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Lutz Geißler: Ein Lesebuch rund ums Brotwissen

Brotbuch
Beim 49. Mythos verweist der Freiberger Lutz Geißler auf die "Okkupation des Stollens durch die Sachsen"
Der Freiberger Brotguru Lutz Geißler entzaubert in seinem neuen Buch 111 Brot-Mythen

Der diplomierte Geologe Lutz Geißler hat vielen Menschen im deutschsprachigen Raum das Brotbacken beigebracht – jahrelang mit Hunderten von Rezepten in seinem kostenlosen Blog, seit 2024 im gleichen Blog, aber weitgehend hinter der Bezahlschranke – die letzte Konsequenz aus der Tatsache, dass schon zehn Jahre zuvor aus dem Hobby Beruf wurde. Zum Geldverdienen gehört von Anfang an auch das Schreiben von Büchern. Das erste erschien 2013 (Brotbackbuch Nr. 1), das jüngste jetzt. Es ist Teil der Reihe von Büchern, die jeweils 111 Dinge von irgendwas beleuchten. Lutz Geißler versammelt nun also „111 Brot-Mythen, die sich verkrümeln können".

Das ist ja eine ganz schöne Reise: ausgehend von einem Standardwerk, das die Grundlagen des Brotbackens verständlich erklärt, bis hin zu einem typischen Geschenkbändchen (Einladung bei Lehmanns? Irgendwas unter 20 Euro!). Der Titel ist ja mehrfach abschreckend, angefangen von der ominösen 111 (in der Zahlenmystik eine der kraftvollsten Engelszahlen…) bis zum leicht gequälten Titel (mit Mythen, die sich verkrümeln können). Das könnte eine seichte Sache werden. Aber wo Lutz Geißler drauf steht, ist natürlich auch der wissende und meist meinungsstarke Backguru drin.

Ein Sachbuch nennt Lutz Geißler in seinem monatlichen Newsletter die Neuerscheinung, als Ratgeber bezeichnet der Verlag es. Beides ist sicherlich nicht falsch, Aber ein Sachbuch ohne Register? Kann man machen, ist aber nicht chic. Ich nenne die sich verkrümelnden Mythen lieber ein Lesebuch. Es eignet sich hervorragend, um beispielsweise lange Wartezeiten beim Arzt zu überbrücken. Oder um vor dem Einschlafen im Plauderton geschriebene kleine Häppchen Fortbildung zu genießen – denn dümmer wird man bei der Lektüre nicht.

Wobei der Tipp „vor dem Einschlafen zu lesen“ bei empfindlichen Personen durchaus in die Hose gehen könnte, denn manchmal könnte der Geißler-Text zu Aufregung führen. Ich habe mich (übrigens: im Wartezimmer…) beispielsweise über die locker eingestreute Eigenwerbung geärgert – zumal Lutz der Fuchs entgegen seiner im Vorwort geäußerten Maxime, Transparenz herstellen zu wollen, dabei maximal schlitzohrig vorgeht. „Auf www.brotcheck.de können Sie testen, ob Sie ein wirklich gutes Brot essen“, erfahre ich beim fünften Mythos „Brot schmeckt am besten mit Belag“. „Gute Rezepte finden Sie unter anderem auf www.brotbacken.de“, lautet der Hinweis bei den Mythen Nummer 8 und 9, auch bei Mythen 79 und 102 geht’s dahin.. Des Meisters Kriegszug gegen die Meisterpflicht im Bäckerhandwerk schließt mit „…lesen Sie auf www.querbäcker.de“. Alle so unterschiedlich klingenden Seiten leiten allerdings auf eine Seite um – rein zufällig die mit Bezahlschranke weitgehend verschlossene ploetzblog-Seite des Autors. Da hätte doch (im Vorwort, hinten auf dem Umschlag ein einmaliger Hinweis gereicht! Hilfreich könnten die (subjektiven) Empfehlungen im Handwerksbäcker-Mythos Nummer 14 sein: „Gute Bäckereien finden Sie auf www.bäckereifinder.de“ – dahinter steckt ein Link zu einer Geißler-Karte auf Google Maps.

Ansonsten finden Hobbybäcker (m/w/d) natürlich auch wirklich hilfreiche Tipps beim Schmökern. Wie man nicht mehr taufrische oder eingefrorene Brötchen wieder fit fürs Frühstück macht beispielsweise, oder dass man (neuen Züchtungen sei Dank…) Roggenbrote auch ganz ohne Sauerteig backen kann – wobei, um den Herrn Geißler mal sinngemäß und aus dem Gedächtnis zu zitieren, es dann natürlich ganz anders schmeckt. Und ein Brot nur mit der Triebkraft des eigenen Sauerteigs zu backen, macht natürlich auch stolz (siehe dazu aber Mythos 9 über die Psyche bei Hobbybäckern). Passend zur Jahreszeit und vor allem für Dresdner sei Mythos 49 empfohlen – es geht dem Freiberger Brotfachmann da um die „Okkupation des Stollens durch die Sachsen“! Bei mancher Mythos-Auflösung merkt man freilich , dass Lutz Geißler zu Recht den Ruf hat, auch sehr pedantisch sein zu können. Fachsprache schlägt bei ihm immer Umgangssprache – darüber könnte man sich auch ärgern. Oder einfach schmunzeln. Wie zum Beispiel beim 26. Mythos, dass die Mehltype nicht der Feinheit des Mehls entspricht, sondern den Mineralstoffgehalt angibt. Fachlich zweifelsohne richtig, in der Alltagskommunikation aber eher Wurscht…

Lutz Geißler, 111 Brot-Mythen, die sich verkrümeln können
240 Seiten, 1. Auflage, 2026
14 × 21 cm
Veröffentlichungsdatum 30. September 2026
Verlag: Emons, ISBN: 978-3-7408-2942-1
19,95 €