Im August 1975 wurde die heutige thüringische Landeshauptstadt Erfurt von rassistischen Ausschreitungen erschüttert: 300 junge Erfurter jagten 25 algerische Vertragsarbeiter durch die Innenstadt und prügelten einige von ihnen krankenhausreif. 50 Jahre danach sollen mehrere Gedenkveranstaltungen an die Ereignisse erinnern, die Forschungen zufolge als die ersten massiven rassistisch motivierten Ausschreitungen nach 1945 in Deutschland gelten - und doch in der Öffentlichkeit bislang wenig bekannt sind. Für die Thüringer Linke sind sie heute eine Warnung davor, was Rassismus anrichten kann.
Rassismus und Rechtsextremismus überdauerte
Aus Sicht der Historikerin Annegret Schüle, die in Erfurt den Erinnerungsort Topf & Söhne leitet, zeigen die Ausschreitungen, dass auch in der DDR - die sich offiziell dem Antifaschismus und der Völkerfreundschaft verschrieben hatte - Rassismus und Rechtsextremismus das Ende des Nationalsozialismus überdauert hatten. Dass es die Ausschreitungen in dieser Größe in Erfurt gab, sei vermutlich ein Zufall gewesen. «Das hätte auch in anderen Orten passieren können.» Die Historikerin verweist auf ähnliche Ausschreitungen nach dem Ende der DDR in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen.
Für die Linke-Landtagsabgeordnete Katharina König-Preuss besitzen die Ereignisse Aktualität bis heute. «Die Hetzjagd von Erfurt ist eine eindrückliche Mahnung davor, wie schnell eine rassistisch aufgeladene Stimmung in massive Gewalt umschlagen kann», erklärte sie in einer Mitteilung. Schaue man sich an, wie heutzutage über Geflüchtete und Migranten geredet werde, «wirkt das wie ein gespenstisches Echo dieser Tage». Damals hätten sich die Angreifer mit Gerüchten und Lügen über Vergewaltigungen und Messerangriffe durch die vermeintlich «Fremden» zum Pogrom angestachelt.