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Hilberts „Urknall“ im Dresdens Norden: Warum die neue Straßenbahn Jahre zu spät kommt

Luftaufnahme einer riesigen Großbaustelle für ein Chipwerk im Dresdner Norden. Zahlreiche rote und gelbe Baukräne stehen auf dem Areal mit Erdaushub und Rohbauten. Im Hintergrund sind angrenzende Felder und das Umland zu sehen.
Baustellenboom im Dresdner Norden: Während Großprojekte wie die neue ESMC-Chipfabrik entstehen, hinkt die Infrastruktur hinterher. Das neue Mobilitätskonzept der Stadt soll den Standort besser an den Nahverkehr anbinden. Archivtoto: ESMC
Von: Cornelius de Haas
Über 8.000 neue Jobs, knapp 17.000 zusätzlich erwartete Menschen: Oberbürgermeister Dirk Hilbert sieht den Dresdner Norden vor einem gewaltigen Wachstum. Mit einem Verkehrskonzept und der verlängerten Linie 8 will die Stadt nachziehen. Doch der Bahn-Bau liegt Jahre entfernt, und vieles im Konzept gar nicht in ihrer Hand.

Dresden. Über 8.000 neue Arbeitsplätze, knapp 17.000 zusätzlich erwartete Menschen – und eine Straßenbahn, die frühestens in den 2030er-Jahren gebaut wird: Der Dresdner Norden wächst durch die Chipindustrie rasant, doch die Verkehrsanbindung kommt nur langsam hinterher. Zum Baustart an der Königsbrücker Straße hat die Stadtspitze am Dienstag ihre Pläne vorgestellt – und dabei deutlich gemacht, wie viel davon gar nicht in ihrer eigenen Hand liegt. Kern sind zwei Vorlagen, über die der Stadtrat voraussichtlich am 26. November entscheidet: das „Verkehrs- und Mobilitätskonzept Nordraum" und die Verlängerung der Straßenbahnlinie 8.

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Hilbert: „Wir stehen vor einem wahren Urknall in unserer Stadt"

Den Rahmen zeichnete Hilbert in großen Linien. „Wir haben, anders als andere Städte, einen Investitions-Boom durch die Halbleiterindustrie und deren Zulieferer", sagte der Oberbürgermeister. Die Menschen im Norden stünden dadurch aber vor großen Herausforderungen. Mit dem Ausbau der Infrastruktur - „Straßen, Strom, Wasser und Abwasser" - wolle die Stadt die Voraussetzungen schaffen, dass das Wachstum gelinge. Das Ausmaß sei noch längst nicht erreicht: „Wir stehen vor einem wahren Urknall in unserer Stadt. Deshalb müssen wir auch Geld in die Hand nehmen."

Über 8.000 neue Arbeitsplätze und deutlich mehr Verkehr

Die Zahlen dahinter sind beträchtlich. Die Stadt rechnet mit rund 8.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen, davon etwa 6.300 im Dresdner Norden bei ESMC und Infineon, durch Neuansiedlungen und Erweiterungen bestehender Firmen. Weil viele Beschäftigte mit ihren Familien kommen, werden insgesamt knapp 17.000 Menschen erwartet. Davon dürften nach heutiger Annahme knapp 5.000 in Dresden wohnen, rund 12.000 pendeln. Die Folgen reichen weit über den Verkehr hinaus: Es braucht Wohnungen, Schul- und Kitaplätze.

Linie 8: 54 Millionen Euro, aber die Endhaltestelle liegt am Bosch-Werk

Größtes Einzelprojekt ist die Verlängerung der Linie 8 von Hellerau bis zum Airportpark. Für rund 54 Millionen Euro soll die Strecke um 1.800 Meter wachsen, mit zwei neuen Haltepunkten und damit vier barrierefreien Haltestellen. Ein Haken: Die Endhaltestelle liegt in der Nähe des Bosch-Werks. Bis zum neuen ESMC-Werk bleiben einige Hundert Meter zu überbrücken. Verkehrsbürgermeister Kühn setzt hier auf „innovative Angebote für die letzte Meile" wie Leihräder und Shuttlebusse. Bis GlobalFoundries reicht die Bahn nicht, doch: „Die Strecke für eine Verlängerung zu Globalfoundries wird für die Zukunft offengehalten", so Kühn.

Auch die Finanzierung steht noch nicht. Die Stadt hofft auf mehr als 33 Millionen Euro Förderung; nach Abzug der Anteile weiterer Beteiligter müssten Stadt und DVB rund 16,2 Millionen Euro selbst aufbringen. Und der Zeithorizont ist weit: „Ein Baubeginn ist in diesem Jahrzehnt nicht mehr zu erwarten", sagte Kühn. Wann die Bahn fährt, ist also offen.

Vieles im Konzept liegt gar nicht in der Hand der Stadt

Was die Stadt selbst umsetzen kann, ist überschaubar. In ihrer Verantwortung liegen die Anpassung der Kreuzungen entlang der Wilschdorfer Landstraße - etwa mit der Knappsdorfer Straße und der Rähnitzer Allee - und das Bekenntnis zu neuen Radwegen, wobei offenbleibt, wann diese gebaut werden.

Die meisten weiteren Maßnahmen stehen zwar im Konzept, liegen aber nicht bei der Stadt: der Ausbau der Haltepunkte Industriegelände und Klotzsche, der neue Haltepunkt Albertstadt, der Ausbau des S-Bahn-Angebots, die Optimierung der Autobahnanschlussstellen und Buslinien mit dem Umland. An den Haltepunkten sollen barrierefreie Umstiege von der S-Bahn in die Straßenbahn und P+R-Plätze entstehen.

Hilbert räumte diese Abhängigkeit offen ein: „Es ist nicht alles von uns beeinflussbar." Man sei aber im Gespräch mit dem Verkehrsverbund Oberelbe, den Umlandgemeinden und dem Autobahnamt. „Wir stellen uns den Herausforderungen, damit das Wachstum weitergehen kann und weitere Milliarden-Investitionen nach Dresden fließen", so der Oberbürgermeister.

Von der Nossener Brücke bis zum Airportpark: was Investoren erwartet

Kühn denkt das Konzept nach eigenen Worten von der Nossener Brücke aus, wo die geplante Campuslinie Wissenschaft und Industrie verbinden soll - über den Ausbau der Königsbrücker Straße und, ab 2027, der Königsbrücker Landstraße bis zum Airportpark. Auf dem Weg liegen Gewerbestandorte wie das Industriegelände, wo in diesem Jahr das Projekt „FairWerk" mit fünf Gewerbehöfen begonnen hat. Weiter nördlich, am Rähnitzsteig, siedeln sich laut Breitner „zwei weitere Zulieferer an, deren Namen ich jetzt noch nicht nennen darf". Firmen wie Sachsen-Kälte und WTB planen Millioneninvestitionen, in Klotzsche will Sempa-Systems – Lieferant von Gasen und Flüssigkeiten für die Chip-Konzerne – die Produktion erweitern: zehn Millionen Euro, 30 neue Arbeitsplätze.

Der Norden wird geschont, der Rest der Stadt soll sparen

Der eigentliche Konflikt zeigt sich im größeren Zusammenhang. Während die Stadt dem Norden Ausbau verspricht und dort laut Konzept „kaum Kürzungen" im Nahverkehr plant - einzige Ausnahme ist die Linie 81 zu GlobalFoundries, die in der Hauptverkehrszeit von 20 auf 30 Minuten ausgedünnt wird –, soll das Angebot der Dresdner Verkehrsbetriebe stadtweit deutlich schrumpfen. Nach einer internen Verwaltungsvorlage, über die zuerst die „Sächsische Zeitung" berichtete, sollen die DVB 2027 rund zehn Prozent ihres Angebots streichen und so 8,3 Millionen Euro einsparen: im Gespräch sind elf Straßenbahnen und 23 Busse weniger sowie der Abbau von rund 100 Stellen. Über diesen Sparkurs entscheidet der Stadtrat am selben Tag wie über das Nordraum-Konzept.

Damit steht eine unbequeme Verteilungsfrage im Raum: Der wachsende Industrienorden wird bei der Anbindung bevorzugt, während andere Stadtteile die Kürzungen tragen sollen. Die DVB-Kürzungen sind in den Doppelhaushalt 2027/2028 eingebettet - und dort zum ersten Prüfstein geworden. Schon am Tag der Einbringung stellte sich der Stadtrat quer: SPD und Linke nennen den Entwurf von OB Hilbert nicht tragbar, Grüne und CDU knüpfen ihre Zustimmung an Bedingungen. Die SPD will keinem Haushalt zustimmen, der Kürzungen bei Bus und Bahn voraussetzt; auch die Grünen machen ihre Zustimmung davon abhängig. Deren Finanzexperte Torsten Hans erklärte, der Entwurf könne eine Verhandlungsgrundlage sein, wenn die DVB-Kürzungen vom Tisch kämen. Beschlossen werden soll der Haushalt - und mit ihm das Schicksal der Kürzungen - am 26. November.

Grüne: Ausbau ja, aber schneller

Auch die Grünen dringen auf mehr Tempo. Sie begrüßen das Konzept, mahnen aber, die Industrie wachse schneller, als die Anbindung nachkomme. Die Fraktion fordert vor allem die zügige Umsetzung der Radweg-Lückenschlüsse an der Radeburger und der Königsbrücker Straße, mehr sichere Querungen sowie zusätzliche Fahrrad-Stellplätze an der Grenzstraße und am Bahnhof Klotzsche.

Ein Versuch, die DVB-Kürzungen per Bürgerentscheid zu stoppen, ist inzwischen gescheitert. Die Landesdirektion Sachsen bestätigte, dass der Stadtrat das Bürgerbegehren „Dresdner Nahverkehr erhalten" zu Recht als unzulässig eingestuft hatte. Beide Vorlagen durchlaufen bis November zahlreiche Gremien. Am 26. November entscheidet der Stadtrat. Dann zeigt sich, ob die Stadt beides zugleich schafft: im Norden ausbauen und anderswo sparen.

Cornelius de Haas
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Cornelius de Haas

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