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Tschechien hat laut EU das niedrigste Armutsrisiko

Tschechien hat laut EU das niedrigste Armutsrisiko
Symbolbild Armut / pixabay Mampu
Von: News aus Tschechien
Tschechien gilt laut EU-Statistik als Land mit dem niedrigsten Armutsrisiko in Europa. Experten warnen jedoch, dass die Zahlen die tatsächlichen Lebensverhältnisse nur unzureichend abbilden. Besonders steigende Lebenshaltungskosten geraten dabei in den Fokus.

Tschechien weist nach aktuellen Daten von Eurostat das niedrigste Armutsrisiko innerhalb der Europäischen Union auf. Laut der aktuellen Statistik von Eurostat waren im vergangenen Jahr rund 11,5 Prozent der Bevölkerung von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Der EU-Durchschnitt lag bei 20,9 Prozent. Damit schneidet Tschechien statistisch besser ab als Länder wie Deutschland, Österreich, Polen oder die Slowakei.

Die Zahlen sorgen jedoch zunehmend für Diskussionen unter Sozialexperten und Ökonomen. Sie weisen darauf hin, dass die EU-Statistik nur begrenzt aussagekräftig sei und die tatsächliche finanzielle Situation vieler Menschen nicht ausreichend abbilde.

Grundlage der Eurostat-Berechnung ist die sogenannte Armutsgefährdungsquote. Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des nationalen Medianeinkommens verdient. In Tschechien entsprach das zuletzt einem monatlichen Einkommen von rund 19.090 Kronen für Einzelpersonen. Zusätzlich fließen Faktoren wie die Fähigkeit zur Finanzierung von Heizung, Urlaub oder unerwarteten Ausgaben in die Bewertung ein.

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Kritiker bemängeln jedoch, dass die Methode lediglich Einkommensunterschiede innerhalb eines Landes vergleicht. Die tatsächliche Kaufkraft oder die steigenden Kosten für Wohnen, Lebensmittel und Dienstleistungen würden dagegen kaum berücksichtigt.

Die Analystin Eliška Halaštová von Caritas Tschechien erklärte, die Statistik sage wenig darüber aus, was sich Menschen von ihrem Einkommen tatsächlich leisten könnten. Deshalb könne Tschechien trotz der guten Platzierung nicht einfach als „ärmstes Land mit den wenigsten Armen“ bezeichnet werden.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch eine Untersuchung des Forschungsinstituts PAQ Research. Die Forscher Daniel Prokop und Michael Škvrňák kritisieren unter anderem, dass Besonderheiten wie Lohnpfändungen oder Verschuldung in der tschechischen Statistik nicht ausreichend berücksichtigt würden.

Hinzu kommt ein strukturelles Problem innerhalb der europäischen Vergleichsmethode: Da sich die Armutsgrenze am jeweiligen nationalen Einkommen orientiert, liegt sie in wohlhabenderen Staaten deutlich höher. In Österreich, Luxemburg oder Irland seien die mittleren Einkommen nahezu doppelt so hoch wie in Tschechien. Dadurch könne eine Person, die in Österreich statistisch als arm gilt, finanziell besser gestellt sein als viele durchschnittliche Haushalte in Tschechien.

Besonders deutlich wird das bei einem Vergleich auf europäischer Ebene. Laut PAQ Research würden mehr als 40 Prozent der tschechischen Haushalte unter die europaweit einheitlich berechnete Armutsgrenze fallen. In Deutschland beträfe das weniger als elf Prozent der Haushalte, in Österreich rund 6,4 Prozent.

Trotz der vergleichsweise niedrigen offiziellen Armutsquote leben nach aktuellen Schätzungen rund 1,21 Millionen Menschen in Tschechien in Armut oder sozialer Ausgrenzung. Die Zahl steigt seit mehreren Jahren an.

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