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Abi mit 0,7 - Dalyan Unland kämpft gegen Hasskommentare

Abi mit 0,7 - Dalyan Unland kämpft gegen Hasskommentare
Der Student Dalyan Unland (20) wehrt sich zusammen mit einem befreundeten Anwalt gegen Hasskommentare im Netz. / Foto: Hendrik Schmidt/dpa
Von: DieSachsen News
Wer im Netz unterwegs ist, läuft Gefahr, diskriminierende und sogar gewaltverherrlichende Kommentare zu bekommen. Ein junger Mann aus Niedersachsen setzt dagegen ein Zeichen.

Ein Abitur mit einem Durchschnitt von 0,7: Dazu kann man eigentlich nur gratulieren. Aber im Netz gelten andere Regeln. Diese Erfahrung musste Dalyan Unland in den vergangenen zwei Jahren machen: Ihn erreichten zahlreiche Hasskommentare mit rassistischen oder sexistischen Inhalten. Und das nur, weil der aus dem Osnabrücker Land stammende junge Mann so einen herausragenden Abi-Schnitt hingelegt hat.

Das ging ganz schnell, wie sich der heute 20-Jährige erinnert, der in Leipzig Philosophie, Soziologie und Politikwissenschaften studiert. Eine kurze Notiz auf einem Instagram-Account mit acht Millionen Followern machte fix die Runde in Deutschland. «Ich bin aufgewacht und hatte das in meinen Direktnachrichten, weil das schon Freunde von mir gesendet hatten.» 

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Rassistische Kommentare

Zwar sei die große Mehrheit der Kommentare freundlich gewesen. Aber es habe auch unfreundliche und sogar hasserfüllte Beiträge gegeben. Einige hätten Bezug auf seinen Familienhintergrund genommen. Seine Mutter gab im Radio einen O-Ton, in dem sie erzählte, dass sie das Kind türkischer Migranten sei.

Dazu habe es rassistische Kommentare gegeben, von «Und so etwas mit so einem Namen» bis hin zu «Ausländer bleibt Ausländer, sofort abschieben!». In einem anderen Kommentar sei behauptet worden, dass er illegal über die Landesgrenzen gekommen sei und er nicht in dieses Land gehöre. 

Vorher noch nie solche Erlebnisse gehabt

Für Unland, der eigenen Angaben zufolge vorher noch nie rassistisch beleidigt wurde, war das eine neue und überraschende Erfahrung. In den Kommentaren sei seine Person auf einen Migrationshintergrund reduziert worden. «Das ist faktisch total falsch. Meine Mutter ist auch schon in Deutschland geboren, genauso wie ich, insofern bin ich deutscher Staatsbürger in zweiter Generation.»

Er sei vor allem perplex gewesen, erzählt der Student. Diese Kommentare hätten schließlich nichts mit seiner tatsächlichen Persönlichkeit zu tun. «Insofern war das etwas völlig Fremdes und ich wusste irgendwie gar nicht, wie ich reagieren sollte.» Aber kurz darauf habe er Tatendrang verspürt - er wollte sich wehren. 

Hilfe vom Anwalt

Von den Hasskommentaren erfuhr ein Bekannter von Unland, der Rechtsanwalt Thomas Pilling. «Ich kenne Dalyan privat, weil das der Bruder von der Schulfreundin meiner Tochter ist», erzählt der Jurist. Er bot dem Abiturienten juristische Hilfe an. Zusammen suchten sie unter Hunderten fünf Kommentare heraus, die aus Pillings Sicht strafbar waren, und zeigten sie bei der Staatsanwaltschaft an. 

Nur bei zweien davon konnten Pilling zufolge die Klarnamen ermittelt werden. Bei einem der beiden Kommentare sah die Staatsanwaltschaft dann letztlich nur einen ironischen oder sarkastischen Kommentar, der nicht verfolgt wurde. Nur in einem Fall wurde nach Angaben des Anwalts ein Strafbefehl verhängt, der inzwischen rechtskräftig ist. In diesem Kommentar wurde die Behauptung aufgestellt, dass Unland sein gutes Abi wegen der sexuellen Befriedigung seiner Lehrer erhalten habe. 

Internationales Problem

Er verstehe nicht, was in den Köpfen von Menschen vorgehe, die so etwas schreiben, sagt Pilling. Der Urheber dieses Kommentars sei den Akten zufolge Anfang 40, habe eine gehobene Leitungsfunktion in einem Unternehmen und sei ukrainischer Staatsbürger. «Und dann haut der so etwas gegen einen 17 Jahre alten Jugendlichen raus, auf einer Plattform, die acht Millionen Follower hat.» Eine Entschuldigung habe Unland bislang nicht bekommen.

Hasskommentare - Hate Speech - sind nicht nur in Deutschland ein gehöriges Problem. Laut Daten der EU-Statistikbehörde Eurostat haben im vergangenen Jahr 42 Prozent der Internetnutzer in der Europäischen Union auf Webseiten oder in sozialen Medien Hate Speech wahrgenommen. 2023 hatte der Anteil noch bei 37 Prozent gelegen. 

Mehrheit will Strafverfolgung

Jüngst legte Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) einen Gesetzentwurf vor, um es Betroffenen leichter zu machen, gegen die Urheber von Hass im Netz, sexueller Belästigung oder anderen Formen digitaler Gewalt vorzugehen. 

Nach einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom hat rund ein Viertel von rund 1.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer schon einmal digitale Gewalt erlebt. Unter den 16- bis 29-Jährigen sind es sogar 43 Prozent. 80 Prozent der Befragten unterstützen demnach eine konsequente Strafverfolgung. 

Zentralstelle gegen Hasskriminalität

In Niedersachsen kümmert sich seit 2020 bei der Staatsanwaltschaft Göttingen eine Zentralstelle gegen Hasskriminalität im Internet. Die Zahl der dort eingehenden Anzeigen steigt beständig, wie Oberstaatsanwalt Frank-Michael Laue berichtet: Waren es vom 1. Juli 2021 bis zum 30. Juni 2022 noch 1.136 Anzeigen, gingen im vergangenen Jahr zwischen dem 1. Januar und 31. Dezember satte 7.209 Strafanzeigen ein.

Nur 20 Prozent der eingegangenen Anzeigen führen zu Anklagen und Strafbefehlen. 30 Prozent werden wegen des Wohnorts der Beschuldigten an Staatsanwaltschaften außerhalb Niedersachsens abgegeben. 45 Prozent der Verfahren - also nahezu die Hälfte - werden jedoch eingestellt; entweder, weil die Äußerung zwar unschön, aber nicht strafbar ist, oder weil kein Täter ermittelt werden kann, wie Laue erklärt. 

Projekt gegen Hate Speech

Im Fall von Dalyan Unland dauerte das Verfahren zwei Jahre. «Das ist eigentlich ein Kampf gegen Windmühlen», sagt Pilling. Es sei kein Wunder, dass bei den unzählig vielen Fällen von Hasskriminalität nur relativ wenige Betroffene dagegen vorgingen. Er wolle nun Schadensersatzforderungen geltend machen und habe eine Unterlassungserklärung angefordert. Allerdings könne man sicher sein, dass es mit jedem weiteren Schritt und der Berichterstattung darüber weitere Hasskommentare geben werde, sagt Pilling. 

Unland ficht das nicht an. Er sei entschlossen, gegen Hasskommentare zu kämpfen: «Mein Tatendrang hat sich noch weiter verfestigt.» Er könnte sich vorstellen, systematisch gegen Hate Speech vorzugehen, indem er selbst ein Projekt anschiebt oder auch mit Stiftungen zusammenarbeitet. Das Schlimmste sei, zu schweigen - dadurch würden Hasskommentare erst recht Wirkung entfalten, sagt er.

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