Weltraumbahnhof Dresden? Warum der Weg zum Mond plötzlich kürzer wird
Dresden. Vom Hauptbahnhof zum Mond? Martin Tajmar kann sich eine Zukunft vorstellen, in der der Zugang zum Weltraum ähnlich selbstverständlich wird wie heute eine Fernreise. Beim Forum Mobilität im Verkehrsmuseum Dresden beschrieb der Professor für Raumfahrtsysteme an der TU Dresden die Vorstellung, irgendwann online ein Ticket zu kaufen, zu einem „Weltraumbahnhof Dresden“ zu fahren und von dort ins All zu starten.
Noch ist das eine Utopie. Tajmar bezeichnete seine Überlegungen selbst ausdrücklich als Zukunftsvorstellung. Doch ausgerechnet in dieser Woche hat die kommerzielle Raumfahrt einen weiteren Schritt gemacht: SpaceX brachte sein Starship am 28. September 2026 erstmals regulär in den Orbit und setzte 26 Starlink-V3-Satelliten aus. Es war der 14. Testflug des Systems und die erste kommerzielle Nutzlast einer Starship-Mission. Ein Triebwerksproblem sorgte allerdings dafür, dass der Flug früher als vorgesehen beendet wurde.
SpaceX macht aus Science-Fiction ein Industrieprojekt
Das SpaceX-Starship ist für die weitere Entwicklung der bemannten Raumfahrt besonders wichtig. Die NASA arbeitet mit SpaceX an einer Mondversion des Raumschiffs. Starship soll bei künftigen Artemis-Missionen Astronauten von der Mondumlaufbahn zur Oberfläche und wieder zurückbringen.
Die bisherigen Zeitpläne mussten allerdings verändert werden. Nach der aktuellen NASA-Planung soll Artemis III 2027 zunächst in einer erdnahen Umlaufbahn das Andocken an kommerzielle Mondlandesysteme testen. Die erste bemannte Landung am lunaren Südpol ist für Artemis IV im Jahr 2028 vorgesehen.
Tajmars Aussage, dass der Mond künftig zu einem regelmäßig erreichbaren Ziel werden könnte, steht deshalb nicht völlig losgelöst von realen Programmen. Seine Vorstellung geht allerdings deutlich weiter. Im Verkehrsmuseum sprach er auch von Rohstoffabbau auf dem Mond und auf Asteroiden sowie davon, belastende Industrie eines Tages teilweise ins All zu verlagern.
Ob daraus tatsächlich ein Massentransport von Menschen wird, ist offen. Starship befindet sich trotz des jüngsten Erfolgs weiterhin in der Entwicklung. Der Triebwerksfehler beim Flug vom 28. September zeigt, welche technischen Probleme vor regelmäßigen bemannten Flügen noch gelöst werden müssen.
SpaceX ist längst nicht mehr allein
Die amerikanische Raumfahrt wird inzwischen von einem ganzen Netz privater Firmen getragen.
Neben SpaceX entwickelt Blue Origin für die NASA den Mondlander Blue Moon. Für spätere Artemis-Missionen sollen sowohl SpaceX als auch Blue Origin Landefähren bereitstellen. Erst am 29. September nahm die NASA zudem eine größere Variante der Blue-Origin-Rakete New Glenn in ihren Vertrag für künftige Starts auf.
Blue Origin erhielt Anfang September außerdem einen NASA-Auftrag für den Aufbau eines Kommunikationsnetzes am Mars. Der Vertrag kann einen Wert von bis zu 700 Millionen Dollar erreichen. Ein entsprechender Orbiter soll spätestens Ende 2028 geliefert werden.
Auch bemannte private Raumfahrt ist keine reine Zukunftsidee mehr. Axiom Space hat bereits mehrere private Astronautenmissionen organisiert. Die fünfte Mission zur Internationalen Raumstation ist frühestens für Januar 2027 vorgesehen. Die NASA hat mit Vast zudem einen weiteren Anbieter für eine private ISS-Mission ausgewählt. Sie soll frühestens im Sommer 2027 stattfinden. Vast arbeitet zugleich an kommerziellen Raumstationen, die langfristig Aufgaben der Internationalen Raumstation übernehmen könnten.
NASA beschreibt private Astronautenmissionen inzwischen ausdrücklich als Teil ihrer Strategie für eine kommerzielle Wirtschaft im erdnahen Orbit. Raumfahrt soll damit zunehmend vom Modell staatlich finanzierter Einzelmissionen zu einer Infrastruktur werden, die mehrere Unternehmen nutzen.
Dresden baut keine Raketen, aber wichtige Technik fürs All
Dresden ist von einem eigenen Startplatz weit entfernt. Die Stadt besitzt aber bereits ein wachsendes Raumfahrt-Ökosystem.
Tajmar leitet seit 2014 das Institut für Luft- und Raumfahrttechnik der TU Dresden und hat seit 2012 die Professur für Raumfahrtsysteme inne. Sein Team arbeitet unter anderem an neuartigen Satellitenantrieben. Bei einem europäischen Forschungsprojekt untersucht die TU beispielsweise ein System, das Satelliten ohne klassischen Treibstoff bewegen soll. Lange leitfähige Bänder nutzen dabei das Magnetfeld der Erde und elektrische Energie aus Solarzellen. Die notwendigen Komponenten werden in den Weltraumsimulationskammern der TU Dresden getestet.
Auch Unternehmen sind inzwischen in Dresden aktiv. Morpheus Space, eine Ausgründung aus dem Umfeld der TU Dresden, eröffnete 2024 in der Stadt eine Produktionsstätte für Satellitenantriebe.
Mit Phytronic, Neosat und Inradios arbeiten weitere Dresdner Unternehmen an Satellitenkommunikation und Raumfahrttechnik. Rohde & Schwarz übernahm Phytronic und Neosat erst im September 2026 und baut damit seinen Raumfahrtbereich in Dresden weiter aus.
Sachsen plant zudem mit „Saxon-1“ eine eigene Satellitenmission. Unternehmen und Forschungseinrichtungen sollen damit Raumfahrttechnik unter realen Bedingungen im Orbit testen können. An dem Projekt wollen sich mehrere sächsische Unternehmen beteiligen.
Dresden wird damit nicht zum Cape Canaveral. Bei Antrieben, Kommunikation und Satellitentechnik ist die Stadt aber bereits Teil der wachsenden New-Space-Industrie.
Vom Forschungslabor zum Weltraumbahnhof ist es noch weit
Tajmar macht keinen Hehl daraus, dass bei seiner Weltraumbegeisterung auch Emotionen eine Rolle spielen. Am Ende der Diskussion sagte er über die Raumfahrt: „Ich liebe es. Es freut mich, wenn das jemand mitmachen möchte, kann man nichts machen, wenn ich nicht überzeugen kann. Ich liebe es.“
Die Vorstellung eines Weltraumbahnhofs in Dresden ist deshalb heute keine konkrete Planung. Es gibt weder ein Projekt für einen Startplatz noch einen Zeitplan für Passagierflüge von Sachsen zum Mond.
Die Entwicklung in den USA zeigt jedoch, warum solche Gedanken nicht mehr ausschließlich in Science-Fiction gehören. Wiederverwendbare Raketen fliegen, private Astronauten reisen zur ISS, kommerzielle Raumstationen werden vorbereitet und zwei US-Unternehmen entwickeln im Auftrag der NASA Mondlander.
Dresdens Rolle liegt vorerst einige Kilometer tiefer. In Laboren und Unternehmen der Stadt entstehen Antriebe, Kommunikationstechnik und Satellitensysteme. Sollte der Weltraum tatsächlich vom exklusiven Forschungsgebiet zu einem regulären Wirtschaftsraum werden, könnte genau diese Technik wichtiger werden als die Frage, wo irgendwann die Passagiere einsteigen.