiben, braucht es (mindestens) zwei Dinge: ein gutes Produkt – das zu haben steht bei den Dresdner Stollenbäckern außer Frage. Aber man muss natürlich die gute Nachricht auch immer wieder in die Welt bringen. Der Schutzverband will die Tradition des Dresdner Christstollens bewahren, setzt aber bei der Kommunikation nicht zwingend auf vertraute Weihnachtsmotive und wiederkehrende Produktbilder. Das Produkt bleibt, die Erzählung verändert sich: in den vergangenen Jahren standen unter anderem märchenhafte Figuren und weihnachtliche Szenarien im Mittelpunkt. Und nun eben das Stollen-Hotel.
Aber natürlich soll die Kampagne auch die Leistung der Bäckerinnen und Bäcker sichtbar machen. Andreas Wippler ist Bäckermeister und Vorsitzender des Schutzverbandes Dresdner Stollen – und kennt die Verbindung von Handwerk und gehobener Gastlichkeit aus eigener Erfahrung. Er arbeitete als Pâtissier im Grand Hotel National in Luzern. Präzision, Erfahrung und Leidenschaft seien dort ebenso entscheidend wie in den Stollenbäckereien. Die Erfahrung, die teils über Generationen zurückreicht, steht aber nicht im Widerspruch zur ständigen Fortentwicklung des Produkts. Nicht schneller, weiter, höher – aber immer noch ein Ticken leckerer. Leider auch teurer, wie die Bäckermeister schulterzuckend selbst sagen: gute Grundprodukte sollen rein in den Stollen – und die trenden im Preis selten nach unten. Das goldene Stollensiegel, das nur auf die vom Verband geprüften (und hier in der Region hergestellten) Stollen kommt, zierte in der vergangenen Stollensaison 5 Millionen Stollen.

Die Sache mit den Stollen ist also auch ein (gutes) Geschäft. „Natürlich ist das ein wirtschaftlicher Faktor für die Bäckereien und Konditoreien hier in der Stadt“, sagt Andreas Wippler und ergänzt: „Nicht ohne Grund haben wir hier noch eine relativ hohe Bäcker- und Konditoreiendichte in der Stadt für unsere Einwohnerzahlen! Das läge auch sehr stark am Dresdner Christstollen. Das Geschäft mit dem Stollen strahlt aber auch in ganz andere Geschäftszweige aus. Die touristische Bedeutung des Christstollens unterstreichen Zahlen der Dresden Marketing GmbH. Deren Pressesprecherin Karla Kallauch hatte Zahlen mitgebracht: „Im Dezember 2025 verzeichnete das Dresden Elbland rund 582.000 Übernachtungen, die Zimmerauslastung in Dresden lag bei 80 Prozent – 13 Prozentpunkte über dem Durchschnitt deutscher Großstädte“, wusste sie zu berichten. Am Wochenende des Stollenfestes werde das nochmal getoppt mit 90 Prozent Auslastung am Freitag und 95 Prozent am Samstag. Marten Schwass konnte das fürs Taschenbergpalais bestätigen und legte noch einen drauf: „Wir sind für dieses Jahr an diesem Wochenende ausgebucht!“ Volles Haus also – und für die Gäste am Ende des Besuchs auch meistens gar keine Frage, was man denn für die Leute zu Hause (oder für sich selbst, zur Erinnerung) kauft: einen Stollen.
Bleibt eine letzte Frage zu klären: Ist der Lobby Boy Gustav eine ernst zu nehmende Konkurrenz für das Stollenmädchen, das seit 1995 jeweils für ein Jahr als Markenbotschafterin für den Stollen wirbt? Da lacht der Bäcker in seiner weißen Jacke: nein! Gustav ist einmalig – und das Stollenmädchen (in diesem Jahr Ruth Liebscher) bleibt, jedes Jahr neu ausgewählt unter den Auszubildenden zur Bäckerin, Konditorin oder Fachverkäuferin. Das sei so sicher wie die guten Zutaten im Stollen!