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41.Pantomimenfestival: Viel mehr als die unsichtbare Wand

Spontanimpro fürs Pantomimenfestival
Hochverehrtes Publikum: die 41! Tim Schreiber, Ulrike Franke und Michael Meinel (v.l.n.r.) improvisieren vor dem 41. Internationalen Pantomime-Theaterfestival Drersden (Bild: Ulrich van Stipriaan)
Dresden zeigt beim Pantomimefestival an fünf Abenden Künstler aus sieben Ländern – Karten fürs Festivalticket kosten 60 Euro.

Wer Pantomime hört, denkt möglicherweise an einen weiß geschminkten Mann, der mit ausgestreckten Händen eine unsichtbare Wand ertastet. Ein Bild, das nicht falsch ist, aber ungefähr so viel über die Möglichkeiten des Genres verrät wie ein einzelner Akkord über eine Symphonie. Denn Pantomime hat sich längst weiterentwickelt. Sie begegnet dem Tanz, dem Puppen- und Objekttheater, der Clownerie und dem Physical Theatre. Wie weit das Spektrum reicht, lässt sich vom 11. bis 15. November beim 41. Internationalen PantomimeTheaterFestival Dresden erleben.

Fünf Abendveranstaltungen und ein Programm für Familien stehen auf dem Spielplan im Theaterhaus Rudi. Die Künstler kommen aus Dänemark, Österreich, Frankreich, Brasilien, Kanada, Tschechien und Deutschland. Sie erzählen Geschichten von menschlichen Beziehungen, Verwandlungen und fantastischen Begegnungen – ohne sich dabei auf gesprochene Sprache verlassen zu müssen. Gerade darin liegt der besondere Reiz: Was auf der Bühne durch Bewegung, Mimik und Gestik entsteht, setzt sich im Kopf des Publikums zu einer eigenen Geschichte zusammen. Sprachbarrieren spielen dabei keine Rolle.


Klassiker der internationalen Clownerie

Den Auftakt macht am Mittwoch, 11. November, die Eröffnungsgala. Gastgeber sind die Mimen des Mimenstudio Dresden e.V., die gemeinsam mit dem Dresdner Pantomimen Tim Schreiber Szenen aus der Gastronomie entwickelt haben. „Es ist angerichtet“ heißt das rund zehnminütige Stück, das einen Blick hinter die Kulissen von Restaurant und Kneipe wirft. Dabei geht es durchaus turbulent zu: Die Welt der Gastronomie bietet schließlich reichlich Stoff für körperliches Theater. Im Anschluss geben internationale Festivalgäste erste Einblicke in ihre Produktionen. Auch die Teilnehmer eines vorangegangenen Workshops stehen auf der Bühne. Die Gala ist damit mehr als eine Eröffnung – sie ist ein kleiner Querschnitt durch das, was in den folgenden Tagen zu sehen sein wird.

Am Donnerstag präsentiert das französische DIRTZ Theatre „Short Stories“. Jolanda Löllmann und Charlie Denat verbinden Pantomime, zeitgenössischen Tanz und Puppenspiel zu drei eigenständigen Episoden. Im Mittelpunkt stehen Verwandlungen, familiäre Bindungen und die Beziehungen zwischen Menschen. Das Ensemble war bereits früher in Dresden zu Gast; diesmal gibt es Gelegenheit, die damals nicht vollständig gezeigte Arbeit kennenzulernen.

Einen ganz anderen Zugang bietet am Freitag das tschechische Divadlo Continuo. „Sensus Communis“ führt in eine Welt aus Klängen, Objekten und Sinneseindrücken. Lautpoesie, Klangpuppenspiel und Objekttheater verbinden sich zu einer ungewöhnlichen Inszenierung. Zwei rätselhafte Wesen erkunden Gegenstände, deren ursprüngliche Funktion längst in Vergessenheit geraten ist. Was daraus entsteht, ist eine ebenso geheimnisvolle wie skurrile Reise in eine vergangene Welt. Das Ensemble steht dabei auch in einer tschechischen Theatertradition, die sich bewusst von der klassischen, stark an Marcel Marceau orientierten Pantomime absetzt.

Der Samstag gehört Paolo Nani. Der dänische Künstler bringt mit „The Letter“ ein Stück nach Dresden, das längst zu den Klassikern der internationalen Clownerie zählt. Seit der Premiere 1992 wurde es mehr als 1600-mal in über 40 Ländern aufgeführt. Die Ausgangssituation bleibt immer dieselbe: Ein Mann sitzt an einem Tisch und schreibt einen Brief. Doch Nani erzählt diese kleine Geschichte gleich in 15 unterschiedlichen Varianten – als Western, Horrorfilm, Stummfilm oder Zirkusnummer, rückwärts und mit immer neuen Überraschungen. Präzises Timing, Slapstick und schwarzer Humor machen daraus eine visuelle Komödie, die ohne Worte auskommt.

Am Sonntag um 11 Uhr ist Nani mit „Jekyll on Ice“ erneut zu erleben. Die Familienvorstellung empfiehlt sich für Kinder ab fünf Jahren. Nani schlüpft in die Rolle eines etwas eigenwilligen Eisverkäufers, der seine Kundschaft mit einer Vorliebe für Rockmusik und allerlei Missgeschicke überrascht. Luftballons, Eis und eine gehörige Portion Chaos gehören dazu. Dass das Publikum dabei nicht nur zuschauen muss, sondern Teil des Geschehens werden kann, ist ausdrücklich erwünscht. Eine Eiscreme-Party bildet den Abschluss.

Die letzte Festivalveranstaltung am Sonntagabend schlägt noch einmal einen Bogen zur klassischen Pantomime. Der aus dem sächsischen Großröhrsdorf stammende und inzwischen in Österreich lebende Silent Rocco zeigt „Untold Stories“. Ohne große Requisiten, Bühnenbild oder weiße Schminke lässt er allein mit seinem Körper Geschichten entstehen. Ergänzt wird der Abend durch die kanadische Künstlerin Joylyn Secunda, die ebenfalls eine kurze Arbeit präsentiert. Beide zeigen, wie viel Ausdruckskraft in der präzisen Beherrschung von Bewegung und Körpersprache liegt.

Das Festival ist allerdings nicht nur eine Abfolge internationaler Gastspiele. Seit seiner Gründung 1982 – damals noch als „Pantomime Werkstatt-Tage“ – gehört der Austausch zwischen Künstlern zu seinem Konzept. Ralf Herzog, der als Begründer der Dresdner Pantomimeszene gilt, und Rainer Petrovski wollten schon damals Künstler aus verschiedenen Ländern zusammenbringen und die Entwicklung der Kunstform fördern. Der Mimenstudio Dresden e.V. führt diese Tradition fort. Workshops und gemeinsame Arbeit sind deshalb ein wesentlicher Bestandteil des Programms.

Am 7. und 8. November geben Denise Namura aus Brasilien und Michael Bugdahn aus Deutschland von der in Paris ansässigen Compagnie À Fleur de Peau einen Workshop unter dem Titel „Jenseits der Wörter – Dynamik und Qualitäten der Bewegung“. Die Teilnehmer entwickeln eigene szenische Strukturen, die bei der Eröffnungsgala präsentiert werden. Am 14. November bietet Joylyn Secunda außerdem eine zweistündige Masterclass an, in der es um Bewegungstechniken und körperliche Gestaltungsmöglichkeiten geht.

Dass ein solches Festival seit 41 Jahren in Dresden existiert, ist keineswegs selbstverständlich. Organisiert wird es ehrenamtlich, die Finanzierung bleibt eine Herausforderung. Knapp 19.800 Euro an Fördermitteln stehen in diesem Jahr einem Gesamtbudget von rund 32.800 Euro gegenüber. Den verbleibenden Anteil muss der Verein unter anderem aus Eintrittserlösen, Mitgliedsbeiträgen und eigenen Mitteln aufbringen. Umso bemerkenswerter ist es, dass die internationale Begegnung Jahr für Jahr gelingt.

Und auch die eigene Dresdner Szene lebt weiter. Unter Leitung von Tim Schreiber treffen sich Interessierte jeden Dienstag zum Training. Die Gruppe ist generationenübergreifend, die Teilnehmer sind zwischen Anfang 20 und 70 Jahre alt. Neue Mitstreiter sind willkommen. Denn Pantomime ist eben keine Kunst, die nur auf einer Bühne stattfindet. Sie beginnt mit der Fähigkeit, den eigenen Körper als Ausdrucksmittel zu begreifen – und damit Geschichten zu erzählen, die überall verstanden werden können.

Infos:
Das 41. Internationale PantomimeTheaterFestival Dresden findet vom 11. bis 15. November 2026 im Theaterhaus Rudi statt. Karten gibt es über SAX-Ticket, Reservix und die angeschlossenen Vorverkaufsstellen. Das Festivalticket für alle Vorstellungen kostet 60 Euro, Einzelkarten 20 Euro, ermäßigt 15 Euro (jeweils zuzüglich Vorverkaufsgebühren). Weitere Informationen: www.mimedresden.de.