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Weine aus Nordost: Überraschende Perspektiven jenseits der klassischen Regionen

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Gruppenbild mit Winzer*innen: alle aus dem Norden und Osten, alle mit erstaunlichen Weinen... (Bild: Ulrich van Stipriaan)
Von: Ulrich van Stipriaan
Podcast über Wein aus Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Somm Matthias Dathan und vier Winzer*innen

 

Wein aus Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern? „Aber ja!“, sagt der Sommelier Matthias Dathan und hatte die Idee, Winzerinnen und Winzern aus den Regionen nordöstlich der etablierten Qualitäts-Weinbaugebiete Saale-Unstrut und Sachsen eine Plattform zu organisieren. Die junge Weinszene ist gerade in einer spannenden Phase: gegründet meistens vor 20 bis 30 Jahren von Enthusiasten, die eine auch hier vorhandene (und verschüttete) Tradition wiederbeleben wollten, kommt jetzt die zweite Generation – und das sind in der Regel die gut ausgebildeten Winzer, die auch andernorts schon guten Wein gemacht haben.

Im beschaulichen Jerischke geht man beim Weingut Marbach sogar noch einen Schritt weiter und bildet selber aus: „Erstmalig im Kammerbezirk der Handwerkskammer Cottbus und im Land Brandenburg bilden wir eine Weintechnologin aus“, sagte laut einer Pressemitteilung vom September 2024 Weingutsgründer Hubert Marbach. Zusammen mit ihrem Ausbilder Stefan Bönsch erlebte Axinja Laubmann auf der kleinen Nordost-Präsentation nun auch hautnah, wie es so ist im Kundenkontakt mit anspruchsvollen Gastronomen und Fachhändlern.

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„Überraschende Perspektiven auf deutschen Weinbau jenseits der klassischen Regionen“ hatte Matthias Dathan versprochen. Und es gab in der Tat spannende Landweine zu verkosten – zwei Inselbegabungen inklusive. In diesem Podcast habe ich mir den Initiator, zwei Winzerinnen und zwei Winzer vors Mikrofon geholt, um mit ihnen die Weingüter und die Philosophie dahinter kurz vorzustellen.

Fünf Perspektiven im Podcast

Matthias Dathan – der Somm

Die Idee für diese Veranstaltung hatte Matthias Dathan. Bei seiner langjährigen Beschäftigung mit dem Weinbau in Sachsen im Rahmen seiner Tätigkeit für den Vinum Weinguide stieß er immer wieder auf Weinprojekte nördlich der klassischen deutschen Anbaugebiete. Seine Recherchen führten ihn schließlich zur Geschichte des Weinbaus in Nordostdeutschland, der vor mehreren Jahrhunderten bis weit in die Uckermark verbreitet war. Kriege, klimatische Veränderungen und wirtschaftliche Entwicklungen ließen den Weinbau dort jedoch weitgehend verschwinden.

Seit der deutschen Wiedervereinigung erlebt die Region eine vorsichtige Renaissance. An historischen Standorten entstanden neue Weinberge, gleichzeitig wagten Weinmacher aus anderen Teilen Deutschlands den Schritt in bislang kaum erschlossene Weinbaugebiete. Heute reicht das Spektrum von Brandenburg bis auf die Inseln Rügen und Usedom.

Dathan sieht seine Veranstaltung als Plattform für diese oft kleinen Betriebe, die überwiegend im Nebenerwerb arbeiten und nur selten die Möglichkeit haben, ihre Weine einem größeren Fachpublikum zu präsentieren. Viele der Güter bewirtschaften weniger als fünf Hektar Rebfläche und verfügen nicht über die finanziellen Möglichkeiten für eigene Präsentationsreisen oder umfangreiche Marketingmaßnahmen.

Neben klassischen Rebsorten wie Riesling und Burgunder spielen pilzwiderstandsfähige Rebsorten (PIWIs) eine wichtige Rolle bei den Winzern im NordOsten der Republik. Einige Weingüter setzen auf Naturwein, andere auf traditionelle Ausbaumethoden: da kaum historische Strukturen übernommen werden mussten, konnten viele Betriebe ihren eigenen Stil entwickeln.

Als Veranstaltungsort wählte Dathan bewusst Berlin. Die Hauptstadt verfügt über eine lebendige Gastronomieszene mit starkem Fokus auf regionale Produkte und bietet damit ideale Voraussetzungen, um die Weine aus Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern bekannt zu machen. Sein Ziel ist es, den aufstrebenden Weinregionen Nordostdeutschlands mehr Sichtbarkeit zu verschaffen und ihnen langfristig neue Absatzmöglichkeiten zu eröffnen.

Katharina Lindecke – Weinbau Lindecke

Katharina Lindicke führt das Familienweingut Lindecke in Werder an der Havel in zweiter Generation weiter. Der Betrieb bewirtschaftet heute 7,6 Hektar Rebfläche auf den Lagen Werderaner Wachtelberg und Werderaner Galgenberg. Obwohl das Weingut in Brandenburg liegt, gehören die Weinberge zum Anbaugebiet Saale-Unstrut, sodass die Weine als Qualitätsweine dieses Anbaugebiets vermarktet werden können.

Gegründet wurde das Weingut 1996 von Katharinas Eltern. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet sie selbst im Betrieb mit und verantwortet heute gemeinsam mit einem kleinen Team die Weiterentwicklung des Unternehmens. Seit 2012 verfügt das Weingut über eine eigene Kelterei, die Weinbereitung erfolgt damit vollständig vor Ort in Werder.

Das Sortiment ist breit aufgestellt und umfasst sowohl klassische Rebsorten wie Müller-Thurgau, Sauvignon Blanc und Dornfelder als auch zahlreiche pilzwiderstandsfähige Rebsorten wie Cabernet Blanc, Muscaris, Sauvignac, Regent und Pinotin. Die Vielfalt ist bewusst gewählt, um unterschiedliche Geschmacksrichtungen und Stilistiken anbieten zu können.

Besondere Bedeutung hat für das Weingut der Müller-Thurgau. Die Rebsorte steht in Werder bereits seit 1985 und gilt als Ausgangspunkt des modernen Weinbaus in Brandenburg. Mit seiner feinen Frucht und moderaten Struktur wird der Wein insbesondere als Begleiter zum regionalen Spargel geschätzt. Die Reben wachsen auf reinen Sandböden, die den Pflanzen zwar große Trockenheit abverlangen, zugleich aber eine tiefe Verwurzelung fördern. (Zum Müller von Lindeckes habe ich in meiner Weinkolumne ausführlicher geschrieben…)

Mit einer Jahresproduktion von rund 50.000 bis 60.000 Flaschen vermarktet das Weingut seine Weine überwiegend regional. Neben dem Direktverkauf über die eigene Straußwirtschaft zählen Handel und Gastronomie zu den wichtigsten Zielgruppen. Gerade in Berlin und Brandenburg sieht Katharina Lindecke noch Potenzial für zusätzliche Partnerschaften.

Qualitativ orientiert sich das Weingut an einer vierstufigen Pyramide aus Guts-, Orts-, Lagen- und Premiumweinen. Letztere entstehen als aufwendig ausgebaute Cuvées, teilweise mit Barrique-Reifung. Eine Besonderheit sind zudem zwei Rebsorten-Lehrpfade mit jeweils mehr als 50 Weiß- und Rotweinsorten. Sie dienen sowohl als Versuchsanlage für neue Rebsorten als auch als Grundlage für experimentelle Cuvées.

Romano Voß – Weingut Patke

Das Weingut Patke im brandenburgischen Pillgram, nur wenige Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, zählt zu den dynamischsten jungen Weinbaubetrieben Nordostdeutschlands. Gegründet wurde es vor rund zehn Jahren von Matthias und Marcel Jahnke sowie Steffen und Holger Lehmann, die den ehemaligen Bauernhof von Oma Patke zum Mittelpunkt eines neuen Weinbauprojekts machten. Die heute 97-jährige Namensgeberin ist nach wie vor die Identifikationsfigur des Weinguts.

Für die Weinbereitung verantwortlich ist seit dem Jahrgang 2023 Kellermeister Romano Voß. Nach seiner Ausbildung bei renommierten Betrieben wie dem Weingut Robert Weil im Rheingau, dem Landesweingut Kloster Pforta und weiteren Stationen in der Pfalz brachte er umfangreiche Erfahrungen nach Brandenburg. Sein Ziel sind fruchtbetonte, präzise Weine, die den Charakter der Region widerspiegeln.

Voss sieht Brandenburg als klassisches Cool-Climate-Gebiet. Die vergleichsweise kühlen Bedingungen ermöglichen Weine mit moderaten Alkoholwerten, lebendiger Säure und ausgeprägter Frucht. Gleichzeitig bietet das Weingut Raum für Experimente. Ein besonderes Projekt ist ein Souvignier Gris aus der Amphore. Der Wein entsteht nach langer Maischestandzeit, spontaner Vergärung und Ausbau in einer handgefertigten Tonamphore aus Südtirol. Das Ergebnis ist ein Orange Wine mit ausgeprägter Frucht und Struktur, der sich bewusst von den oft rustikalen Vertretern dieses Stils absetzt.

Das Weingut bewirtschaftet inzwischen rund 20 Hektar Rebfläche, von denen zwölf Hektar im Ertrag stehen. Weitere acht Hektar sind junge Anlagen. Die Böden reichen von Sand über Tonmergel bis hin zu kalkhaltigen Standorten. Besonders stark setzt der Betrieb auf pilzwiderstandsfähige Rebsorten. Souvignier Gris spielt dabei eine Schlüsselrolle, da die Sorte als robust gilt und zugleich hochwertige, vielseitige Weine hervorbringt. Mit etwa 54.000 Flaschen Jahresproduktion verfolgt das Weingut einen klaren Qualitätsansatz. Die Vermarktung erfolgt überwiegend direkt. Besucher erwartet neben Weinproben und Veranstaltungen auch eine eigene Gastronomie. Ergänzt wird der Betrieb durch Obstbau, Erdbeeranbau, Destillate sowie eine kleine Dexter-Rinderherde. Ziel ist eine möglichst geschlossene Kreislaufwirtschaft, bei der Nebenprodukte konsequent weiterverwendet werden.

Sabrina Steeb – Weingut Welzin

Sabrina SteebDas Weingut Welzin auf der Insel Usedom gehört zu den ungewöhnlichsten Weinbauprojekten Deutschlands. Im kleinen Dorf Welzin mit nur rund 50 Einwohnern entstand in den vergangenen Jahren ein Familienbetrieb, der sich bewusst auf einen eigenständigen Weg konzentriert. Sabrina Steeb repräsentierte das Weingut in Berlin für die Familie. Die treibende Kraft hinter dem Projekt ist ihr Schwiegervater Christoph, ein seit Jahrzehnten ökologisch wirtschaftender Landwirt. Seine Begeisterung für Wein entstand jedoch nicht in Mecklenburg-Vorpommern, sondern auf Sizilien. Am Ätna erwarb er ein kleines Weingut und brachte sich den Weinbau autodidaktisch bei. Dort lernte er auch das Prinzip des Gemischten Satzes kennen, das später zum Kern des Weinprojekts auf Usedom werden sollte.

Heute bewirtschaftet die Familie einen Hektar Rebfläche, auf dem ausschließlich pilzwiderstandsfähige Rebsorten wachsen. Muscaris, Solaris, Rinot, Sauvignac, Ravel Blanc, Soreli und Fleurtai werden gemeinsam angebaut, gelesen und zu einem Gemischten Satz verarbeitet. Die Entscheidung für PIWI-Reben folgt einem klaren Nachhaltigkeitsgedanken: Der Pflanzenschutzaufwand ist gering, die Reben kommen mit den Bedingungen der Region gut zurecht. Die Weinberge stehen auf sehr unterschiedlichen Böden, die von sandigem Lehm bis zu schwereren Lehmböden reichen. Gleichzeitig profitiert Usedom von einem besonderen Klima. Mit vielen Sonnenstunden zählt die Insel zu den sonnigsten Regionen Deutschlands. Die umgebenden Gewässer verzögern zwar den Vegetationsbeginn im Frühjahr, sorgen jedoch für eine lange Reifephase im Herbst.

Der zentrale Wein des Hauses ist der Gemischte Satz „Witt“, ergänzt durch einen PetNat in sehr kleiner Auflage. Die Produktion bewegt sich zwischen 3.500 und 5.500 Flaschen jährlich. Die Familie verfolgt dabei konsequent das Prinzip „Qualität vor Menge“. Durch starke Ertragsreduzierung und intensive Handarbeit entstehen charaktervolle Weine, die die Besonderheiten ihres Ursprungs widerspiegeln. Der Ausbau erfolgt überwiegend im Edelstahltank, teilweise ergänzt durch Holzfassreife. Die Weine werden nicht filtriert, sondern erhalten ausreichend Zeit zur natürlichen Klärung. Das Ergebnis sind frische, eigenständige Weine mit deutlichem Jahrgangscharakter. Während der Jahrgang 2023 eher leicht und filigran ausfiel, brachte das sonnigere Jahr 2024 deutlich reifere und kraftvollere Weine hervor. (In der Folge 175 von „Auf ein Glas“ hatten wir den 23er Witt auch dabei.)

Stefan Bönsch – Weingut Marbach

Das Weingut Marbach im südöstlichsten Teil Brandenburgs gehört zu den jungen Weinbaubetrieben, die den Weinbau in Ostdeutschland aktiv weiterentwickeln. Kellermeister Stefan Bönsch verbindet dabei Experimentierfreude mit einem klaren Blick auf die praktischen Anforderungen des Marktes. Während das Weingut bereits etabliert ist, steht ein wichtiger Entwicklungsschritt unmittelbar bevor: Die Neuanlage eines weiteren Weinbergs mit rund zwei Hektar Rebfläche.

Gepflanzt werden sollen vor allem pilzwiderstandsfähige Rebsorten wie Souvignier Gris und Sauvitage sowie Roter Riesling. Letzterer gilt als historische Variante des Rieslings und soll künftig eine wichtige Rolle im Sortiment spielen. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen jedoch, wie stark der Weinbau in Brandenburg von Wetterextremen geprägt wird. Trockenheit, Starkregen und Frostereignisse beeinflussen die Planung ebenso wie die Erträge.

Besonders deutlich wird Bönschs Herangehensweise an einem neuen Projekt: einem Blanc de Noir aus Cabernet Cortis. Die Idee entstand aus einer Diskussion mit befreundeten Winzern aus Brandenburg. Hintergrund war die Überlegung, einen Teil der Rotweinproduktion anders zu nutzen. Während Rotweine oft mehrere Jahre Reifezeit benötigen und schwieriger zu vermarkten sind, besteht für frische Sommerweine eine deutlich größere Nachfrage. Aus zunächst wenigen Rebzeilen entstand ein Versuchswein, der sich als voller Erfolg erwies. Die Trauben wurden früh gelesen, als Ganztrauben gepresst und anschließend kühl vergoren. Ziel war ein frischer, fruchtbetonter Wein mit moderater Restsüße. Gleichzeitig sollte die für Cabernet Cortis typische Paprikanote möglichst zurückhaltend bleiben. Das Ergebnis überzeugte sowohl den Betrieb als auch erste Gastronomen, die den Wein als vielseitigen Speisenbegleiter einschätzen.

Der Blanc de Noir zeigt exemplarisch, wie Bönsch arbeitet: Neue Ideen werden zunächst im kleinen Maßstab getestet, bevor größere Mengen produziert werden. Dabei spielt der Austausch mit anderen Winzern der Region eine wichtige Rolle. Die junge Weinbauszene in Brandenburg profitiert von kurzen Wegen und enger Zusammenarbeit. Gleichzeitig plädiert Bönsch dafür, pilzwiderstandsfähige Rebsorten stärker sichtbar zu machen. Viele dieser Sorten verschwinden hinter Fantasienamen oder Cuvées, obwohl sie zunehmend hochwertige Weine hervorbringen. Gerade Rebsorten wie Souvignier Gris oder Cabernet Cortis könnten nach seiner Überzeugung stärker in den Fokus rücken und dazu beitragen, den Weinbau in Brandenburg nachhaltig und zukunftsfähig weiterzuentwickeln.

Ulrich van Stipriaan
Artikel von

Ulrich van Stipriaan

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