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Wenn Sensoren Vögeln beim Zwitschern lauschen

Schwalben gelten als Zeigertiere – ihr Bestand verrät, wie es Insekten und Lebensräumen geht. Ein neues europäisches Netzwerk will auch Vögel künftig systematisch erfassen. © pixabay/Ted Erski
Schwalben gelten als Zeigertiere – ihr Bestand verrät, wie es Insekten und Lebensräumen geht. Ein neues europäisches Netzwerk will auch Vögel künftig systematisch erfassen. © pixabay/Ted Erski

Forschende der Universität Amsterdam, dem iDiv Leipzig und der MLU Halle entwickeln einen Plan für ein europaweites Natur-Monitoring mit Drohnen, DNA und KI.

Irgendwo im Wald singt ein Vogel. Eine Libelle huscht über den Teich. Im Flussbett treiben unsichtbare DNA-Spuren von Fischen durchs Wasser. All das passiert täglich, doch niemand in Europa erfasst es einheitlich. Genau das soll sich jetzt ändern. Forschende unter Leitung der Universität Amsterdam sowie des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) in Leipzig und die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg haben einen Fahrplan veröffentlicht, der zeigt, wie Europa seine biologische Vielfalt endlich systematisch beobachten kann. Es geht um alle Tier- und Pflanzenarten sowie ihre Lebensräume.

Das Problem hat ernste Folgen. Regierungen wissen oft nicht genau, wie es Natur und Arten in ihrem Land wirklich geht. „Europa verfügt über Hunderte von Monitoringprogrammen, aber die Daten sind oft isoliert, uneinheitlich oder unvollständig", sagt Prof. Henrique Pereira, Forschungsgruppenleiter bei iDiv und der MLU. Ohne verlässliche Zahlen lassen sich keine guten Entscheidungen treffen. Weder über Schutzgebiete noch über Gesetze zur Naturwiederherstellung.

84 Messwerte für die Natur Europas

Der Fahrplan benennt 84 sogenannte Essenzielle Biodiversitätsvariablen. Das sind Messwerte, mit denen der Zustand der Natur beschrieben werden kann. Zum Beispiel, wie viele Vögel einer Art es noch gibt, wie groß Seegraswiesen oder wie vielfältig die Gene einer Tierpopulation sind. Mit diesen einheitlichen Messwerten soll ein länderübergreifendes Netzwerk entstehen, das alle europäischen Beobachtungen zusammenführt. 

Damit das gelingt, empfehlen die Forschenden die Gründung eines Europäischen Koordinierungszentrums für Biodiversitätsbeobachtung. Es soll Daten aus verschiedenen Quellen bündeln, Methoden vereinheitlichen und Berichte für Entscheidungsträger aufbereiten. Es wäre eine neue EU-Einrichtung, die das Monitoring europaweit koordiniert. Das Europäische Parlament hat bereits vorbereitende Maßnahmen beschlossen.

Drohnen, DNA und Freiwillige gemeinsam im Einsatz

Moderne Technik spielt eine große Rolle im neuen System. Automatische Mikrofone sollen Vogelstimmen aufzeichnen, Kameras Wildtiere erfassen und Satelliten ganze Waldgebiete beobachten. Im Wasser lässt sich sogenannte Umwelt-DNA nachweisen. Das sind genetische Spuren, die Tiere im Wasser hinterlassen, ohne dass man sie sehen muss. Künstliche Intelligenz hilft dabei, die riesigen Datenmengen auszuwerten.

Doch Technik allein reicht nicht. Erstautor Dr. Daniel Kissling von der Universität Amsterdam betont, dass das Netzwerk „von der DNA von Pflanzen und Tieren bis hin zu ganzen Wäldern, Flüssen und Ozeanen" reichen soll. Dafür braucht es auch Menschen. Bürgerinnen und Bürger, die selbst Tiere beobachten und melden, sowie erfahrene Fachleute für Artenbestimmung bleiben unverzichtbar. Neue Technologien sollen ihre Arbeit ergänzen, nicht ersetzen.

Die Studie erschien jetzt im Fachjournal Nature Reviews Biodiversity. Der Fahrplan ist kein Wunschtraum. Er entstand im Rahmen des EU-Forschungsprojekts EuropaBON, an dem 15 Organisationen beteiligt waren. Und er zeigt, dass Forschung aus Sachsen und Sachsen-Anhalt direkt dazu beiträgt, wie Europa künftig den Zustand seiner Natur systematisch erfasst.


Publikation:
Kissling, W.D., …, Pereira, H.M. (2026). Building the backbone for Europe’s biodiversity monitoring. Nature Reviews Biodiversity. DOI: 10.1038/s44358-026-00140-6

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