St. Pauli: Mix aus Szenekneipe und stabil guter Küche
Es gibt zwar keine Reeperbahn in Dresden, aber auf St. Pauli müssen die Sachsen dennoch nicht verzichten. Es gibt ja das einschlägige Restaurant – und das ist seit Jahren eine zuverlässige Adresse im Dresdner Hechtviertel für einen gediegenen Mix aus Szenekneipe und einer stabil guten Küche. Die Küche hat sich der Slow-Food-Idee verschrieben und bekennt sich damit zu einer aufregend unaufgeregten Küche mit möglichst viel Regionalität und Nachhaltigkeit. „Möglichst viel“ heißt auch, dass man hier selbstbewusst undogmatisch rangeht: es gibt beispielsweise auch Garnelen oder Jakobsmuscheln – beides in der Elbe und anderen heimischen Gewässern extrem seltene Gäste…
Locker und zuverlässig ist auch der Service, obendrein freundlich und schnell – denn Slow Food heißt ja nicht, dass Küche und Kellner bummeln! Beim Sommer-Besuch saßen wir draußen und genossen die letzten warmen Strahlen der untergehenden Sonne, die Stimmung an den (allesamt belegten) Tischen rundum war ebenso heiter wie das Wetter. Geht doch! möchte man seufzen angesichts so vielen Missmuts ansonsten in der Welt.
Der Blick auf die Karte des Restaurants könnte länger dauern als beabsichtigt. Das liegt nicht an der Üppigkeit, denn vernünftigerweise passt das monatlich wechselnde Angebot auf eine Seite. Die reicht aber für vier Vorspeisen oder Zwischengerichte (davon zwei vegan), zwei Brot(zeit)-Angebote, fünf Hauptgerichte (wieder zwei davon vegan) und drei Desserts. Klingt alles gut, aber mit den eigenen Präferenzen finden sich dann doch vergleichsweise schnell die zu bestellenden Speisen. Aber hängen geblieben bin ich natürlich am Blatt mit den Erzeugern und Lieferanten. Spannende Lektüre, und natürlich gibt es Querverweise von der Menükarte zu dieser. Haltung ist ja nicht etwas, was für Tiere gilt – sie zeigt sich auch im Miteinander, das vor dem Genuss am Tisch steht.
Regionale Lieferanten sorgen für Qualität
Die Portionen im St. Pauli sind nicht klein, ein spezielles Menü gibt es folgerichtig auch nicht. also teilten wir uns vorab Brot und Süppchen – Sauerteigbrot-Auswahl | Senf-Kresse-Butter (7,90 €) und Grüne Stachelbeer-Gazpacho | Kresse (8,50 € – vegan). Lieferanten fürs Brot: Elias Boulanger Dresden, Herzensbäckerei Meißen, Zutaten für die Gazpacho kamen von der Rainkost Obermühle und dem Gartenbau Plänitz. Wer sich in der Szene auskennt, weiß: da kommt Qualität her. Die man dann am Tisch schmeckt. Das Brot geht allein, die Senf-Kresse-Butter sollte man dennoch nicht stehen lassen. Und ein bis zwei Stücke sollten für die Gazpacho bleiben: ditschen ditschen ditschen – bis der Teller sauber wie aus dem Schrank ist. Woraus gerne geschlossen werden darf: für eine Gazpacho kann man durchaus Stachelbeeren (plus ein, zwei Küchengeheimnisse und ein gutes Öl) nehmen.

Beim August-Besuch vorm Haus hatten wir zwei sehr ähnlich aussehende Gerichte bestellt, das eine vegan, das andere das legendäre St.-Pauli-Schnitzel vom Strohschwein von der Fleischerei Forberge. Dazu gab’s Kartoffel-Salat und Radebeuler Gurken (21,50 €). Wer nur Schweinefleisch aus gequält-industrieller Großmast kennt, muss die Geschmacksknospen neu sortieren – und das eigene Kaufverhalten am besten gleich mit. So gesehen kann ein Besuch im St. Pauli sehr nachhaltige Wirkung zeigen! Vielleicht sogar auch mit der veganen Variante, die mit dem Schweineschnitzel nur das schnitzelige Aussehen des gebackenen Kräuter-Seitlings gemein hatte, ansonsten aber durch den Glasnudelsalat eine ganz andere Prägung bekam. fruchtig-scharf Dank Mango und Kimchi und mit beherztem Einsatz von Koriander nichts für den Club der Koriander-hasser – aber bestens für alle anderen (23,00 € – vegan).
Die geschmorte Rinderbrust | Pflaume | geräuchertes Sellerie-Püree | Rote Zwiebel (25,50 €) hatte ich nur wenige Tage später beim Besuch mit einer größeren Gruppe. Wir kamen erst spät so gegen zehn, und da war’s schon nicht mehr Draußen-Wetter. Aber drinnen ist’s ja auch sehr chic und – weil nicht soo groß – entsprechend schnell voll. Geschmortes passt da ganz gut, Soulfood am Abend ist ja nie verkehrt. Und weil wir mit einer wein-affinen Gruppe unterwegs waren, vielleicht noch das bislang fehlende Wort zum Getränkeangebot. Es ist großartig. Mit drei Bieren vom Fass (natürlich kleine Brauereien!), mit diversen Limos, Säften und Ciders (2 aus Sachsen, 2 alkoholfreie vom Geiger Jörg). Und eine überraschende Weinkarte. Überraschend, weil das Angebot für eine Eckkneipe im Szeneviertel erstaunlich gut ist. Überraschend aber auch, weil die Weinbeschreibungen der Leichtigkeit des Ortes entsprechen. Es gibt nicht viele, die Wein so mit einem Augenzwinkern und einer gehörigen Portion Humor beschreiben können. Wenn nicht live, dann wenigstens auf der Karte…
Sankt Pauli
Tagesbar & Restaurant
Tannenstr. 56
01097 Dresden
Tel. 0351 – 275 148 2
sankt-pauli.in
[Zuletzt besucht am 24. August und am 7. September 2026]