Extremwetterkongress 2026: Hitze, Wassermangel und wärmere Meere
Deutschland hat sich seit 1881 um 2,5 Grad erwärmt, etwa doppelt so stark wie der globale Durchschnitt. Der Sommer 2026 brachte einen neuen Temperaturrekord, historische Niedrigwasser und marine Hitzewellen in Nord- und Ostsee. Beim 16. Extremwetterkongress in Hamburg legten Deutscher Wetterdienst und Bundesbehörden dazu ihr neues Faktenpapier vor. Es erfasst erstmals auch Flüsse, Grundwasser und Meere.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Sommer 2026 war in Deutschland mit 22 Heißen Tagen im Flächenmittel beispiellos seit Beginn vergleichbarer Auswertungen 1881. An mehr als 95 Prozent der DWD-Stationen fielen Tages- oder Monatsrekorde.
- Deutschland stehen im Mittel rund 17 Milliarden Kubikmeter weniger erneuerbares Wasser zur Verfügung als 1961–1990. Knapp wird es vor allem im Sommer.
- Der Meeresspiegel an Nord- und Ostsee liegt mehr als 20 Zentimeter über dem Stand von 1900, und der Anstieg beschleunigt sich.
- Bei Starkregen, Wind und Tornados finden die Fachleute für Deutschland keinen belastbaren Trend.
- Die Teilnehmenden fordern in ihrer Abschlusserklärung mehr Klimaschutz und eine schnellere Klimaanpassung.
Ein Sommer, der die Messreihen verschiebt
Vom 23. bis 25. September 2026 trafen sich an der HafenCity Universität Hamburg Fachleute aus Meteorologie, Klimaforschung, Stadtplanung und Medizin. Der 16. Extremwetterkongress fand gemeinsam mit der 3. Deutschen KlimaManagementTagung statt, der Veranstalter erwartete fast 1.000 Teilnehmende. Im Mittelpunkt stand das Faktenpapier „Was wir über das Extremwetter in Deutschland wissen“. Herausgeber sind der Deutsche Wetterdienst (DWD) und der Extremwetterkongress. Beiträge kamen von der Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG), der Bundesanstalt für Wasserbau (BAW) und dem Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH).
Die Temperaturbilanz ist eindeutig. Seit Beginn flächendeckender Messungen 1881 ist die Mitteltemperatur in Deutschland um 2,5 Grad gestiegen, weltweit sind es 1,43 Grad. Die Erwärmung hat sich beschleunigt: Über den gesamten Zeitraum betrug sie 0,13 Grad pro Jahrzehnt, seit 1971 sind es 0,41 Grad. Die Zahl der Heißen Tage mit mindestens 30 Grad hat sich seit den 1950er-Jahren von etwa vier auf zwölf pro Jahr verdreifacht.
Der Sommer 2026 übertraf diese Werte deutlich. Eine erste Hitzewelle setzte Mitte Juni ein. Am 27. Juni erreichte sie in Möckern-Drewitz 41,8 Grad, einen neuen Allzeitrekord für Deutschland. An jenem Wochenende wurden an 54 Stationen insgesamt 75-mal 40 Grad oder mehr gemessen. Im gesamten Zeitraum von 1983 bis 2020 war das nur 40-mal vorgekommen. Das Robert Koch-Institut beziffert die hitzebedingte Übersterblichkeit des Sommers auf mehr als 16.000 Todesfälle, davon rund 9.600 allein in der Woche vom 22. bis 28. Juni.
„Es ist gut möglich, dass wir in 30 Jahren zurückblicken und feststellen, dass der Sommer 2026 trotz seiner rekordverdächtigen Temperaturen noch einer der kühleren war.“
Schwerpunkt Wasser: Knapp wird es im Sommer
Neu im Faktenpapier ist der Blick auf die Hydrosphäre. Von März bis Ende August 2026 fiel deutschlandweit etwa 30 Prozent weniger Niederschlag als üblich. Südlich einer Linie von Koblenz bis Hof fehlte die Hälfte und mehr.
Das im Juli 2026 freigeschaltete Niedrigwasserinformationssystem NIWIS zeigte am 11. September eine angespannte Lage. An gut einem Viertel der erfassten Fließgewässerpegel lag der Abfluss im „extrem niedrigen“ Bereich, also unter dem 1. Perzentil der Jahre 1991–2020. Beim Grundwasser traf das auf knapp ein Viertel der Messstellen zu. Viele Pegel erreichten die niedrigsten Werte seit Beginn der Aufzeichnungen.
Niedrigwasser kommt heute im Sommer
Niedrigwasser selbst ist nicht neu. Neu ist, wann es auftritt. Am Rheinpegel Kaub, dem Richtpegel für den Mittelrhein, entstand Niedrigwasser früher vor allem im Winter, wenn Wasser als Eis und Schnee gebunden war. Heute tritt es im Sommer und Herbst auf und setzt jedes Jahr etwas früher ein. Die Fachleute führen das auf klimabedingte Verschiebungen zurück: geringere Schneerücklagen, schwindende Gletscher und höhere Verdunstung.
Die Folgen reichen bis in die Wirtschaft. In den Niedrigwasserphasen 2022 und 2026 sank die Zahl der Schiffe auf dem Mittelrhein um 15 bis 35 Prozent. Die transportierte Gütermenge brach um 50 bis 75 Prozent ein, weil die Schiffe nur teilbeladen fahren konnten.
Rekordtemperatur im Rhein
Auch die Wassertemperatur des Rheins erreichte einen Rekord. Am 28. Juni lag das Tagesmittel in Koblenz bei 29,0 Grad, der bisherige Höchstwert von 2006 lag bei 28,2 Grad. An 41 Tagen lag das Tagesmittel über 25 Grad, ab diesem Wert gelten Schäden für das Ökosystem als wahrscheinlich. Das ist mehr als in jedem Jahr seit Messbeginn 1978. Die Wärmeeinleitungen aus Kraftwerken sind seit 2011 stark zurückgegangen, die Erwärmung kommt also nicht aus dieser Quelle.
Die Wasserbilanz: rückläufig, aber nicht linear
Im Mittel 1991–2020 standen Deutschland jährlich 176 Milliarden Kubikmeter erneuerbares Wasser zur Verfügung, im Zeitraum 1961–1990 waren es 188 Milliarden. Elf der letzten 15 Jahre lagen unter dem Mittel, 2025 mit weniger als 100 Milliarden Kubikmetern am tiefsten. Die Entwicklung verläuft aber nicht linear: 2024 brachte in mehreren Regionen Hochwasser. Projektionen zufolge ändert sich der mittlere Jahresabfluss an vielen Pegeln nur moderat, weil höhere Abflüsse im Winter die Verluste im Sommer weitgehend ausgleichen. In der Wasserwirtschaft wird deshalb diskutiert, mehr Winterwasser für den Sommer zu speichern.
Mit der Trockenheit stieg auch die Waldbrandgefahr. Bis Ende August 2026 zählte der DWD im bundesweiten Stationsmittel 30 Tage mit hoher Waldbrandgefahr. Zum Vergleich: Im Mittel der Jahre 1991–2020 waren es rund zehn Tage pro Jahr.
Nord- und Ostsee: wärmer, höher, weniger Eis
Die Nordsee erreichte 2025 mit 11,6 Grad im Jahresmittel einen neuen Rekord. Seit 1969 hat sie sich um 1,4 Grad erwärmt, die flachere Ostsee seit 1990 sogar um 2,0 Grad. An der Messstation Helgoland zählte das BSH bis Ende August 2026 insgesamt 66 Tage mit marinen Hitzewellen. Am 1. Juli lag die Wassertemperatur dort fast vier Grad über dem langjährigen Mittel für diesen Tag. Wärmere Meere belasten die Ökosysteme: Manche Arten verlieren Lebensraum, gebietsfremde Arten breiten sich aus, Algenblüten und Sauerstoffmangel nehmen zu.
Der Meeresspiegel an Nord- und Ostsee liegt heute mehr als 20 Zentimeter höher als 1900, am Pegel Cuxhaven sind es mehr als 25 Zentimeter. Ein kleiner Teil davon geht auf die nacheiszeitliche Absenkung der Küste zurück. Mit dem mittleren Meeresspiegel steigt auch das Ausgangsniveau für Sturmfluten. Modellrechnungen für die Elbe zeigen, dass sich ein Meeresspiegelanstieg bis etwa Hamburg-St. Pauli nahezu eins zu eins auf die Sturmflutwasserstände überträgt. Für ein Szenario mit hohen Emissionen nennt der Weltklimarat einen globalen Anstieg von 63 bis 101 Zentimetern bis 2100.
Der Winter 2025/26 brachte den stärksten Eiswinter an der deutschen Küste seit 15 Jahren. Im langjährigen Vergleich war er dennoch nur mäßig. Sehr starke Eiswinter wie noch Mitte des 20. Jahrhunderts gab es seit 1996 nicht mehr.
Wo die Daten keinen Trend zeigen
Das Faktenpapier benennt auch, was sich nicht belegen lässt. Bei Starkregen zeigen Messungen vielerorts eine Tendenz zur Zunahme, sie ist aber häufig statistisch nicht signifikant. Die Zahl der Tage mit mindestens 20 Millimetern Niederschlag hat sich seit 1951 kaum verändert. Radardaten liegen erst seit 2001 vor, für belastbare Trendaussagen ist die Reihe zu kurz.
Auch beim Wind findet der DWD keinen signifikanten Trend. Die Zahl der Tage mit Spitzenböen der Stärke 11 und 12 ist seit 1980 sogar leicht zurückgegangen. Für Tornados gibt es keine Hinweise auf eine Zunahme durch den Klimawandel, weder bei der Anzahl noch bei der Stärke. Im Mittel treten in Deutschland etwa 49 Tornados pro Jahr auf.
| Phänomen | Befund für Deutschland |
|---|---|
| Hitzewellen | Zunahme zweifelsfrei, Folge der globalen Erwärmung |
| Trockenphasen | Häufigkeit gestiegen |
| Niedrigwasser | Häufung, nur mit klimabedingten Änderungen erklärbar |
| Wasserressource | Rückläufig, mit starken Schwankungen |
| Meeresspiegel | Steigt zunehmend schneller |
| Starkregen | Tendenz zur Zunahme, aber kein belastbarer Trend |
| Wind und Sturm | Keine eindeutige Veränderung |
| Tornados | Keine Hinweise auf eine Zunahme |
Die Autorinnen und Autoren fassen es so zusammen: Bei den Temperaturen sei die Entwicklung eindeutig und wissenschaftlich abgesichert. Bei Niederschlag, Wind und Gewässerkennwerten seien die Aussagen differenzierter.
Der globale Rahmen
Nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) war der August 2026 weltweit der wärmste seit Beginn der Messungen. Vom 9. August bis 7. September lag die globale Tagesmitteltemperatur 30 Tage in Folge über allen bisherigen Höchstwerten. Die Ozeane nehmen rund 89 Prozent der zusätzlichen Energie im Klimasystem auf, ihre Oberflächentemperatur erreichte Anfang September einen neuen Höchstwert für die Jahreszeit.
In der Arktis war der Eisrückgang bis Ende August nach Angaben des Alfred-Wegener-Instituts eher moderat, die Eisausdehnung lag auf Platz 13 der niedrigsten Augustwerte seit 1979. Auffällig war jedoch eine Zweiteilung: kompaktes Eis im Westen, lose Schollen im Osten. In der Antarktis stagnierte die winterliche Eisausdehnung auf dem drittniedrigsten Niveau, fast eine Million Quadratkilometer unter dem langjährigen Trend.
Der auf dem Kongress vorgestellte WeltRisikoBericht 2026 untersucht das Sturmrisiko in 193 Staaten. Das höchste Risiko tragen die Philippinen, Mexiko und Madagaskar. Stürme werden nach Einschätzung der Autorinnen durch den Klimawandel nicht häufiger, aber intensiver, und ihre Zugbahnen verschieben sich. Der Bericht betont, dass nicht allein die Windstärke über das Ausmaß einer Katastrophe entscheidet, sondern die Vorsorge. Als Beispiel nennt er Hurrikan Matthew 2016: In Haiti starben mehr als 500 Menschen, im ähnlich stark getroffenen Kuba kein einziger direkt.
Was Extremwetter kostet
Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), bezifferte die volkswirtschaftlichen Schäden des Sommers 2026 unter Verweis auf eine aktuelle Studie auf 36 bis 42 Milliarden Euro. Das entspricht 0,8 bis 0,9 Prozent der Wirtschaftsleistung. Nach Berechnungen des DIW entstanden in Deutschland zwischen 2000 und 2021 mindestens 145 Milliarden Euro Klimaschäden. Für Klimaschutzmaßnahmen ermittelt das Institut ein Nutzen-Kosten-Verhältnis zwischen 1,8 und 4,8.
Eine auf dem Kongress vorgestellte Studie des Immobiliendienstleisters JLL beleuchtet die kommunale Ebene. Befragt wurden 87 institutionelle Investoren und 20 kommunale Klimamanager aus 17 Großstädten. Alle befragten Klimamanager stufen Hitze neben Starkregen als zentrale Bedrohung ihrer Stadt ein. Bei den Investoren nennen nur rund zwölf Prozent Hitze als ihr wichtigstes Einzelrisiko. Die Studie sieht das Problem weniger in fehlendem Wissen als in fehlender Zusammenarbeit zwischen Kommunen und Immobilienwirtschaft.
Die Abschlusserklärung
In ihrer Abschlusserklärung halten die Teilnehmenden fest, dass die 1,5-Grad-Grenze faktisch nicht mehr haltbar und im gleitenden Mittel erreicht sei. Sie fordern unter anderem:
- stärkeren Klimaschutz auf nationaler und internationaler Ebene,
- eine schnellere Klimaanpassung sowie mehr Katastrophen- und Bevölkerungsschutz,
- eine konsequente Energie- und Wärmewende,
- zügig genehmigte Großspeicher für Energie,
- einfachere Verfahren, wenn Kommunen Bundesmittel abrufen.
Einordnung
Der Extremwetterkongress 2026 hat vor allem gezeigt, wie sich Datenlage und Schwerpunkte verschieben. Bei Hitze ist der Befund inzwischen so gesichert, dass es kaum noch um die Frage nach dem Ob geht. Hinzu kommen Wasser und Meere, wo Folgen für Schifffahrt, Landwirtschaft und Küstenschutz bereits messbar sind. Gleichzeitig benennt das Faktenpapier offen, wo die Daten keine eindeutige Aussage zulassen. Das erhöht seine Glaubwürdigkeit.
Die offene Frage ist die Umsetzung. Viele Teile der Anpassung sind bekannt: Wasser im Winter speichern, Städte gegen Hitze schützen, Küsten sichern, Warnketten verbessern. In der JLL-Studie gaben Klimamanager an, dass es vor allem an Geld und Personal fehlt, Investoren klagten über lange Genehmigungszeiten. Nach Einschätzung der Fachleute auf dem Kongress wird das Tempo der Umsetzung darüber entscheiden, wie hart künftige Sommer Deutschland treffen.
Quellen
- Deutscher Wetterdienst / Extremwetterkongress (2026): Was wir über das Extremwetter in Deutschland wissen. Ausgabe 2026. Lizenz: CC BY 4.0
- Extremwetterkongress: Pressemitteilungen zur Eröffnung und zum Abschluss, 23.09.2026
- Abschlusserklärung des 16. ExtremWetterKongresses und der 3. Deutschen KlimaManagementTagung, Hamburg, 24.09.2026
- Bündnis Entwicklung Hilft / IFHV Ruhr-Universität Bochum: WeltRisikoBericht 2026, Zitate und Pressestatements
- Alle Dokumente: extremwetterkongress.org/presse