Ein neues Zentrum für die Frage, wie Leben entsteht
Wie organisieren sich Zellen zu Gewebe? Warum entstehen in Organismen komplexe Strukturen – und weshalb geraten manche Prozesse außer Kontrolle, etwa bei Tumoren? Solche Fragen beschäftigen Forschende an der Technische Universität Dresden. Um sie besser beantworten zu können, soll die Universität nun ein eigenes Forschungszentrum bekommen.
Der Wissenschaftsrat, das wichtigste Beratungsgremium für Wissenschaftspolitik in Deutschland, hat am 24. April 2026 empfohlen, den Bau des "Center for the Organization of Living Matter", kurz COLM, zu fördern. Bis zu 77,2 Millionen Euro stehen dafür bereit, je zur Hälfte vom Bund und vom Freistaat Sachsen. Gebaut werden soll ab 2027, fertig sein soll der Komplex 2031.
Ein Haus für Forschende aus mehreren Disziplinen
Im COLM werden Forschende aus Physik, Chemie, Biologie, Medizin, Mathematik und Informatik gemeinsam arbeiten. Die verschiedenen Fachrichtungen sollen nicht getrennt voneinander forschen, sondern ihre Methoden und Perspektiven eng miteinander verbinden. Das neue Gebäude soll genau dafür Raum schaffen. Entstehen wird es am TUD-Campus Tatzberg in Dresden-Johannstadt, direkt in der Nähe des Medizincampus. Geplant sind offene Labore und Büros für 138 Menschen auf rund 2.775 Quadratmetern. Die Flächen werden nicht fest einzelnen Personen zugeordnet, sondern je nach Forschungsprojekt genutzt. So sollen möglichst viele Begegnungen und gemeinsame Projekte entstehen.
"Ein eigenes Gebäude spielt eine wesentliche Rolle beim Aufbau einer solchen einheitlichen Gemeinschaft sowie bei der Schaffung einzigartiger Räume, die interdisziplinäre Forschung, Innovation, Zusammenarbeit und Chancen für viele fördern werden“, sagt Prof. Otger Campàs, Sprecher des Exzellenzclusters Physics of Life an der TU Dresden.
Laser, KI und die Frage, was Leben ist
Im neuen Zentrum sollen auch Großgeräte angeschafft werden. Darunter ein sogenanntes 2-Photonen-Laserscanning-Mikroskop. Es erzeugt mithilfe von Laserlicht extrem detaillierte Bilder von lebenden Zellen und kann deren Verhalten gezielt beeinflussen. So lässt sich beobachten, wie Zellen Organe bilden oder warum manche von ihnen zu Tumoren werden.
Zusätzlich baut das Exzellenzcluster PoL, zu dem neben der TU Dresden unter anderem auch das Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik, das Leibniz-Institut für Polymerforschung Dresden oder das Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf gehören, seinen Einsatz von Künstlicher Intelligenz aus. KI soll helfen, große Datenmengen aus der Grundlagenforschung auszuwerten. Viele Fragen der modernen Biologie lassen sich heute kaum noch innerhalb einzelner Fachrichtungen beantworten. Wie sich Zellen organisieren, Gewebe formen oder Krankheiten entstehen, wird zunehmend als Zusammenspiel physikalischer, chemischer und biologischer Prozesse verstanden. Gleichzeitig wachsen die Datenmengen aus Mikroskopie, Simulationen und Genanalysen rasant. Forschungszentren wie das geplante COLM sollen deshalb Fachwissen, Hochtechnologie und computergestützte Analysen an einem Ort zusammenbringen.
"Der Forschungsbau COLM steht für gleich mehrere Innovationen: Er schafft einen Ort für Spitzenforschung zur Organisation lebender Materie und setzt mit einem neu entwickelten Raumkonzept für Laborgebäude neue Maßstäbe in Flächeneffizienz und Wirtschaftlichkeit im Betrieb“, sagt TUD-Kanzler Jan Gerken. Noch muss die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern der Förderung abschließend zustimmen. Doch die Weichen für das neue Forschungszentrum sind gestellt.