Stadt sagte ab, Nachbarschaft machte: Dresdens neue grüne Meile
Dresden. Jahrelang war die Schützengasse vor allem eins: eine graue Abkürzung, auf der Transporter durchrauschten. Heute stehen dort 15 Hochbeete, eine Baumbank, Kunst an Metallbügeln, und an warmen Abenden sind die Tische vor den Lokalen voll besetzt. Aufgewertet hat die kleine Altstadtstraße zwischen Umweltzentrum und Musikhochschule aber nicht die Stadt, sondern die Nachbarschaft selbst.
Dabei hatte die Verwaltung durchaus Großes mit der Gasse vor. Im Rahmen des Mobilitätsdialogs 2035+ sollte sie gemeinsam mit der Louisen- und der Seestraße zum innerstädtischen „Reallabor” werden, mit erweitertem verkehrsberuhigtem Bereich und einem Mobipunkt. Erste Pläne lagen vor, Anwohner und Händler brachten Ideen ein. Dann stürzte im September 2024 die Carolabrücke ein. Die Stadt musste ihre Kräfte bündeln und die Zahl der Reallabore zusammenstreichen, die Schützengasse fiel heraus. Für die Beteiligten war das kein Grund aufzuhören. Wenn es nicht mit der Stadt gehe, dann eben ohne sie, lautete die Devise, und sie nahmen das Projekt selbst in die Hand.
Aus acht Metern werden vier
Herzstück ist die Verkehrsberuhigung. Die Schützengasse ist seit rund zehn Jahren ein verkehrsberuhigter Bereich. Das blaue Schild, das viele für eine Spielstraße halten, bedeutet Schrittgeschwindigkeit, also höchstens sieben Stundenkilometer, und Parken nur auf ausgewiesenen Flächen, erklärt Tom Umbreit, Geschäftsführer des Umweltzentrums Dresden. Daran hielt sich kaum jemand, viele nutzten die Gasse als Schleichweg und gaben Gas.
Koordiniert vom Umweltzentrum schmälern nun vor allem die am Fahrbahnrand platzierten Hochbeete die befahrbare Spur von einst acht auf etwa vier Meter. Seither gibt es klare Sichtachsen, die Autos fahren langsam, und auf dem Pflaster ist es leiser geworden. „Allein das Aufstellen eines Verkehrszeichens macht aus einer Straße noch keinen lebendigen und lebenswerten Stadtraum”, sagt Umbreit. „Mit der Umgestaltung fahren die Autos plötzlich tatsächlich langsam und die Menschen sind auf der Straße.”
Dazu kam das Grün. In 15 Hochbeeten wachsen Pflanzen aus den Artenschutzprojekten des Umweltzentrums und Küchenkräuter. Dazu wurde eine Kornelkirsche gepflanzt, um die eine neue Baumbank läuft, weiter hinten in der Gasse laden schon länger Bänke zum Sitzen ein. Auch der Bücherschrank wurde instandgesetzt. An Metallbügeln hängen Werke der Künstlerin Futura Tittaferrante, die wechseln sollen, einige Bügel sollen künftig berankt werden. An der Fassade des Umweltzentrums weisen zwei große Leuchtschriften auf das Haus hin, „Arnica montana” und „Sturnus vulgaris”, die lateinischen Namen von Arnika und Star. Das ist kein Zufall, der Verein betreibt in Kaditz nach eigenen Angaben die größte Wildvogel-Auffangstation Sachsens.
Wenig Geld, viel Ehrenamt
Teuer war das Ganze nicht, zumindest nicht für die Stadtkasse. Der Stadtbezirksbeirat Altstadt steuerte rund 7.500 Euro bei, beschlossen bereits im März 2025. Hinzu kam eine Spende von 1.000 Euro vom Bauträger des angrenzenden Wohnquartiers. Den Rest trugen die Beteiligten selbst, die Restaurants Brennnessel und Finesse, die Cafés Almuts und Moka sowie die Columbus Dresden GmbH, die als Planer mitwirkte. Die Pflanzen stammen aus der eigenen Gärtnerei des Umweltzentrums, aufgebaut haben die Beteiligten vieles ehrenamtlich. Nur das Café Moka bekam sein Parklett wegen der strengen Verordnung vorerst nicht genehmigt.
Das Umweltzentrum selbst ist der heimliche Motor der Gasse. Es sitzt im ältesten Haus des Viertels, einem rund 300 Jahre alten Bau, der nach dem Ende der DDR abrissreif war. Anfang der 1990er-Jahre übernahm der neu gegründete Verein das Gebäude und sanierte es, seither prägt er die Ecke. Lange habe man sich im eigenen Hof eingeigelt, heißt es, nun wolle man sich zum öffentlichen Raum hin öffnen. Das passt zur Lage, denn entlang der Ammonstraße sind zuletzt rund 700 Wohnungen entstanden, und die neue Nachbarschaft sucht Platz zum Verweilen.
Jähnigen: Dresden hat viel nachzuholen
Umweltbürgermeisterin Eva Jähnigen (Grüne) nutzte die Eröffnung für eine selbstkritische Bilanz. Bei der Aufenthaltsqualität von Straßen habe Dresden „noch viel nachzuholen”, andere Städte in Europa seien weiter. Mit knappen Mitteln und anderen Prioritäten des Stadtrats komme die Stadt nur langsam voran, deshalb seien Initiativen aus der Nachbarschaft so wertvoll. Nach den „Waldinseln” sei dies ein weiteres Projekt aus der Zivilgesellschaft, sie hoffe, es „mache Schule”. Stadtbezirksamtsleiter André Barth freute sich über die Förderung seines Beirats und wünschte sich, dass die Schützengasse zu einem lebendigen Kern des Musikerviertels wird.
Für die Beteiligten ist die Gasse erst der Anfang. Sie träumen von einer Achse, die vom Zentrum bis zum Kraftwerk Mitte führt, und das Parklett vor dem Moka steht weiter auf der Liste. Auch die Stadt will weitere Straßen beruhigen und begrünen, von der Louisenstraße in der Neustadt bis zur Blumenstraße, allerdings Schritt für Schritt und mit den Leuten vor Ort. In der Schützengasse, sagt Umbreit, habe man jedenfalls Lust auf mehr.