Neulich konnte ich mal wieder das Leben in vollen Zügen genießen. Wie das halt so ist, wenn die Bahn den ICE im schönen Bahnhof von Fulda eine Stunde vor sich hin stehen und die Leute aus dem hinteren Teil umsteigen lässt in den vorderen, weil – ach so: keine Begründung, die Lautsprecheranlage funktionierte (auch) nicht. Vielleicht hätte man die Zeit nutzen sollen, um im Bordbistro das neue Angebot der Bahn durchprobieren sollen: einen Sekt und drei Weine (zwei weiß, einer rot). Vielleicht sogar vor Ort gleich mit dem bis dato unbekannten Fahrgast gegenüber einen Podcast aufnehmen, live und emotional, situationsbedingt. Aber froh über die Gnade eines eigenen Sitzplatzes blieb ich auf selbigem und vertagte die Probe auf später – das Deutsche Weininstitut (DWI), das der Bahn bei der Wahl der Weine beratend zur Seite stand, hatte mir die vier kleinen Flaschen ja nach Hause geschickt. So waren sie auf jeden Fall korrekt temperiert und bildeten im kühlen Podcast Studio Rdbl. (kein planmäßiger ICE-Halt) die Grundlage des ersten Teils der Folge 178 von „Auf ein Glas“. Im zweiten Teil gab’s dann zwiefach eine „Routine neu berechnet“ – dazu weiter unten dann mehr.
Wir probieren aus kleinen Flaschen
Den Auftakt unserer Probe macht der Riesling Sekt brut von Schloss Affaltrach aus Württemberg. Matthias überlegt, ob man den sabrieren kann – aber da ist der Schraubverschluss vor! Die sensorische Bewertung fällt hingegen positiv aus: sauber gemacht, cremig, unkompliziert und genau auf den Einsatz zugeschnitten. Wir finden, dass der Sekt gut gekühlt deutlich gewinnt und für den Bordbistropreis von rund neun Euro ein solides Angebot darstellt. Vielleicht kein Wunder, denn Württemberg kann auf eine lange Schaumweintradition zurückblicken – eine Facette der Region, die außerhalb des Südwestens häufig unterschätzt wird.
Anschließend geht es um den Riesling trocken vom Weingut Peter Stolleis aus der Pfalz. Durchaus bewusst auch massenkompatibel gemacht – aber ein Bordbistrowein muss selbstverständlich andere Anforderungen erfüllen als ein Spitzengewächs für den ambitionierten Weinfan. Wenn ein Wein mehreren hunderttausend Reisenden gefallen soll, muss er eben zuverlässig funktionieren. So gesehen ist die Auswahl richtig: charaktervoll genug, aber ohne anzuecken. Ein Wein wie ein kraftvoller Riesling von van Volxem hätte im Bordbistro vermutlich weniger Erfolg.
Die Deutsche Bahn erreicht mit ihren Bordgastronomie-Angeboten potenziell rund 134 Millionen Fahrgäste im Jahr; etwa eine Million Flaschen Wein und Sekt werden verkauft. Für die beteiligten Weingüter bedeutet das zwar keine Goldgrube, wohl aber eine enorme Sichtbarkeit. Der eigene Name fährt buchstäblich durch ganz Deutschland. Matthias rechnet überschlagsmäßig vom Bordbistro-Preis (wir rundeten den auf neun Euro) runter und bemerkte lakonisch, dass nach Abzug von Mehrwertsteuer, Logistik, Preisen für Kleinflaschen, Etiketten und Verpackung wirtschaftlich zwar weniger übrig bleibe als viele vermuten, die Präsenz für die Weingüter aber natürlich ausgesprochen attraktiv ist.
Mit dem Grauburgunder von Keth aus Rheinhessen zeigt sich deutlich, wie unterschiedlich die Geschmäcker sind. Während wir eher zum Riesling greifen würden, ist der Grauburgunder mit rund 400.000 verkauften Flaschen im Bordbistro der Renner. Das wundert uns nicht, zählt doch Grauburgunder seit Jahren zu den beliebtesten Rebsorten Deutschlands und ist deshalb auch im Bordbistro die naheliegendere Wahl ist. Wir fanden den Wein leicht, zugänglich und unprätentiös – also genau so, wie ihn die Reisenden gerne haben.


