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Winzige Roboter lernen schwimmen

Millionen Mal kleiner als sichtbar: Dr. Diptabrata Paul steuert das Experiment, in dem winzige Partikel das Schwimmen lernen – ganz ohne Sensoren.
Dr. Diptabrata Paul justiert den Versuchsaufbau, mit dem Mikroschwimmer in Strömungen trainiert werden – Physik und Künstliche Intelligenz auf kleinstem Raum. © Frank Cichos
Von: Wissensland
Winzige Roboter, die ohne Sensoren durch den Körper navigieren und Medikamente gezielt ans Ziel bringen. Forschende der Universität Leipzig haben gezeigt, dass das möglich ist. Ihre Mikroschwimmer lernen aus der eigenen Bewegung. Ein wichtiger Schritt für die Medizin von morgen.

Ein Medikament, das genau dort ankommt, wo es gebraucht wird. Kein Umweg durch den ganzen Körper, keine Nebenwirkungen anderswo. Forschende der Universität Leipzig sind diesem Ziel nun einen wichtigen Schritt nähergekommen.

Ihnen ist etwas gelungen, das es bislang nicht gab: Winzige künstliche Teilchen, sogenannte Mikroschwimmer, navigieren selbstständig durch wechselnde Flüssigkeitsströmungen. Und das ganz ohne klassische Sensoren. Stattdessen nutzt ein Algorithmus die Bewegung der Teilchen selbst als Informationsquelle. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Science Advances veröffentlicht.

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Der Körper als Kompass

Die Mikroschwimmer sind etwa einen Mikrometer groß und damit tausendmal kleiner als ein Millimeter. Sie bestehen aus winzigen Kunststoffkügelchen, die mit Goldnanopartikeln beschichtet sind. Ein Laser heizt sie ungleichmäßig auf und setzt sie so in Bewegung.

Das Besondere ist ihr Lernprozess. Die Partikel werden mit Reinforcement Learning trainiert, einem Verfahren der Künstlichen Intelligenz, das auf Lernen durch Belohnung und Feedback basiert. Der Algorithmus beobachtet ihre Bewegung und passt das Verhalten schrittweise an. Nach rund 50 Trainingsrunden können die Teilchen Strömungen bewältigen, die viermal stärker sind als ihre eigene Antriebskraft.

"Die Experimente selbst waren ziemlich anspruchsvoll", sagt Dr. Diptabrata Paul vom Peter-Debye-Institut für Physik der Weichen Materie der Universität Leipzig. "Wir mussten eine stabile Echtzeitsteuerung erreichen und gleichzeitig den Lernalgorithmus trainieren – im Wesentlichen haben wir den Mikroschwimmern während der Navigation beigebracht, wie sie sich verhalten müssen."

Intelligenz ohne Elektronik

Der zentrale Gedanke der Arbeit wird von den Forschenden "verkörperte Intelligenz" genannt. Statt Sensoren zu nutzen, dient die Bewegung der Teilchen selbst als Informationsquelle. Jede Abweichung vom Kurs verrät etwas über die Strömung – der Körper wird zum Sensor. "Dies unterscheidet sich grundlegend von unserer üblichen Vorstellung von Roboterdesign", erklärt Paul. Statt Strömungen mit Sensoren zu messen und anschließend Reaktionen zu berechnen, nutzen die Forschenden die physikalische Wechselwirkung zwischen dem Teilchen und seiner Umgebung selbst als Informationsquelle.

Das Prinzip orientiert sich an der Natur. Bewegliche Mikroorganismen nutzen ihre Körperform seit Millionen Jahren, um sich in Flüssigkeiten zu orientieren. Die Leipziger Forschenden zeigen nun, dass maschinelles Lernen ähnliche Strategien auch in künstlichen Systemen entdecken kann – und das innerhalb experimentell realisierbarer Zeiträume.

Die Forschung könnte langfristig neue Anwendungen ermöglichen. Zum Beispiel die gezielte Verabreichung von Medikamenten im Körper. Dort sind Strömungen komplex und schwer vorhersehbar. Lernfähige Mikroroboter könnten sich künftig autonom darin bewegen. "Wir stehen wirklich erst am Anfang", sagt Paul. Die nächste Herausforderung sei es, das Prinzip auf komplexere Umgebungen und Aufgaben zu übertragen.

Publikation:
Diptabrata Paul et al. ,Physical embodiment enables information processing beyond explicit flow sensing in active matter.Sci. Adv.12,eaec0783(2026).

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