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„Verkehrswende im Rückwärtsgang“: Zoff um gestrichene Züge im Großraum Dresden

Rote Doppelstock-Züge der S-Bahn Dresden stehen an einem überdachten Bahnsteig. Passagiere gehen über den Bahnsteig und steigen in die Bahn ein.
Sparzwang auf der Schiene: Wegen massiv steigender Trassenpreise streicht der VVO ab 13. Dezember Züge im Großraum Dresden. Neben der S3 stehen auch Einschnitte bei weiteren S-Bahn-Linien wie der S1 im Raum. Symbolfoto: VVO GmbH/Neumann
Ein EuGH-Urteil zur Schienen-Maut führt zu Millionen-Löchern beim Verkehrsverbund Oberelbe. Während Grüne, SPD und Ministerin Regina Kraushaar nach dem Bund rufen, schlagen Fahrgastverbände Alarm. Welche Zugverbindungen jetzt konkret ausgedünnt werden.

Dresden. Fahrgäste im Großraum Dresden müssen sich ab dem Fahrplanwechsel am 13. Dezember auf ein dünneres Zugangebot einstellen. Der Verkehrsverbund Oberelbe (VVO) streicht mehrere Fahrten. Auf der S-Bahn-Linie S3 entfällt der Abschnitt zwischen Tharandt und Freiberg. Dort fährt die S3 schon heute nur zu den Stoßzeiten morgens und nachmittags, dieser Teil wird nun ganz gestrichen.

Erhalten bleibt dagegen das Rückgrat der Linie: Zwischen Dresden und Tharandt fährt die S3 weiter alle 30 Minuten. Und wer von Dresden nach Freiberg will, kommt auch künftig hin, nur eben nicht mehr mit der S-Bahn, sondern mit den Regionalzügen RE3 und RB30, die dort stündlich verkehren. Ausgedünnt wird außerdem die Regionalbahn RB45, weitere Kürzungen bei den Linien RB71, S1 und S2 sind im Gespräch.

Ein Urteil aus dem März treibt die Kosten

So überraschend die Streichungen für Fahrgäste kommen, der Auslöser liegt ein halbes Jahr zurück. Am 19. März 2026 erklärte der Europäische Gerichtshof die bisherige Deckelung der sogenannten Trassenpreise im Nahverkehr für unzulässig. Trassenpreise sind die Maut, die jedes Bahnunternehmen für die Nutzung der Schiene zahlt. Nach dem Urteil, das auf eine Klage der DB-Tochter InfraGO zurückgeht, hob die Bundesnetzagentur die Genehmigungen auf und setzte die Preise neu fest.

Die Folgen sind erheblich. Für 2026 stiegen die Preise je Kilometer nach VVO-Angaben um rund neun Prozent. Dem Verbund entstehen dadurch 8,8 Millionen Euro Mehrkosten, dem zuständigen Zweckverband ZVVO droht für 2025 zusätzlich eine Nachzahlung von 9,5 Millionen Euro. Diese Summen seien dauerhaft nicht zu stemmen, erklärt der VVO. Eigentlich wolle man das Angebot ausbauen, nicht kürzen, sagt Geschäftsführer Burkhard Ehlen. Ohne Hilfe des Landes oder eine rasche Neuregelung auf Bundesebene bleibe aber keine andere Wahl. Der Verbund selbst spricht von einer „Verkehrswende im Rückwärtsgang".

Grüne: Das Land hätte vorbereitet sein müssen

Besonders die Streichung auf der S3 Richtung Freiberg hält Ulrike Caspary für einen schweren Fehler. Die mobilitätspolitische Sprecherin der Grünen im Stadtrat, zugleich Mitglied in der Verbandsversammlung des ZVVO, verweist auf die Pendler aus dem Süden Dresdens und auf den wachsenden Mikroelektronik-Standort im Norden, der verlässlichen Nahverkehr eher nötiger mache.

Dass die Trassenpreise steigen würden, sei seit Längerem bekannt gewesen, sagt sie, und erwartet von Verkehrsministerin Regina Kraushaar, dass die Staatsregierung sich darauf vorbereitet hat. Das Land müsse die Mehrkosten nun übergangsweise selbst übernehmen und beim Bund die vollständige Finanzierung einfordern. „Die Fahrgäste haben die Finanzierungslücke nicht verursacht", so Caspary. Sie dürften weder mit höheren Preisen noch mit weniger Zügen dafür zahlen.

Land und SPD sehen vor allem den Bund in der Pflicht

Mit dem Vorwurf steht Caspary nicht allein, der Streit reicht bis in den Landtag. Die SPD-Fraktion dort zeigt in dieselbe Richtung, verschiebt den Adressaten aber klar zum Bund. Es sei „seit spätestens März klar" gewesen, dass die Verbünde ihr Angebot ausdünnen müssten, wenn der Bund die gestiegenen Kosten nicht übernehme, sagt Fraktionschef Henning Homann. Die Verkehrsministerkonferenz habe den Bundesverkehrsminister schon im März zum Handeln aufgefordert, der Landtag im Juni vor genau diesen Kürzungen gewarnt. Die Bahnkunden dürften nicht dafür büßen, dass der Bund seine Hausaufgaben nicht mache.

Die angesprochene Ministerin, Regina Kraushaar von der CDU, warnt ebenfalls vor einem schrumpfenden Angebot und fordert schnelle Hilfen vom Bund, um Einschnitte abzuwenden. In der Sache liegen Grüne, SPD und die CDU-Ministerin damit nah beieinander: Alle drei sehen den Bund in der Verantwortung. Offen bleibt der eigentliche Streitpunkt, ob und wie das Land die Mehrkosten übergangsweise selbst trägt, bis eine bundesweite Neuregelung steht.

Auch der Fahrgastverband Pro Bahn fordert, dass Bund und Freistaat den Abbau stoppen und die Mehrkosten für 2026 und 2027 übernehmen. Eine Entscheidung darüber steht bislang aus.