Selbst wer sich heute im Berufsverkehr am Emerich-Ambros-Ufer entlangdrängelt, muss sich sehr anstrengen, um einen Blick auf eine Sporthalle zu erhaschen, die knapp 40 Jahre lang als Dresdens größte Mehrzweckhalle in der sächsischen Landeshauptstadt galt.
Dabei steht die Loksporthalle fast direkt an der Straße. Groß wirkt sie dennoch nicht, feiert aber ein großes Jubiläum. Am 3. November 1956 wurde die damals hochmoderne Arena in der teilweise noch stark zerstörten Stadt eingeweiht - als neue Heimstätte der Betriebssportgemeinschaft (BSG) Lokomotive Dresden.
Das Sportbauwerk wurde vom Entwurfs und Vermessungsbüro Dresden der Reichsbahn geplant - und durch eine Eigenheit im DDR-Wirtschaftssystem beflügelt. Denn im Bahnbetriebswerk Eberswalde wurden geeignete Stahlteile für die Konstruktion "gefunden".
Da der bis dato größte Sporthallenbau Dresdens auch entsprechend Platz benötigte, wurden kurzerhand vier Schrebergärten gekündigt und zwei Wohnbaracken am Standort abgerissen. Dass Vereinsmitglied Rudolf Lorenz, seit Kriegsende im Klub und damals einer der einflussreichsten Handball-Funktionäre der Stadt, auch Mitarbeiter der Reichbahndirektion Dresden war, dürfte für die Geschwindigkeit des Bauvorhabens kein Nachteil gewesen sein.
Gesamtkosten sind bislang nicht bekannt
Im Mai 1955 baute die Reichsbahn-Brückenwerkstatt Dresden das Stahlgerüst auf, auf dem die Lokhalle noch heute fixiert ist. Wie teuer der Hallenneubau schließlich wurde, ist selbst beim ESV Dresden nicht bekannt, selbst in der z.T. noch handschriftlich geführten Vereinschronik finden sich dazu keine Angaben. Eine entsprechende Anfrage des Autors an die Deutsche Bahn AG, Rechtsnachfolger der Deutschen Reichsbahn, blieb bislang unbeantwortet. Finanziert wurde das Vorhaben von der Deutschen Reichsbahn und vom Rat des Bezirkes Dresden.
Nichtsdestotrotz wurde die Halle nur wenig später am 3. November 1956 mit einer feierlichen Zeremonie eingeweiht, bei der sich auch die Vereins-Abteilungen, damals Sektionen genannt, mit Demonstrationsübungen vorstellen konnten. Die Halle war damals komplett ausverkauft. "Des beschränkten Platzes wegen ist die Veranstaltung", vermeldete das Monatsprogramm des Vereins, "nur für unsere Mitglieder gegen Vorlage des Mitgliedsbuches, für deren Angehörige sowie für Ehrengäste vorgesehen. Wir bitten um pünktliches Erscheinen. Veranstaltungsdauer ca. 4 Std."

Eine exklusive Party also. Der noch einige folgen sollten. Neben sportlichen aber auch einige kulturelle. Erste Veranstaltung überhaupt war ein Hockey-Turnier im Dezember 1956. "Die Vier Brummers", jahrzehntelang das bekannteste und beliebteste Vokalquartett der DDR und mit die prominentesten Söhne der Stadt, lockten am 30. Oktober 1962 zu ihrem Konzert mit dem Standort-Orchester der Nationalen Volks-Armee (NVA) knapp 2500 Menschen in die Sporthalle. Immerhin mussten die die Besucher damals nicht mehr frieren - denn ein Fernheizanschluss wurde erst 1961 verlegt - also drei Jahre nach der Einweihung. Selbst die Fenstersimse waren beim außergewöhnlichen Konzert belegt, berichtet Augenzeuge und Vereins-Chroniker Karl Schreiber. "Das war damals wirklich ein Ereignis für Dresden", sagt der 89-Jährige.
Dabei war die Halle nur für eine offizielle Zuschauerkapazität von 1900 Besuchern ausgelegt. Bis zur Fertigstellung der Mehrzweckhalle an der Bodenbacher Straße, der heutigen Cyberport-Arena, im Jahr 1998 war die Loksporthalle de facto die Halle mit der höchsten Besucherkapazität.
Halle hat mehrere Baustellen
Die Loksporthalle erlebte etwa Länderkämpfe im Hockey, Kegeln, Rhythmischen Sportgymnastik gegen Polen, Ungarn und die UdSSR. Mit Paul Tiedemann gastierte einer der weltbesten Handballer seiner Generation mit dem SC DHfK Leipzig bei der BSG Lok. Denn die Dresdner Handballer spielten etliche Saison in der DDR-Oberliga, der höchsten Spielklasse des sozialistischen deutschen Staates und sorgten dabei mit ihren Duellen gegen die großen Vereine wie Rostock, Madgeburg oder Leipzig meist für eine ausverkaufte Halle. Mit Uwe Spindler stellten die Dresdner in der Saison 1964/65 sogar den Torschützenkönig der Oberliga.
Das Alter ist natürlich nicht spurlos an dem Bauwerk vorübergegangen. "Wir sind mit der Stadt in Verhandlung, aber die hat ja kein Geld, das ist ja bekannt. Unsere Halle hat wirklich Riesenprobleme, die uns eine Perspektive in der Lokhalle sehr schwermachen", sagt Joachim Lux, Vorsitzender des Mehrspartenvereins, in dem heute 15 Abteilungen beheimatet sind.
"Einmal sind die Heizung und alles was mit klimaneutraler Nutzung zusammenhängt ein Riesenthema", betont der ehemalige DDR-Oberliga-Handballer. "Die zweite und noch akutere Problem ist die Beleuchtung. Die hat fast das gleiche Lebensalter wie die Halle selbst. Es finden sich einerseits kaum noch Ersatzteile, und zweitens gibt es damit für den Energieverbrauch riesige Nachteile", sagt Lux.

Die Zeit für Veränderungen drängt. Schon heute kann die Loksporthalle nur wenige Standards der Sportfachverbände erfüllen. "Beim Hockeysport haben wir nur eine Zulassung für den Nachwuchsbereich und für niederschwellige Leistungsmannschaften. Die Halle stößt von ihrer Grundfläche an die Grenze des Erlaubten", sagt Joachim Lux.
Die Handballer der ESV spielen in der Verbandsliga und haben dort für ihre Spielstätte Loksporthalle eine Sonderzulassung. "Wir könnten theoretisch noch eine Liga höher in der Landesliga spielen, dafür haben wir auch noch eine Sonderzulassung. Wie lange noch, muss man sehen", sagt Lux. Die brandschutzpolizeiliche Maximalauslastung liegt noch bei bis zu 500 Besuchern. Gleichwohl sind durch strukturelle Umgestaltungen in der Halle einige Plätze weggefallen.
In puncto Modernisierung "hatten wir Pech und Glück", wie es der Vereinschef betont. Beim Jahrhunderthochwasser 2002 durchspülte die Weißeritz bis in knapp 50 Zentimeter Höhe auch die Loksporthalle. "Das Parkett mit seinem Unterboden ist damit komplett abgesoffen. Mit Fördermitteln konnten wir einen neuen Boden verlegen. Die Spielfeldumrandung konnten wir damals auch mit erneuern. In der Beziehung ist die Halle top, auch das Hallenskelett bereitet uns durch die Stahlkonstruktion keinerlei Probleme", sagt Lux. Aber die Dachdämmung bedarf zeitnah zumindest einer Sanierung.
Damit wäre dann vermutlich auch das nächste runde Jubiläum von Dresden einstmals größter Sporthalle gesichert.