Logo Die Sachsen News
Nachrichten / Wissensland

Sternenstaub im antarktischen Eis

Kosmische Reise: Das Sonnensystem durchquert die Lokale Interstellare Wolke – ihre Spur ist im Eis der Antarktis eingefroren.
Der Weg unseres Sonnensystems durch die Lokale Interstellare Wolke – sein Profil steckt als kosmischer Fingerabdruck im antarktischen Eis. © B. Schröder/HZDR/ NASA/Goddard/Adler/U.Chicago/Wesleyan
Von: Wissensland
Uraltes Eis der Antarktis verrät Spuren einer längst vergangenen Sternexplosion: Dresdner Forschende haben darin das seltene radioaktive Isotop Eisen-60 nachgewiesen. Der Fund zeigt, dass die Erde seit Tausenden von Jahren Material aus dem interstellaren Raum aufnimmt. Er liefert neue Hinweise auf die Geschichte unserer kosmischen Nachbarschaft.

Jedes Jahr fällt ein bisschen Weltall auf die Erde. Nicht als sichtbarer Meteorit, sondern als winzige Teilchen und einzelne Atome aus fernen Sternexplosionen, die durch den Weltraum treiben. Ein internationales Forschungsteam unter Leitung des Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) hat nun im uralten Eis der Antarktis genau solches Material gefunden und dessen Ursprung genauer bestimmt. Die Ergebnisse erschienen in der Fachzeitschrift Physical Review Letters.

Was die Forschenden suchten, heißt Eisen-60. Das ist eine seltene radioaktive Form des Eisens, die auf der Erde kaum natürlich vorkommt. Sie entsteht im Inneren massereicher Sterne und wird bei deren Explosion, einer sogenannten Supernova, ins All geschleudert. Auf der Erde lässt sich Eisen-60 deshalb nur nachweisen, wenn es aus dem Weltraum zu uns gelangt ist.

Mehr aus dieser Kategorie

Eine Wolke aus Gas und Staub

Unser Sonnensystem bewegt sich derzeit durch die sogenannte Lokale Interstellare Wolke. Das ist eine riesige Region aus extrem dünn verteiltem Gas und Staub zwischen den Sternen. Vor mehreren Zehntausend Jahren trat das Sonnensystem in diese Wolke ein, in einigen Tausend Jahren wird es sie wieder verlassen. Aktuell befinden wir uns an ihrem Rand.

Die entscheidende Frage lautete: Enthält diese Wolke Eisen-60 aus einer alten Sternexplosion – und erreicht dieses Material bis heute die Erde? "Unsere Idee war, dass die Lokale Interstellare Wolke Eisen-60 enthält und über längere Zeiträume bis heute speichern kann. Belegen konnten wir das damals allerdings nicht", sagt Dominik Koll vom HZDR-Institut für Ionenstrahlphysik und Materialforschung. Jetzt konnte das Team diesen Zusammenhang deutlich genauer untersuchen. Die Analyse eines Eisbohrkerns aus dem Europäischen Eisbohrprojekt EPICA, bereitgestellt vom Alfred-Wegener-Institut (AWI), lieferte den entscheidenden Hinweis. Das Eis ist zwischen 40.000 und 80.000 Jahre alt und enthielt weniger Eisen-60 als jüngere Proben.

Das deutet darauf hin, dass sich die Menge des kosmischen Materials innerhalb der Wolke verändert oder das Sonnensystem zuvor eine andere Region des interstellaren Raums durchquerte. Die Studie liefert damit erstmals starke Hinweise darauf, dass die Erde bis heute kontinuierlich Material aus ihrer galaktischen Umgebung aufnimmt. Gleichzeitig hilft sie Forschenden dabei, die Entstehungsgeschichte der Lokalen Interstellaren Wolke und früherer Sternexplosionen in unserer kosmischen Nachbarschaft besser zu verstehen.

Eine Nadel in 50.000 Fußballstadien

Der Nachweis war eine technische Meisterleistung. Das Team transportierte rund 300 Kilogramm Eis vom AWI in Bremerhaven nach Dresden und bereitete es dort chemisch auf. Am Ende blieben nur wenige hundert Milligramm Staub übrig. Die eigentliche Messung erfolgte an der HIAF-Anlage der Australian National University. Sie ist derzeit weltweit die einzige Einrichtung, die derart geringe Mengen an Eisen-60 nachweisen kann. "Das ist, als würde man eine Nadel in 50.000 Fußballstadien suchen, die bis zur Decke mit Heu gefüllt sind. Die Maschine findet die Nadel in einer Stunde", erklärt Annabel Rolofs von der Universität Bonn.

Die Ergebnisse sprechen dafür, dass die Umgebung unseres Sonnensystems tatsächlich Spuren alter Sternexplosionen enthält. "Das bedeutet, dass die Wolken um das Sonnensystem herum mit einer Sternexplosion zusammenhängen. Und das gibt uns das erste Mal die Möglichkeit, dem Ursprung dieser Wolken auf den Grund zu gehen", sagt Koll. Die Forschenden planen bereits den nächsten Schritt. Sie wollen noch ältere Eiskerne analysieren. Aus der Zeit, bevor das Sonnensystem in die Lokale Interstellare Wolke eintrat.


Originalpublikation:
D. Koll, A. Rolofs, F. Adolphi, S. Fichter, M. Hoerhold, J. Lachner, S. Pavetich, G. Rugel, S. Tims, F. Wilhelms, S. Zwickel, A. Wallner: Local Interstellar Cloud Structure Imprinted in Antarctic Ice by Supernova 60Fe, Physical Review Letters, 2026.

Wissensland
Artikel von

Wissensland

Wissensland ist für die Inhalte selbst verantwortlich. Es gilt der Kodex der Plattform. Die Plattform prüft und behandelt Inhalte gemäß den gesetzlichen Vorgaben, insbesondere nach dem NetzDG.

METIS