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Fotoausstellung im Beyer-Bau: Ingenieurbaukunst mit dem Blick des Künstlers

Ausstellung Foto
Cengiz Dicleli vor einem seiner Fotos im Beyer-Bau der TU Dresden (Bild: Ulrich van Stipriaan)
Im Beyer-Bau der TU Dresden zeigt Cengiz Dicleli rund 40 Schwarzweißfotos zur Ingenieurbaukunst – mit Fokus auf Ulrich Finsterwalder.

Grob geschätzt gibt es in Deutschland 130.000 Brücken – und da sind die vielen kleinen Stege über Weidigt-, Leubnitz- oder Kaitzbach (und wie sie alle heißen) noch gar nicht mitgezählt. In der Regel machen wir uns ja keinerlei Gedanken über diese Brücken, nehmen allenfalls achselzuckend hin, dass (mal wieder) eine zu marode für den laufenden Schwerverkehr ist. Natürlich ist das Entsetzen immer groß – wie war noch mal der Stand der Überlegungen zu einem Ersatz des Blauen Wunders vor dem dann für alle plötzlichen Ende? Über Fragen wie diese könnte man stundenlang diskutieren. Im Beyer-Bau der TU Dresden, der bis 1953 schlicht „Bauingenieurgebäude“ genannt wurde, weil eben dort schon seit 1913 Bauingenieure forschen und lehren, wird seit diesem Wochenende in einer Fotoausstellung aber ein ganz anderer Aspekt des Brückenbaus gewürdigt: Cengiz Dicleli, selbst Bauingenieur und – in seinen eigenen Worten – „Amateurfotograf mit leicht künstlerischen Ambitionen“ – würdigt mit rund 40 großformatigen Schwarzweißbildern bedeutende Ingenieurpersönlichkeiten.

Cengiz Dicleli ist in Istanbul geboren und hat dort an der deutschen Schule auch sein Abitur abgelegt. Anschließend kam er als Stipendiat nach Deutschland und studierte in Berlin Bauingenieurwesen. Das Fach „Baugeschichte“ oder „Geschichte des Ingenieurbaus“ gab es dort – so wie in den meisten Hochschulen in Deutschland – nicht. Ein Fehler, findet Dicleli: „Bauingenieure werden in Deutschland immer nur als geschichtsblinde Fachleute ausgebildet, obwohl dieses Fach inzwischen in den Rahmenprüfungsordnungen vorgeschrieben ist“, sagte er bei seiner Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung.

Besonders angetan hat es Cengiz Dicleli der Bauingenieur Ulrich Finsterwalder. „Es gibt kaum einen Bauingenieur, auf den der Ausdruck genial so sehr zutrifft“, hat Dicleli schon vor zehn Jahren in einem Beitrag für das Dresdner Brückenbausymposium geschrieben. An dieser Stelle merkt man dann, dass nicht nur den Bauingenieuren ein wenig (oder gar viel) Baugeschichte im Bewusstsein fehlt – denn mal ganz ehrlich: wer denkt beim Wort Finsterwalder an das Genie, und wem fällt eher spontan das Finsterwalder Sängerfest ein? Eben. Bei Dresdner BauIngs ist das vielleicht anders, denn sie bekamen – außerhalb des engen Lehrplans – schon seit Jahren für ihre Ausarbeitungen über zumindest in der Ingenieurs-Bubble bekannte Größen Punkte aufs Lern-Konto gutgeschrieben.

Mut zum Fortschritt

Ein (vielleicht sogar: der) Förderer des Geschichts-Aspekts bei den Dresdner Bauingenieuren ist Manfred Curbach. Er ist jetzt Seniorprofessor, war davor jahrelang Direktor des Instituts für Massivbau. In seiner Einführungsrede zur Ausstellungseröffnung sprach er vom Mut in Beton. Mut, den es vor hundert Jahren brauchte, um Neues durchzusetzen – und offenbar ist das immer noch so. Bauleute in der Paxis, so der Eindruck, sind sehr konservativ im Denken und Handeln. Aber die Erkenntnisse der Forschung brechen das: Das Eingangstor zum Campus mit dem auffälligen Turm fürs Observatorium plante der Architekt Martin Dülfer mit einer damals neuen Technologie. Bis zur Wende ins 20. Jahrhundert baute man nämlich in der Regel Stein auf Stein und Holzbalken an Holzbalken. Von außen sah (und sieht) der Beyer-Bau genau so aus – aber seine inneren Werte spiegelten die damalige Revolution im Bauwesen wider: Eisenbeton. Manfred Curbach fasste die Gedanken damaliger Bedenkenträger so zusammen: „Stein auf Stein, das verstand jeder. Aber dass ein grauer Brei in einer Holzkiste plötzlich enorme Lasten tragen sollte? Das wirkte auf manchen wie Zauberei. Oder wie Scharlatanerie.“ So zu planen, so zu bauen: das habe Mut erfordert, schlussfolgerte Curbach.

Ohne Mut bleiben selbst große Bauten offensichtlich unspektakulär. Oder andersherum: Was Ulrich Finsterwalder besonders auszeichne, sei „seine Auffassung von Theorie und Praxis als konsequente Einheit“, schrieb Dicleli vor zehn Jahren den Gästen des Brückenbausymposiums ins Stammbuch. „Gepaart mit Innovationskraft und Mut zum Wagnis hat ihm diese Haltung ermöglicht, zusammen mit seiner Firma (Dyckerhoff & Widmann) nicht nur zwei Weltkriege und eine Weltwirtschaftskrise zu überstehen, sondern auch Jahrzehnte lang eine internationale Spitzenposition beim konstruktiven Ingenieurbau zu behaupten.“


Manfred Curbach (Bild: Ulrich van Stipriaan)

Nicht nur frühere Generationen brauchten gelegentlich Mut, nicht nur sie hatten – pardon – verrückte Ideen. Der maßgeblich in Dresden und hier bei den Bauingenieuren von Manfred Curbach vorangetrieben Idee dessen, was heute als Carbonbeton zum Beispiel bei der Sanierung des Beyer-Baus das statisch wie optisch wichtige Tüpfelchen auf dem i war, ging es in den Anfangsjahren der Forschung nicht anders. Damals sprach man noch von Textilbeton – und die Assoziation war bei den Skeptikern mehr olle Plünnen als technische Hochleistungs-Materialien. Bedenkenträgern auch im eigenen Haus sind bei der Sanierung der teils nur acht Zentimeter dicken Decken der Eisenbetonkonstruktion mit Carbonbeton ein paar Argumente abhanden gekommen: Unter die Decken kamen extrem dünne Schichten aus Beton, bewehrt mit Gelegen aus Carbonfasern. Zwei Effekte betonte Curbach bei der Eröffnung: „Das Erscheinungsbild blieb fast unverändert, die Tragfähigkeit aber stieg!“ Die rhetorische Frage, ob dafür heute wieder Mut nötig war, wollte er nicht beantworten – „da bin ich befangen“.

Mit Beharrlichkeit ans Ziel

Dass die Fotografien nun dauerhaft im Beyer-Bau zu sehen sind, ist wohl auch der kleinen Schwester vom Mut zu verdanken: der Beharrlichkeit bei der Durchsetzung vernünftiger Ideen. Denn der frisch sanierte Bayer-Bau hat für einen Ort der Forschung und Lehre – also einem Ort, an dem gearbeitet wird – nicht nur Carbonbeton bekommen, sondern auch strenge Regeln: keine Nägel! Wer sich Notizen oder gar ein Bild an der Wand wünscht, ist mit einem Beamer gut bedient, der macht das durch die Luft. Und nun gleich diese 40 (und einige weitere zum Gebäude und der Ahnengalerie) Fotos! Man ahnt, wie viel Kraft und Ausdauer die beiden Kuratoren (neben Manfred Curbach auch die Dekanin Birgit Beckmann) in das Projekt hineingesteckt haben.


Cengiz Cicleli vor drei seiner Fotos – alle im Adlerhof Berlin aufgenommen (Bild: Ulrich van Stipriaan)

Doch es hat sich gelohnt. Cengiz Dicleli hat nämlich ein sehr gutes Fotografen-Auge. Und er nimmt sich die Zeit, seine Bilder behutsam zu bearbeiten. So hat er sich entschieden,  dass für eine prägnante Darstellung von Sichtbetonbauwerken die Schwarz-Weiß-Fotografie am besten geeignet ist. Er hat auch retuschiert – beispielsweise störende Verkehrsschilder entfernt, manchmal auch Menschen. Darf man das? Man darf das, denn diese Bilder sind eben doch mehr als unbedarft geknipste Amateurfotografien. Da muss man Manfred Curbach zustimmen, es sind „Werke der Ingenierbaukunst, aufgenommen mit dem Blick des Künstlers“.

Die Aufnahmen sind in exzellenter Qualität entwickelt – wie gut, dass es noch Fachlabore gibt, die sich auch auf die Zwischentöne im Graubereich verstehen. Die einheitliche Beschriftung ist knapp, aber ausreichend: Wo steht das Motiv, wer sind die Menschen dahinter, wann ist es entstanden. Schade nur, dass irgendwann im zweiten Stock die Beschriftung ganz weggefallen ist – aber mit Ausstellungseröffnungen ist es wahrscheinlich so wie mit Weihnachten: der Termin steht, aber dann geht plötzlich doch alles ganz schnell…

Brücken und mehr. Bauten von Finsterwalder & Co.
Ingenieurbaukunst, fotografiert von Cengiz Dicleli
Beyer-Bau, 1. und 2. Obergeschoss
George-Bähr-Str. 1, 01069 Dresden