Der Abend beginnt mit einem großen Spaß. Und natürlich bin ich der Spielverderber, weil ich den jetzt verrate – es sei denn, jemand möchte in den nächsten Tagen zu Mario Pattis in sein Restaurant Feine Kost zu den Kochsternstunden gehen und sich lieber dort erstüberraschen lassen – dann bitte jetzt sofort die Augen zum zweiten Absatz lenken und dort weiterlesen! Der Abend beginnt nämlich mit einem ausgelassenen Ballett von Simona und Mario Pattis, die um den Tisch tanzen. Zwischendurch gehen sie zu ihrem Servierwagen, holen eine der bereitstehenden Tuben mit Tüllen, tänzeln zum Gast und – beinahe hätte ich geschrieben: hinterlassen einen Klecks, wie die Turteltauben. Aber eben nur beinahe, denn in Wirklichkeit beugen sie sich, zusammen mit den verdutzten Gästen am Tisch herzhaft lachend, zum Tisch und drapieren zielsicher einen neuen Geschmack auf das mit dem MP-Logo bedruckte Pergament, das bis dato unbeachtet auf dem Tisch lag. Also appliziert Mario Pattis eine Avocadocreme, der Simona Pattis flugs Parmesan-Crumble hinzufügt. Es folgen eine Trüffelcreme, eine Tomatenmarmelade, Petersilienöl, ein Löffel Balsamico und etwas rote Beete, sowie (ganz traditionell auf dem Teller) Sauerteigbrot zum Ditschen von Elias Boulanger. Wenn die Teller (alle echt Meissen!) zur Deko an der Wand hängen, muss man eben (fast) direkt auf dem Tisch servieren. „Einzeln dippen oder quer durch, am besten in der Reihenfolge!“, empfahl Mario Pattis noch und verschwand mit einem „viel Spaß und schönen Abend!“ in seiner Küche.
Eis kommt immer mal wieder vor auf den farbenfroh angerichteten Gängen – wie auch kontrastierende Geschmäcker immer wieder für Überraschung sorgen. Die Ceviche vom Saibling badete in einem fluffigen und leicht scharfem Curry-Zitronengrasschaum, eine karamelisierte Mini-Banane mit Chilimarmelade sorgte (wie auch Avocadomousse auf der Ceviche und Paprikaeis on top) nicht nur für Farbe, sondern ebenfalls für fruchtige Schärfe – aber bitteschön: dezent und nicht vordergründig. Erwartungsgemäß verbarg sich hinterm Schaschlik 2.0 kein gewöhnlicher Fleischspieß, sondern eine Kombination edler Meeresfrüchte (u.a. Jakobsmuschel, Garnele, Sepia) mit Schweinespeck, die sich zu fein gehackten Tomaten und einer (grünen, macht sich viel besser als schwarze) Oliventapenade auf dem Teller gesellte. Wir sind ja immer noch bei den Vorfreuden und auch erst zu zwei Dritteln durch – aber so ist das beim Pattis ja immer, und im Grunde freuen wir uns ja schon im Vorfeld gerade auf diese wohl dosierte Üppigkeit. Getränkemäßig geht’s da übrigens sehr individuell zu: Alexander Stange, der uns an diesem Abend mit Weinen (zu jedem Gang) und auch alkoholfreien Varianten versorgte, ist ja weit mehr als ein Flaschenschubser. Er weiß zu jedem Wein (oder der Alternative) was zu erzählen, geht charmant auf Fragen ein, lässt sich Zeit. Das Essen serviert dann das Ehepaar Pattis, und zwar auch nicht kommentarlos, sondern schlau machend und den Respekt für die Arbeit hinter den Kulissen im Vorfeld erhöhend (auch wenn das nicht die Absicht ist). Insgesamt also alles tolle Gastgeber – und freundlich, lachend, wissend zu sein kostet nicht wirklich mehr!
Der dritte Gang aus dem Vorspeisen-Trio schlug die Brücke zum fleischlastigen Hauptgang und leitete zugleich das Kapitel ein, das je nach Standpunkt mit Trau Dich! (Empfehlung des GRIPS-Theaters aus den 1970er Jahren) oder „Wat de Buur nich kennt, dat frett he nich“ (viel ältere norddeutsche Volksweisheit) skizziert werden könnte. Gebackener Kalbskopf also: klingt für die meisten ungewohnt, aber ist ja gut im Pankow umhüllt gebacken und schmeckt dann doch fast wie ein guter Schmorbraten ohne Sauce. Und Entenleber – voll die Fettlebe! Und immerhin keine Gänsestopfdingenskirchen, obwohl mit Quitte und frisch getoasteter Brioche doch geschmacklich nahe dran. Es kommt eben immer drauf an, was man da einarbeitet, bevor man es durchs feinste Sieb in Pastetenform bringt… Wenn man aber bekennender Reisender durch die Gourmandie ist, dann fehlt eigentlich nur noch ein passender Süßwein dazu. Oh, was für ein feiner Zufall: ein 2018 Tokaj Szamarodni, Oremus brachte das nötige Quentchen Süße und angemesse Säure, um als Zwischendurchwein nicht die Kehle geklebt zu bekommen…
