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50 Jahre Grünau: Langzeitstudie zeigt gespaltene Stimmung

Grüne Oase mitten im Plattenbau: Im Kolonnadengarten treffen sich Nachbarn zum Gärtnern und zu kulturellen Veranstaltungen.
Der Kolonnadengarten – seit 2008 Oase der Entspannung, Treffpunkt für kulturelle Veranstaltungen und Ort gärtnerischer Betätigung. © André Künzelmann/UFZ
Von: Wissensland
Der Leipziger Stadtteil Grünau feiert 50. Geburtstag. Doch wie geht es den Menschen dort wirklich? Eine Langzeitstudie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) zeigt: Zu Hause fühlen sich die Bewohner wohl, doch Müll, Unsicherheit und das Gefühl, vergessen zu werden, trüben das Bild.

Wenn Müll neben den Containern liegt oder sich Menschen im eigenen Viertel weniger sicher fühlen als früher, dann zeigt sich das auch in Umfragen. Genau das beobachten Forschende in Leipzig-Grünau. Vor 50 Jahren, am 1. Juni 1976, wurde in dem Leipziger Stadtteil der erste Grundstein gelegt. Damals war Grünau das zweitgrößte Plattenbaugebiet der DDR. ein begehrter Ort mit Zentralheizung, Kinderzimmern und viel Grün. Heute leben dort rund 48.000 Menschen. Und kaum ein Stadtteil in Ostdeutschland wurde sozialwissenschaftlich so lange begleitet wie Grünau.

Seit 1979 begleitet eine Langzeitstudie das Leben in der Großsiedlung, seit 2004 unter Leitung des Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). Für die aktuelle, inzwischen zwölfte Befragung „Grünau 2025" wurden fast 700 Fragebögen ausgewertet und Expertengespräche geführt. Das Ergebnis ist gespalten.

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Die Wohnung ist Trumpf

68 Prozent der Befragten fühlen sich in ihrer eigenen Wohnung sehr wohl. Das sind genauso viele wie vor zehn Jahren. "Sie wissen die Größe, Lage, Ausstattung und die günstigen Mieten zu schätzen", sagt Sigrun Kabisch, die die Studie seit 2004 leitet. Auch das Vertrauen unter Nachbarn ist stabil. Rund zwei Drittel der Bewohner würden mindestens einer Person im Haus ihren Wohnungsschlüssel anvertrauen. Für Forschende gilt das als ein besonders wichtiger Hinweis auf soziale Bindungen und Vertrauen im Wohnumfeld. Besonders eng sind die Nachbarschaften in genossenschaftlichen Wohnhäusern, wo viele Menschen seit Jahrzehnten wohnen.

Im öffentlichen Raum sieht es anders aus. Der Anteil der Menschen, die sich in Grünau rundherum wohlfühlen, ist von 74 Prozent im Jahr 2009 auf 49 Prozent im Jahr 2025 gesunken. Müll, Verschmutzung und Sicherheitsbedenken sind die häufigsten Gründe. Besonders ältere Menschen sind besorgt. "Gerade Ältere, die seit Jahrzehnten in Grünau wohnen, betrachten die Veränderungen der vergangenen Jahre mit Sorge", sagt Kabisch.

Ein Stadtteil als Spiegel der Gesellschaft

Der Stadtteil ist außerdem deutlich vielfältiger geworden. Der Anteil von Menschen mit Migrationsgeschichte stieg im Stadtbezirk Leipzig West von 10,8 Prozent im Jahr 2020 auf 25,4 Prozent im Jahr 2024. "Das nachbarschaftliche Zusammenleben ist hier nicht immer konfliktfrei", so Kabisch. Die Studie zeigt aber auch: Vor allem dort, wo Menschen wenig persönlichen Kontakt miteinander haben, entstehen Unsicherheiten und Vorbehalte. Jüngere Befragte beschreiben Grünau dagegen häufig als vielfältigen Stadtteil, in dem unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven aufeinandertreffen.

Nur noch 51 Prozent würden Grünau einem guten Freund als Wohnort empfehlen, 2020 waren es noch rund 60 Prozent. "Dies ist angesichts der starken Alterung der Grünauer Bewohnerschaft alarmierend", sagt Kabisch. Dabei hat der Stadtteil viel zu bieten: sanierte Wohnungen, ein breites Schulangebot und viele engagierte Menschen. "Der Stadtteil mit seinen unterschiedlichen Facetten ist ein Spiegelbild der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung", sagt die UFZ-Forscherin.


Originalpublikation:
"Grünau 2025“ – Ergebnisse der Bewohnerbefragung im Rahmen der Langzeitstudie "Wohnen und Leben in Leipzig-Grünau“

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