7.000 Quadratmeter Oase gegen Sommerhitze: Dresdens erste Waldinsel kommt
Dresden. Angefangen hat alles mit einer Chatgruppe und einer Frage: Warum gibt es das bei uns noch nicht? Zwei Jahre später steht Arlett Wilhelm auf einer Grünfläche an der Ammonstraße. Die frühere IT-Projektleiterin erklärt, neben Fachleuten für Wald und Gehölze und der Umweltbürgermeisterin, wie hier Dresdens erste bewusst angelegte Waldinsel wachsen soll. Rund 7.000 Quadratmeter zwischen Budapester Straße und Ammonhof stehen dafür bereit.
Anders als bei einer klassischen Baumpflanzung entsteht hier kein lockerer Baumbestand, sondern ein dichtes Zusammenspiel aus klimaangepassten Bäumen, Sträuchern, Stauden und Blühpflanzen. Eine natürliche Bodenstruktur soll das Regenwasser länger auf der Fläche halten. „Sie sind kleine Oasen gegen die Sommerhitze, verbessern die Luftqualität und schaffen neue Lebensräume", sagt Umweltbürgermeisterin Eva Jähnigen, die am Freitag zum Vor-Ort-Termin an die Ammonstraße kam.
Junge Bäume, die große überholen
Der Kniff steckt in der Größe der Pflanzen. Statt teurer, mehrere Meter hoher Großbäume setzt die Initiative auf kleinere, junge Exemplare, dicht an dicht gepflanzt. Der Konkurrenzdruck lasse sie schneller wachsen, und das Wurzelwerk passe sich besser an den Standort an als bei verpflanzten Großbäumen. Am liebsten würde die Gruppe sogar noch kleiner pflanzen, so wie im Wald. Die Förderrichtlinie schreibt aber eine Mindesthöhe von 1,20 Metern vor.
Friedrich Findeisen von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald kennt den Effekt aus angelegten Schulhofwäldern. „Nach drei Jahren hatten wir bei Kirsche, Ulme und Linde über einen Meter Höhenwachstum", sagt er. „Wir haben die drei Meter hohen Großbäume, die wir daneben gepflanzt haben, eingeholt." Die kleinen Bäume bildeten ein gesünderes Wurzelsystem aus und hätten keine Rindenschäden.
Scharf fällt die Kritik am klassischen Stadtbaum aus. Gehölzsachverständiger Jan Weber, seit 2006 mit Dresdens Bäumen befasst, hält die großen Baumschul-Exemplare für wenig standorttauglich. „So ein Baum ist im Grunde auf den Transport gezüchtet", sagt er. Werde beim Unterschneiden in der Baumschule etwa die Pfahlwurzel der Eiche gekappt, erhole sich der Baum davon nie wieder.
Angelegt in Ringen, mit Lichtungen
Gepflanzt wird in Zonen: innen die Bäume, dann ein Strauchgürtel, außen ein Saum aus Stauden. So soll ein weitgehend geschlossenes Ökosystem entstehen, das Feuchtigkeit hält und mit der Zeit wenig Pflege braucht. Eine Blockbepflanzung soll es ausdrücklich nicht werden. „Das Ganze soll mit Unterbrechungen und Lichtungen angelegt werden, damit die beschatteten Räume auch nutzbar sind", erklärt Findeisen.
Bestehende Bäume bleiben stehen, für die Waldinsel wird nach Angaben der Initiative kein Baum gefällt. Weber sieht auf der Fläche schon brauchbare Grundlagen: eine Schwarzkiefer, eine Zerreiche, „die geht ab wie verrückt". Mit solchen Strukturen lasse sich arbeiten, statt alles neu zu denken.
Warum ausgerechnet hier
Der Standort in der Wilsdruffer Vorstadt gehört laut städtischem Klimaanpassungskonzept zu den besonders hitzebelasteten Bereichen. Rundherum stehen Wohnhäuser, eine Straßenbahnhaltestelle, viel versiegelte Fläche. Genau dort soll das zusätzliche Grün für Kühlung sorgen.
Gepflanzt werden heimische Arten, darunter Eiche, Hainbuche und Buche, ergänzt um Elsbeere, Mehlbeere und Schlehe. Dass die Wahl auf einheimische Gehölze fällt, begründet Findeisen mit dem ökologischen Nutzen: Von einer heimischen Eiche profitierten weit über tausend Tierarten, von einer Platane nur eine Handvoll. „Unsere Fauna und Flora ist auf diese Zusammenhänge abgestimmt", sagt er.
Angsträume? Eine Frage der Teilhabe
Bei neuen grünen Flächen kommt in Dresden schnell die Sorge vor Verwahrlosung auf. Beide Fachleute halten dagegen, nicht mit Zäunen, sondern mit Beteiligung. „Ich habe bei Baumpflanzungen mit Schülern im Großen Garten gesehen, wie die sich noch Jahre später um ihre Bäume kümmern", sagt Weber. Teilhabe sei der Schlüssel: „Wenn die halbe Nachbarschaft hier Stauden mitgepflanzt hat, finden sich die Leute täglich in der Anlage wieder. Und wo Menschen hinschauen, entstehen keine Angsträume."
Findeisen sieht die Verantwortung nicht beim Grün, sondern bei den sozialen Strukturen: Man könne eine Stadt nicht davon abhalten, sich auf den Klimawandel vorzubereiten, nur weil es anderswo Probleme gebe. Dafür brauche es Fachleute und Konzepte, keinen Verzicht auf Bäume.
Aus einer Chatgruppe wurde ein Netzwerk
Hinter dem Vorhaben steht keine Behörde, sondern eine Bürgerinitiative aus dem Netzwerk „Dresden Cool City". Angestoßen hat sie Arlett Wilhelm, die über das Konzept der „Tiny Forests" zum Thema fand. Aus einem Chat wurde eine Gruppe von inzwischen mehr als 40 Menschen, darunter Fachleute aus Forstwissenschaft, Biologie, Gartenbau und Landschaftsarchitektur. Mit im Boot sind die gemeinnützige Permagold-Genossenschaft, die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald und Webers Sachverständigenbüro. Wissenschaftlich begleitet werden soll das Pilotprojekt von der TU Dresden.
„Wenn es hier klappt, wollen wir in jedem Stadtteil Dresdens eine solche Insel schaffen", sagt Wilhelm.
Stadt stellt die Fläche, den Rest tragen Spenden und die EU
Geld von der Stadt fließt nicht. Die Landeshauptstadt stellt angesichts ihrer angespannten Haushaltslage nur die Fläche bereit, dazu Fachwissen und Hilfe bei Förderanträgen. Die Umsetzung finanziert die Initiative über eine Crowdfunding-Kampagne und europäische Fördermittel. Nach ihren Angaben ist der nötige Eigenanteil zusammengekommen, den größeren Teil soll eine EU-Förderung beisteuern.
Nach drei Jahren geht die Fläche in die Verantwortung der Stadt über. Eine gut geplante Waldinsel, so die Erwartung der Beteiligten, verursacht dann weniger Pflegekosten als einzelne Straßenbäume.
Erst der Anfang
Bei der Ammonstraße soll es nicht bleiben. Weitere Waldinseln sind unter anderem an der Bergstraße und im Umfeld des Universitätsklinikums in Vorbereitung, dazu ein „Tiny Food Forest" am Alberthafen. Die Pflanzung an der Ammonstraße ist für 2026/27 geplant, erst die Stauden im Frühjahr, dann die Bäume im Herbst.
Findeisen denkt da schon weiter. „In zehn Jahren treffen wir uns hier wieder, und dann ist es auch an einem heißen Sommertag schön kühl." Informationen zur Spendenkampagne gibt es unter meinbaum-meindresden.org.